Reise
09.03.2013

Klischees und skurriles Treiben

Spanien wirbt mit verschneiten Pisten, Deutschland mit Tropenfeeling im Gewächshaus.

Zigarren-drehende Kubaner, als Gorillas verkleidete Studenten, bunte Trachten, aber auch viele sehr nüchterne Verkaufskojen: 10.000 Aussteller aus 180 Ländern rühren auf der ITB, der größten Tourismusmesse der Welt, die Werbetrommel.

So hält der deutsche Philosoph und Wissenschaftler Gottfried Wilhelm Leibniz Hof, um auf die Herrenhäuser-Gärten bei Hannover aufmerksam zu machen. Besucher aus arabischen Ländern und Asien greifen dank seiner imperialen Verkleidung fast reflexartig zur Kamera. Westliche Gäste füttert „Ihre Exzellenz“ alternativ mit Leibniz-Keksen an. „Miss Uganda“ hat es in puncto Aufmerksamkeit zumindest bei den Herren leichter. Auch beim x-ten Foto lächelt sie noch freundlich in die Kamera.

Spanische Pistenparty

Die meisten Länder setzen auf bekannte Klischees, wie Spanien auf Sonne, Strand und Meer. Aber nicht nur. So wirbt Andalusien auch mit Bildern verschneiter Berge. „Wir haben in der Sierra Nevada derzeit viereinhalb Meter Schnee“, behauptet Adrian Moscoso-Lopez. Er leitet das erst im Oktober eröffnete Tourismus-Büro der Skiregion in London. Derzeit kommen noch acht von zehn Gästen aus Spanien – und das vor allem am Wochenende. Das „südlichste Skigebiet Europas“ muss internationaler und unter der Woche belebter werden, so sein Auftrag. Die Spanier geben seit der Wirtschaftskrise nicht mehr so viel Geld auf den Pisten aus. Wie viele andere hofft Moscoso-Lopez auch auf zahlungskräftige russische Gäste.

Eine tropische Urlaubswelt mit Sandstrand, Wasserrutschen und Regenwald-Pfad nebst Campingmöglichkeit gibt es auch in Deutschland, erfährt man auf der ITB. Und zwar in einer Art Gewächshaus. „Das Gebäude ist UV-Licht-durchlässig“, beeilt sich Pressereferentin Janet Schulz zu betonen. Das 66.000 Quadratmeter große „Tropical Island“, 60 Kilometer südlich von Berlin, ist übrigens aus einer Not heraus entstanden. Eigentlich hätte hier ein Riesen-Zeppelin parken sollen, der für den Transport von Containern gedacht war. Das Projekt ist geplatzt. Ein malaysischer Investor kam mit seinem Tourismuskonzept auf dem „Zeppelin-Parkplatz“ zum Zug.

Apropos Zug: Zwischen zwei Messehallen parkt ein K&K-Hofsalon-Zug aus Österreich, ein Nachbau des Reisegefährts von Kaiser Franz Joseph I. und Sissi. Je nach Belieben kann darin getanzt, in einem Casino gespielt, Vorträgen gelauscht oder einfach gereist werden. Das gefällt asiatischen Gästen. „Wir sind vor allem im Chartergeschäft tätig“, sagt Zug-Manager Dzaner Arnaut und zeigt stolz Presseartikel japanischer, chinesischer und russischer Medien. Eine Fahrt von Wien nach Budapest für 60 Leute kostet übrigens rund 24.500 Euro.

Ayurveda in Polen

Was sich vermarkten lässt, finden schnell den Weg rund um den Erdball. Besonders im Tourismus. So wirbt Polen auch mit Ayurveda-Aufenthalten, also Behandlungen nach alter indischer Naturmedizin. Gestresste Messebesucher holen sich publikumswirksam eine Probe-Behandlung und stecken sich den Prospekt des Luxus-Spa-Hotels ein. „Die Einrichtungen der Wellnesshotels, ihre Kräuter, Öle und Konzepte sind mittlerweile in vielen Hotels und Ländern austauschbar“, ätzt Robert Rogner, Chef der steirischen Hundertwasser-Therme Blumau. „Sie kommen alle vom selben Ausstatter, der allen dasselbe verkauft.“

Geätzt wird auch bei den unzähligen Standpartys, die traditionell den Messetag ausklingen lassen. Etwa über Gäste, die quasi alles mitgehen lassen. Quasteln an schweren Vorhängen werden in unbeobachteten Momenten abgeschnitten, Silberbesteck verschwindet in Handtaschen und bei Kronleuchtern in Hotelzimmern fehlt auffällig oft die Glaskugel in der Mitte des Leuchters.