Reise 05.12.2011

Stadtsprünge im Land der Dome

Sachsen-Anhalt. Acht deutsche Städte in der ehemaligen DDR und ein Programm - Weltkultur zwischen Harz und Elbe, wo Reformer Luther, Maler Cranach und Musiker Händel den Zeitgeist prägten.

Mit dem Wiener Schnitzel meinen sie's nicht gut - Klöße, Soßen und Säfte sind doch nicht die wahren Beigaben. Aber wegen des Essens fährt sowieso keine(r) dorthin. Und "zufällig" auch nicht. Man muss schon wollen.

Lust auf geschichtsträchtige deutsche Lande an der Elbe und Neugier, ob's denn gut 20 Jahre nach der Wende auch noch nach DDR riecht, sind taugliche Begleiter auf der Entdeckungstour durch Sachsen-Anhalt.

"Willkommen im Land der Frühaufsteher", heißt's an der Landesgrenze. "Wir wollen was schaffen, also sind wir früh auf den Beinen", erklärt ein Magdeburger Touristiker das Ergebnis einer Deutschland weiten Umfrage über Aufsteh-Zeiten. "Wir sind ja nur ein Bindestrich-Bundesland", fügt er wehmütig dazu, "obwohl hier geschichtlich die Urzelle von Deutschland ist."

Spätromanik-Dom St. Peter und Paul in Naumburg.
© Bild: Tourismusamt Naumburg

Im Erbreich der Ottonen, der mittelalterlichen Deutschland-Macher, haben die ausgewiesenen Kürzer-Schläfer indes schon viel geschaffen und mehr errichtet als Wälder von Windrädern. Ihr flaches, weites Land, dicht bestückt mit romanischen und gotischen Domen, Kirchen und Klöstern, mit wehrhaften Burgen und protzigen Residenz-Schlössern, mit fast kitschigem Fachwerk und revolutionären Bauhäusern, lockt immer mehr Entdecker. Und die staunen!

Viele Altlasten der finsteren DDR-Schwerindustrie und jene im einstigen "Chemiedreieck" bei Halle sind weggeräumt. Die Luft ist rein, Altstädte strahlen in neuer Aufmachung. Aber klar gibt es noch Plattenbauten, anderen grotesken Bauwahn und skurrile Überbleibsel an Ruinen, die an den Untergang des "Ersten deutschen Arbeiter- und Bauernstaates" erinnern. Doch eben diese Relikte aus sozialistischen Tagen machen die Tour zur besonderen Zeitreise.

"Stadtsprung" heißt meine Fahrt, Aufbruch in Magdeburg. Landeshauptstadt mit stolzem Dom und breitem Boulevard nach stalinistischem Stil, mit neuem Leben am lange verwaisten Elbe-Ufer und dem meisten Grün in deutschen Städten nach Hannover, aber ohne wirkliches Zentrum. Die Stadt der kurzen Wege, der "Halbkugeln" (der Physiker Otto von Guericke entdeckte damit das Vakuum), der Telemann- und überhaupt Kultur-Liebhaber, der Elbe-Radler und Flusskreuzfahrer. Und eines mächtigen Hundertwasserhauses.
Auf der Südroute der "Straße der Romanik" springe ich weiter nach Halberstadt - "Ort der Vielfalt", Tor zum Harz. Viele Türme mit 46 Glocken prägen die Silhouette. Herz der Kirchen-Stadt, in der bis 1980 noch Schafe im Zentrum geweidet haben, ist der Dom, ein Meisterwerk gotischer Baukunst, über die Dom-Kustos Labusiak stundenlang monologisiert. 1989 hingegen haben friedliche Demonstranten im Chor "Schwerter zu Pflugscharen" gefordert.

