Tirol: Entdeckung der Langsamkeit

Reisegeschichte - Buchbesprechung<br />
VENT…
Foto: PHILIPP HORAK   

Das Tiroler Dorf Vent ist eines der wenigen wirklich echten Bergsteigerdörfer in Österreich. Wer hierherkommt, sucht mächtige Natur und ergreifende Stille. Um den kleinen Ort zu beschreiben, muss man vor allem eines tun: seinen Rhythmus spüren.

Vent liegt oben in den Bergen, außerhalb der Zeit. Das Dorf ist klein, gerade 150 Menschen leben hier. Wer die Straße von Zwieselstein bergauf nimmt, kommt zuerst in Heiligkreuz vorbei, wo in pittoresker Lage die Kirche "Zum Heiligen Kreuz" steht, passiert die Abzweigung nach Winterstall und sieht schon anderthalb Kurven vor dem Ortsschild den Zwiebelhelm der Venter Pfarrkirche, der hübsch und wehrhaft auf deren Turm sitzt.

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VENT… Foto: PHILIPP HORAK Ein Bach, ein Dorf, ein Berg: die Venter Ache, Vent, die Kreuzspitze

Erster Eindruck: Ein kleines Dorf. Zweiter Eindruck: Was für eine mächtige Landschaft! Denn Vent ist umsponnen von Höhe. Die steilen Hänge, die im Venter Tal zusammenlaufen, fliehen nach oben. Es ist kaum möglich, sich dem Reiz und der Macht dieser Höhe zu entziehen. Vor der Kirche zu stehen, auf 1.900 Meter Seehöhe, und rundherum zu schauen, bedeutet, einen steifen Nacken zu bekommen. Auf der einen Seite macht der Ramollkogel mit seinen 3.549 Metern auf sich aufmerksam, auf der anderen steigen grüne Hänge nach oben, hinter deren Krümmung, von Vent aus gesehen, sich die spektakulären, eisigen Gipfel der Ötztaler Alpen verbergen: die Weißkugel, die Weißseespitze, die Hochvernagtspitze und natürlich der Berg, dessen Name jeder Vent-Besucher kennt: die Wildspitze.

Wildspitze<br />
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Photograph<br />
Philipp Horak<br />
www.phili… Foto: Philipp HORAK

Noch ein Berg: die Wildspitze, mit 3.774 Meter der zweithöchste Berg Österreichs

Vent ist ein Bergsteigerdorf. Das Wort meint nicht nur den Ist-Zustand, die zahlreichen Menschen mit großen Rucksäcken und Kletterausrüstung auf den Dorfstraßen, sondern mehr als das: Als "Bergsteigerdörfer" dürfen sich nur eine Handvoll Ortschaften in den Alpen bezeichnen, in denen "das Bergsteigen im kulturellen Selbstverständnis der Einheimischen und Gäste einen hohen Wert" genießt. Diese Initiative des Alpenvereins verpflichtet ihre Mitgliedsdörfer auf mehr als eine bloße Absichtserklärung. Weiter im Text, der im Übrigen klingt, als sei er in Vent verfasst worden, von Autoren, die ihre Finger am Puls dieses Orts gewärmt haben: "Hier ist das Bewusstsein über den notwendigen Einklang zwischen Natur und Mensch noch lebendig und man respektiert natürliche Grenzen. Weniger, dafür besser, das ist die Devise."Vent hat sich für ein Weniger an moderner Infrastruktur entschieden, das sieht man dem Dorf auf den ersten Blick an. Wo in anderen Orten die Schaufenster der Sportgeschäfte und Modeboutiquen dominieren und dicke Kabelstränge aus futuristischen Bauten in die Höhe führen, befinden sich hier ganz normale Alpenhäuser. Klar, kaum ein Haus, das nicht Betten an Gäste vermietet oder eine kleine Jausenstation beherbergt. Auch die klassischen Hotels, die auf weit mehr als hundert Jahre Tradition zurückblicken, sind ein bisschen muskulöser und massiver geworden und bieten Komfort, den Gäste im 21. Jahrhundert erwarten.

