© Wolfgang Godai

Reise
01/31/2019

Reisen im Land des Turkmenbashi 

Langsam beginnt sich Turkmenistan für Touristen zu öffnen. Was auffällt: Der verstorbene Staatsgründer Turkmenbashi ist allgegenwärtig.

Die Flammen spritzen aus hunderten Löchern in die kalte Wüstennacht, lodern im Krater hoch bis zu seinen Rändern und lassen die Gesichter der Beobachter dort in heißen Schauern erglühen. Das Spektakel mitten in der Karakum-Wüste nennen die Einheimischen „Das Tor zur Hölle“. Und zwar seit 47 Jahren, als nach einer missglückten Erdgasbohrung der Sowjets giftiges Methangas entwich. Es wurde angezündet und brennt bis heute.

Einige Fahrstunden weiter nördlich erreichen wir die Zivilisation, gleichzeitig auch jene des Mittelalters. Konya Urgench war einer der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte der alten Seidenstraße, noch heute stehen hier das höchste Minarett Zentralasiens und gut erhaltene Mausoleen. Auch viele Turkmenen besuchen diese Attraktionen, und prompt sind wir Ausländer Teil des Programms. Ohne Berührungsängste packen uns Familien und Studentengruppen in ihre Mitte, um jede Menge Fotos mit den Fremden heimzubringen.

Sogar als wir später an einem Baumwollfeld stoppen, um die soeben stattfindende Ernte zu filmen, strömen die Arbeiterinnen neugierig zu uns. Ein paar haben Smartphones und schon beginnt die fröhliche, gegenseitige Knipserei. Etwas, was die Behörden in einer der rigidesten Diktaturen der Welt gar nicht gern sehen. Es könnte ja jemand wichtige Staatsgeheimnisse ausplaudern.

Du kleiner Spion, du

Am intensivsten spürt man das in Ashgabat, einer der seltsamsten Metropolen der Welt. Hunderte strahlend weiße Gebäude aus teuerstem italienischen Marmor entlang achtspuriger Stadtautobahnen, gesäumt von kunstvollen Beleuchtungen. Es sind nur wenige Autos unterwegs, fast alle in weißer Farbe. Die Bushaltestellen sind klimatisiert und haben WLAN. Es gibt riesige Parks mit unzähligen Springbrunnen und Wasserfällen, mitten im Wüstengebiet. Nur: Man sieht kaum Menschen.

Wer stehen bleibt, um die Prachtbauten oder gar Regierungsgebäude (es gibt angeblich über 40 Ministerien, etwa eines nur für Textilindustrie und eines für Fairness) zu fotografieren, wird von Soldaten oder Polizisten sofort zurechtgewiesen, da dies verboten sei. Immerhin: die bereits gemachten Fotos müssen wir nicht löschen. Überwachungskameras beobachten ohnehin jeden Schritt, den wir hier machen. Erlaubt sind Fotos von unbedenklichen Attraktionen, wie dem größten Indoor-Riesenrad der Welt, einem der weltweit höchsten Fahnenmasten, oder dem gigantischen „Neutralitätsbogen“.

Die rund eine Million Bewohner Ashgabats müssen aber wohl auswärts leben und arbeiten, denn hier sieht man kaum jemand, außer zahlreiche Putzfrauen, die alle Monumente, Plätze und Gehsteige penibel säubern. Auch nachts, wenn ganz Ashgabat äußerst eindrucksvoll in alle erdenklichen Farben getaucht wird, sieht man in den meisten marmornen Wohngebäuden im Zentrum kaum Licht.

Dass die Bevölkerung das autokratische System zumindest nach außen hin relativ geduldig hinnimmt, hat auch mit den Zuckerln zu tun, die der Staat dank seiner Ölförderung und der viertgrößten Erdgasreserven der Welt verteilen kann: Gas, Elektrizität, Wasser und Salz sind gratis, auch andere Lebensmittel sowie Treibstoff sind stark subventioniert. Die Mehrheit des Volkes ist arm, hungert aber nicht.

Besucher gesucht

Allgegenwärtig ist der vor mehr als zehn Jahren verstorbene Präsident und Staatsgründer, der sich einfach „Turkmenbashi“, also Führer aller Turkmenen nannte. Goldene Statuen von ihm sind landesweit unübersehbar, sogar die größte Hafenstadt am Kaspischen Meer wurde nach ihm benannt. Der jetzige Präsident, übrigens davor der Zahnarzt Turkmenbashis, lässt gerade im nahen Awaza eine reine Touristen- und Hotelstadt errichten. Optisch eh ganz nett, aber ein wenig überdimensioniert für die Handvoll Touristen, die hier vorbei kommt. Der Ölfilm im Meer ist auch nicht einladend.