Weltkultur-Erbe

Spätromanik-Dom St. Peter und Paul in Naumburg.
© Bild: Tourismusamt Naumburg

Weiter nach Quedlinburg. Historisch als einstige Königspfalz auch eine "Wiege" von Deutschland, architektonisch ein einziges Denkmal, seit '94 Weltkulturerbe. Eine Schatztruhe mit Romanik (Stiftskirche), Gotik, Jugendstil und Fachwerk, mit winkeligen Gassen, uraltem Pflaster, das festes Schuhwerk beim Begehen erfordert und echtem Kunsthandwerk. Millionen flossen und fließen, um original wieder aufzubauen, was in der DDR dem Verfall preisgegeben war. Heute blüht Quedlinburg, lacht man im Lüdde-Bräu über ulkige Schwarzbier-Namen wie "Pubarschknall" und "Knuttenforz", bieten 1450 Betten auch jenen Quartier, die in die Wälder des Harz wandern oder sich mit der Dampflok auf Schmalspur - ein Traum für Eisenbahn-Nostalgiker - hochziehen lassen auf den Brocken.

Ein mystischer Berg mit zwar nur 1141 Metern ("Blocksberg"), aber irren Wetterkapriolen, viel Nebel und einer sonderbaren Geschichte: In der DDR-Zeit für die Bevölkerung Sperrzone, für die ostdeutschen Grenzsoldaten wichtiger Posten im "Kalten Krieg" gegen die Bundesrepublik, nach der Wende mit viel Aufwand zum Nationalpark mit 1,5 Millionen Tagesgästen pro Jahr "renaturiert".

Ganz nahe am Brocken liegt Wernigerode. Ein romantisches Fachwerk-Städtchen mit Schloss, Museen, bunten Festen, mit berühmtem Rathaus (beliebter Heiratsort), entzückend restaurierten Häusern und netten Gasthöfen, die mit Harzer Bachforelle, Harzer Käse und Gustostückerln vom Harzer Höhenvieh verwöhnen.

Luther & Cranach

Spätromanik-Dom St. Peter und Paul in Naumburg.
© Bild: Tourismusamt Naumburg

Vom Harz wieder an die Elbe, in die Luther- und Universitätsstadt Wittenberg. Dort heißt's "Alles Luther". Was Rom für Katholiken, ist Wittenberg (im Kleinen) für Protestanten. Der Kult um den umstrittenen Reformer (1483-1546) mit den Originalschauplätzen der Reformation hat Magisches, die restaurierte Altstadt wird zum religionshistorischen Laufsteg. Beim berühmten Tor der Schlosskirche, wo Luther die 95 Thesen wider den Ablass angeschlagen hat, herrscht Vollversammlung mit auffallend vielen US-Besuchern. Im Zweistunden-Takt werden die Scharen zu allen Luther-Denkmälern - und im Vorbeigehen - auch zum Erbe des weltberühmten Wittenberger Malers Lucas Cranach dem Jüngeren geführt. In den Schanigärten gibt's Lutherbier und "Nonnenfurz", einen Bierlikör, dazu Bibelbrot. Im Kontrast zu Luther und Cranach bietet Wittenberg auch anderes: ein "Haus der Geschichte" mit DDR-Museum, einen Tierpark mit Affen und Schmetterlingshaus oder eine gemütliche Schiffsfahrt durch die Faszination der Elbe-Auen.

Bauhaus


Das nächste Ziel ist Dessau-Roßlau. Alte Residenzstadt mit bedeutendem historischen Bau-Erbe und restauriertem Kulturpfad neben einladenden Schanigärten, die Stadt des "Bauhauses" und der Meisterhäuser des Funktionalismus-Architekten Walter Gropius im nüchternen Stile der klassischen Moderne. Und eine Pforte zum idyllischen Gartenreich Wörlitz mit einer Schlösserlandschaft wie in England. Das Boot schlägt sich durch die urwüchsigen Auen der Elbe und Mulde zu den Prachtschlössern Wörlitz, Oranienbaum, Luisium, Mosigkau, Georgium. Ein Traum für Schloss-Romantiker, seit 2000 Welterbestätte.