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Kaum ein Haus, das nicht  Betten an Gäste vermietet oder eine kleine Jausenstation beherbergt. Kategorien: von einfach bis vier Sterne – aber eigentlich sind die Sterne am Himmel wichtiger

Um Vent zu beschreiben, braucht es aber andere Kriterien. Da reicht es nicht aus, die Sterne der Hotels oder die Hauben der Restaurants zu zählen. Um Vent zu beschreiben, muss man den Rhythmus des Ortes spüren. Dieser Rhythmus ist bedächtig und beständig. Er gleicht dem Schritt eines Wanderers, der weiß, wie er sich seine Kräfte einteilen muss. Nie ist der Rhythmus zu schnell, nie ist er unruhig. Nie wird in Vent eine Entscheidung übers Knie gebrochen. Klar, als der berühmte Kurat Franz Senn in Vent den modernen Bergtourismus erfand, erkannten ein paar Familien, dass es lohnend sein könnte, Bergsteigern ein Bett und eine Mahlzeit zu bereiten. Trotzdem musste der Kurat mit leuchtendem Beispiel vorangehen und sein Widum zur Herberge umfunktionieren, bevor die Einheimischen nachzogen, bedächtig und niemals unüberlegt.

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VENT… Foto: PHILIPP HORAK

Die Gegend ein Traum für Bergsteiger und Wanderer: Rauf auf den Berg, rundumedum - aber erst einmal rasten

Der Weg hinauf nach Vent ist noch immer weit. Man muss von der Autobahnabfahrt im Inntal bis hinauf auf 1.900 Meter eine gute Stunde rechnen, wenn man nicht mit den Radarkästen in Konflikt kommen will.Wenn man diese Stunde daran misst, dass es bis zum Jahr 1956 keine durchgehende Straße hinauf nach Vent gab, dass man zuerst aufs Pferd, dann auf den Jeep und bis 1973 auf den Autobus umsteigen musste, um hinauf zu den Gstreins und Kleons und Pirpamers zu gelangen, dass es also mindestens eine Tagesreise vom Tal-eingang hinauf nach Vent war, dann bekommt man einen Eindruck von der Beschleunigung, die unsere Leben genommen haben. Das Gute daran: Vent hat sich dieser Beschleunigung nicht ausgeliefert. In Vent gehen die Uhren immer noch anders.Zum Beispiel hat Vent ein feines, überschaubares Skigebiet erschlossen, das von 1.900 Meter auf die respektable Höhe von 2.680 Meter hinaufreicht. Der Doppelsessellift mit dem schönen Namen "Wildspitze" transportiert seine Gäste auf die Stablein-Alm. Von dort führt ein Schlepplift zur Bergstation "Wilder Mann".

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VENT… Foto: PHILIPP HORAK

Ein Sessellift  transportiert die Gäste auf die Stablein-Alm, Ausgangspunkt für  Touren und Wanderungen 

Auf der anderen Seite des Tals üben Anfänger ihre ersten Liftfahrten hinter der Kirche und verdienen sich auf dem Gampenlift und dann auf dem Ochsenkopflift ihre Sporen. Insgesamt ergibt das fünfzehn Kilometer Pisten und Superlative der anderen Art. Denn natürlich ist das Skigebiet Vent keine Pistenmaschine wie die großen, berühmten Skistationen im Ötztal, im Paznaun oder am Arlberg. Es ist ein übersichtliches Skigebiet, das sich ohne große Eingriffe in die Natur einfügt, mit einem Minimum an Beschneiung auskommt und seinen Gästen kein zu hohes Tempo abverlangt. Hier ist, wenn man so will, ein individuelles Skifahren angesagt, ein Genießen der gleichzeitig spektakulären und eigenwilligen Gegend, der schieren Höhe, der zeitlosen, alpinen Grundstimmung. Individualität ist sowieso ein Wort, das gut zu Vent passt. Individualität bezeichnet, so die Definition, "die Gesamtheit aller Merkmale, welche den einzelnen Menschen von allen anderen Menschen unterscheidet". Damit kommen wir nahtlos zu dem wesentlichen Grund für die Individualität dieses Dorfes: zu seinen Menschen.