Landschaftliche Höhepunkte gibt es aber gar nicht weit davon. Auf dem Weg in den Süden bezaubern die eindrucksvollen Farben und Formationen der Wüstengebirge samt gewaltiger Canyons. Am schönsten der Yangikala-Canyon, dem Rest einer uralten Meeresküste. Spannend ist auch die Fahrt durch das zerklüftete Kopetdag-Gebirge immer entlang der iranischen Grenze bis nach Ashgabat. Hier leben die Menschen noch in natürlich gewachsenen Ansiedlungen, ganz ohne Marmor und Statuen. Dafür bewachen teils vergoldete Ziegenhörner die Gräber auf den Friedhöfen.

Spektakuläre Überreste alter Kulturen findet man mitten in der Wüste im 5000 Jahre alten Dehistan und in Nisa, einst Parther-Residenz, mittlerweile UNESCO-Welterbe. Bei weitem jünger sind zwei großartige Moscheenkomplexe: jener in Geok Depe, und die erst 2004 errichtete größte Moschee des Landes in Kiptschak.

Stadt im Sand

Ein einziges, riesiges Grab ist die antike Stadt Merw im Osten, denn ihre Ruinen sind großteils im Sand verborgen. Im 12. Jahrhundert eine der wichtigsten Städte der islamischen Welt, fiel sie 1221 einem Rache- und Eroberungsfeldzug der Mongolen zum Opfer, sie wurde völlig zerstört, fast alle Bewohner niedergemetzelt. Heute sieht man noch Stadtmauern aus der Wüste aufragen, sowie die wenigen Reste einstiger Paläste und Mausoleen. Sehenswerte Überreste einer mittelalterlichen Festung und einer Moschee finden wir auch in Anau, nah bei Ashgabat. Hier war ein Erdbeben hauptverantwortlich für die Zerstörung. Dennoch kommen zahlreiche Pilger zum Mausoleum des damaligen Scheichs, um zu beten und nach alter Sitte Tücher an Bäumen festzubinden oder Schlüssel auf Steinen zu hinterlassen, damit ihre Gebete auch erhört werden.

Fotos mit Brautpaar

Vor der Heimreise erleben wir dann im sonst so künstlich-sterilen Ashgabat eine Überraschung. Farbenprächtig, laut, fröhlich und äußerst locker werden hier nämlich die Hochzeiten zelebriert, ganz öffentlich mit ausführlichem Fotoshooting. Dabei entsteht manchmal richtiger Stau, denn alle wollen den gleichen Hintergrund – den Platz vor dem Unabhängigkeitsdenkmal. Und das Brautpaar, angereist mit einem prächtig geschmückten Auto, muss natürlich mit allen Verwandten, einzeln und als Gruppe, verewigt werden. Das Gesicht der Braut ist dabei mit einem kunstvoll bestickten Schleier bedeckt.

Dass wir Ausländer das Spektakel natürlich ausführlichst fotografieren, wird von den Turkmenen ganz gelassen hingenommen. Und wir selbst werden ebenfalls wieder permanent geknipst, das Vergnügen ist also gegenseitig. Der Geheimdienst hat ja sicher auch schon ein hübsches Fotoalbum unserer Gruppe. Belästigt wurden wir jedenfalls nie – Touristen gegenüber wird man wieder toleranter.

 

Info

Anreise  Lufthansa (via Frankfurt und Baku), ab 830 €, lufthansa.com, Turkish (via Istanbul) ab 780 €  turkishairlines.com

Währung1 € = 4 Manat (TMT).  Am besten USD  mitnehmen. Kreditkarten kaum verwendbar.

Reisezeit Am besten Frühling und Herbst. Tagsüber heiß, nachts kühl.

Einreise Visumpflicht. Erhältlich bei der Botschaft in Wien, Einladung aus Turkmenistan ist Voraussetzung. Am besten alles über den  Veranstalter machen.

Souvenirs Fell- und Pelzmützen, Handarbeiten. Achtung: Der auf mitunter günstig angebotene „Beluga-Kaviar“ ist minderwertig.

Gesundheit  Kein Leitungswasser trinken.Kopfbedeckung und guten Sonnenschutz nicht vergessen.
– Offiziell ist Rauchen fast überall verboten, bei Hotels und Restaurants findet man aber Raucher-Zonen. Einfuhr von nur zwei Packungen gestattet.

Angebot Die beschriebene, zehntägige Rundreise „Höhepunkte Turkmenistans“ bietet Kneissl-Touristik ab 2840 Euro/P im DZ.  (Fernflüge mit Lufthansa, weiters 4 Inlandsflüge, im Land meistens mit Geländewagen unterwegs), nächste Abflugstermine 14. 4., 15.5. und 6.10.2019, kneissltouristik.at

Reiseführer Der Trescher-Verlag hat einen neuen „Turkmenistan“-Führer herausgebraucht. 19,90 €

Auskunft Reiseinfos auf der Homepage des Außenministeriums: bmeia.gv.at

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