Glocken- & Orgelspiel

Halle an der Saale. Eine hässliche Stelzenbrücke quer durch die Stadt - irres DDR-Relikt - nährt Vorurteile. Die aber mit jedem Meter näher dem Zentrum schwinden, sich in der restaurierten Altstadt in echtes Staunen verwandeln. Belebter Marktplatz, frühgotischer Dom mit barocken Schätzen, Roter Turm mit Europas größtem Glockenspiel, Flanier- und Kneipenmeilen. Pflicht für jeden Besucher sind das Händel-Haus, ein modernes Musikmuseum über Leben und Wirken des Komponisten und die Stiftung Moritzburg, ein extravagant gestyltes Kunstmuseum. Halle ist traditionsreiche Schoko- und Salz-Stadt. "Halloren-Kugeln", die ostdeutschen Mozartkugeln, waren schon in der DDR Export-Klassiker.
Der letzte Sprung führt nach Naumburg. Noch einmal sakrale Kunst von Weltruf - der spätromanische Dom mit der berühmten Uta (und der Landesausstellung "Naumburger Meister") ist so etwas wie architektonische Veredelung der Kultur-Region Sachsen-Anhalt. Dazu passt "Orgel punkt zwölf", ein rituelles Mittagskonzert an der Hildebrandt-Orgel in der Wenzelskirche jeden Mittwoch, Samstag, Sonntag.

Weinstraße

Profan und sehr g'schmackig endet die Tour bei exzellentem Wein im Saale/Unstrut-Anbaugebiet. In Europas nördlichster Weinregion mit einer romantischen Weinstraße blüht seit den 1990ern neue Weinkultur rund um die frühreifen Sorten Gutedel, Scheurebe, Müller-Thurgau, Weißburgunder und Silvaner. Kleine, feine Herbergen direkt beim Winzer, gute Jaus'n und bunte Weinfeste laden zu Einkehr in der Auszeit, z. B. auch in die "Rotkäppchen"-Sektkellerei in Freyburg.

INFO

Anreise z. B. von Wien über Prag, Dresden nach Magdeburg (A 14) ca. 680 km

Tour-Tipp
- " Stadtsprung" auf der "Straße der Romanik", die als Teil der Europäischen Kulturstraße "Transromanica" in Sachsen-Anhalt 1200 km lang, in 8er-Form mit Zentrum Magdeburg angelegt ist und 80 romanische Bauten in 65 Orten verbindet. "Stadtsprung" ist eine Städte-Kooperation zwischen Elbe und Harz, dazu gehören Magdeburg, Halle, Dessau-Roßlau, Lutherstadt Wittenberg, Naumburg, Halberstadt, Quedlinburg und Wernigerode.

Hotel-Tipps
-Magdeburg, Grüne Zitadelle, Hundertwasser-Haus, DZ/F ab 125 €, www.hotel-zitadelle.de
-Halle, Ankerhof, nobles 4*-Haus in einem ehemaligen Speicher, DZ/F ab 90 €, www.ankerhofhotel.de
-Wittenberg, "Schwarzer Bär", solides 3*-Superior-Stadthotel, DZ/F ab 75 €,
www.stadthotel-wittenberg.de

Einkehr-Tipps

-Magdeburg, Domplatz 12: Bralo House, Top-Steak-Restaurant, www.bralo-house.de
-Halle, Kleine Klausstraße 2: Hauben-Restaurant Immergrün, restaurant-immergruen.de
-Naumburg, Steinweg 5-6: Restaurant Bocks, regionale deutsche und mediterrane Küche, www.bocks-restaurant.de
-Wernigerode, Marktplatz 5: Restaurant & Hotel Weißer Hirsch, gepflegte deutsche Küche, www.weisser-hirsch-de
-Quedlinburg, Carl-Ritter-Str.1, Brauhaus
-Lüdde, deutsche Wirtshauskultur mit Gast-Garten, Hotel und Privatbrauerei,
www.hotel-brauhaus-luedde.de

Allgemeine Info
www.stadtsprung.de
www.romanik-info.de
www.weinregion-saale-unstrut.de

( Kurier ) Erstellt am 05.12.2011