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Als es am VenterFriedhof noch keine Totenhalle gab, bahrten die Venter hier verunglückte Bergsteiger auf. Heute ist die Bergsteigerkapelle  ein Ausstellungsort.

Direkt an der Venter Ache, fast schon im Schatten der Straßenbrücke über die Schlucht, steht die Bergsteigerkapelle, ein aus massiven Steinen gebautes Haus mit Schindeldach und einem Holzturm. Die Kapelle ist aus dem "Feuerwehrhäusl" hervorgegangen, das in den Dreißigerjahren an dieser Stelle errichtet worden war. Als es am Venter Friedhof noch keine Totenhalle gab, bahrten die Venter hier verunglückte Bergsteiger auf. Heute ist die Bergsteigerkapelle ein Ausstellungsort.Hinter der Kapelle hat der Fotograf Bernd Ritschel beeindruckende Schwarz-Weiß-Bilder ausgestellt, die "Gesichter aus den Bergen" zeigen. In diesen Gesichtern ist etwas Grundsätzliches zu sehen, das die Venter Generation von gestern mit der von heute verbindet und wahrscheinlich auch mit der von morgen: Neben all den Spuren des Wetters, der Jahreszeiten und vieler Mühen tragen die Gesichter vor allem die Spuren von – Zufriedenheit.In Vent erklärt sich Zufriedenheit nicht in Zahlen.

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Vent lebt den „sanften Tourismus“.   Der Ort ist groß  genug. Es gibt genug Betten,  noch mehr braucht es nicht.  Vent darf bleiben, wie es ist

Klar, auch in Vent bemüht sich jeder, dass er sein Auskommen hat. Aber sobald er dieses Auskommen hat, braucht er nicht das Doppelte. Oder das Dreifache.Deshalb ist Vent auch nie in die Spirale eingetreten, die nach immer neuen Maximierungen von Komfort, Technik und Investitionen verlangt. Der Ort ist groß genug. Es gibt genug Betten für die Gäste, die man sich wünscht, und man kommt nicht in Versuchung, noch mehr Betten anzubieten, um sie dann mit Gästen zu füllen, denen man auf unwürdige Weise hinterherlaufen müsste. Klar hat sich auch der Tourismus in Vent verändert. In den Pionierjahren, der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, waren ausschließlich Bergsteiger gekommen, um sich an den umliegenden Gipfeln und Gletschern zu versuchen. Sie nahmen eine strapaziöse Anreise in Kauf. Die Arlbergbahn mit ihrer Station "Ötztal Bahnhof" wurde erst 1884 eröffnet, eine Straße durch das Ötztal nach Vent gibt es erst seit 1956.

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Stille und Ruhe sind hier kein Zufall, sie sind Programm, Lebenseinstellung, Kulturgut

Zwischen 1869 und 1909 entstehen rund um Vent acht Hütten und Hospize samt dem Wegenetz, wie wir es heute noch vorfinden. Der deutsche Alpenverein, 1869 gegründet, besitzt und betreibt sechs davon. Zwei – die "Schöne Aussicht" auf dem Hochjoch und die "Similaunhütte" – werden bis heute privat unterhalten. Diese Hütten und die sie verbindenden Wege sind die Voraussetzung dafür, dass seit fast 150 Jahren unvermindert Wanderer und Bergsteiger nach Vent strömen.Nach der Jahrhundertwende wird zusehends das Skifahren populär. Vent, das bis dahin im Winterschlaf gelegen war, übt plötzlich auch einen Reiz auf Skitouristen aus. Im Ötztal werden die ersten Skischulen gegründet. In Vent entstehen Hotels. Das größte ist das abseits des Ortskerns gelegene "Hotel Vent", das über 60 Zimmer und hundert Betten verfügt. In den dreißiger Jahren wird die "Pension Gstrein" gebaut, die – wie es der Architekturkritiker Horst Christoph poetisch formuliert – für "den Hüftschwung ihrer Fassade" berühmt wird.

Der Wintertourismus in seiner ganzen Dimension beginnt freilich erst "in den sechziger, siebziger Jahren", wie der Bergführer Martin Gstrein beobachtet. Im Sommer steht nach wie vor Wandern und Bergsteigen auf dem Programm, aber inzwischen auch die Flucht aus den heißen Städten, sprich: Sommerfrische. Außerdem kommen, wie der Hüttenwirt der "Breslauer Hütte", Alex Scheiber, analysiert: Bergsteiger, die für eine Tagestour ins Tal kommen; Ötztal-Gäste, die einen Ausflug nach Rofen oder auf eine der leichter zu erreichenden Alpenvereinshütten machen wollen; und Wanderer, die auf dem Europäischen Fernwanderweg E5 von der französischen Atlantikküste nach Verona unterwegs sind und für eine Nacht nach Vent absteigen. Im Jargon der Touristiker heißen sie "die E5ler".

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VENT… Foto: PHILIPP HORAK

Ein Paradies für Ausflugsziele

Auch wenn die Quartiere Vents gut gefüllt sind, atmet der Ort seinen ursprünglichen Rhythmus. Zwischen Ortseingang und Ortsausgang gibt es so gut wie keinen Verkehr. Die Autos werden vor der Kirche oder beim Wildspitze-Lift geparkt. Im Dorf geht man zu Fuß. "Man kennt sich", sagt Hubert Klotz vom Geierwallihof. "Man grüßt sich. Alle sagen sich du. "Es heißt ja, dass nichts schwieriger sei, als mit einem Tiroler länger als zehn Sekunden per Sie zu bleiben. Natürlich ist das ein Klischee, und wenn es in Vent trotzdem zutrifft, dann aus einem ganz anderen Grund: Die Venter begegnen ihren Gästen so familiär (und umgekehrt), dass jede andere Ansprache als die auf Augenhöhe falsch wäre. Das Familiäre stammt aus dem gemeinsamen Verständnis dessen, was man als Lebensqualität bezeichnet. "Wir haben hier nicht nur Arbeit und Geld, Saison und Wirtschaft", sagt Markus Pirpamer, Bauer und Hüttenwirt der Similaunhütte. "Wir haben hier noch etwas anderes. Wir haben hier noch mehr." Dieses andere ist das Bekenntnis zur Gegend, zur Landschaft, zur Natur. Deshalb betreibt Pirpamer, so wie insgesamt fünf Betriebe in der Agrargenossenschaft, nach wie vor Landwirtschaft.

Aus der eigenen Schlachtung versorgt er die Similaunhütte vollständig mit Fleisch, was ein Nachweis von Bodenständigkeit, Qualität – und dem gewissen "Mehr" ist, wovon Markus spricht.Und natürlich ist es ein Bekenntnis zur Nähe. Pirpamer kann diese Nähe und ihre Qualitäten einordnen. Er ist gereist, er hat die Welt gesehen. Dann ist er zurückgekehrt, weil er das, was Vent im Übermaß hat, als Qualität erkannt hat: die Ruhe. Die Langsamkeit. Die Freiheit, die eigenen Kinder im Ort herumlaufen zu lassen und nie darüber nachdenken zu müssen, ob sie auch in Sicherheit sind. Sie sind in Sicherheit. Vent liegt oben in den Bergen, abseits der Superlative. Natürlich erkennt jeder, der sehen kann, die Schönheit der Bergwelt, der Gletscher, der Gipfel, die das Dorf umgeben, der täglich sich ändernden Farben, der Flora des Hochgebirges und der eigenwilligen Stimmungen des Wetters, die jeden Tag andere sind. Jeder spürt die Freundlichkeit der Menschen, ihre Zugewandtheit, ihre Ruhe.Während anderswo die Vorzüge eines Ortes quantifiziert und lauthals angepriesen werden, kann es sich Vent erlauben, still zu sein: es selbst zu sein.  Vent zu sein.

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Lesenswert: "Vent. Dorf der Berge", Mit Illustrationen von Tim Möller-Kaya. 144 Seiten, 12 Euro. Erhältlich über Ötztal Tourismus, Informationsbüro Vent, www.vent.at

(Kurier freizeit am Samstag) Erstellt am
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