Santa Fee: viel Natur und intensiven Farben.

© KURIER/Werner Rosenberger

Südwesten der USA
03/03/2017

New Mexico: Das Land der Verzauberung

Bezaubernd ist sie, die Region um Santa Fe, das "Land of Enchantment", wo der Himmel weit offen und die Natur voller Farben und exotischer Formen ist – Inspiration für viele Künstler wie Georgia O’Keeffe.

von Werner Rosenberger

Hinter uns liegen siebzehn Stunden Flug über Washington und Denver bis Santa Fe, eine so gar nicht typische amerikanische Stadt. Vor uns breiten sich die weiten Ebenen von New Mexico aus. Die Gegend, eingebettet zwischen Rocky Mountains, Hochwüste und dem Tal des Rio Grande, ist auf den ersten Blick seltsam: von überwältigender, aber spröder Schönheit.

Kein Ort, der es seinem Besucher leicht macht, sich seinem Zauber hinzugeben. Einerseits ist die trockene, von Canyons zerfurchte karge Landschaft lebensfeindlich, andererseits ein einmaliges Wolken- und Farbenspiel von Weiß, Rot, Grün, Gelb, Braun oder Grau unter dem blauen Himmel.

Nur wenig amerikanisch

Sympathisch macht den Bundesstaat, der traditionell kein wohlhabender ist, dass er mehrheitlich nicht Donald Trump gewählt hat. Einst lebten hier Indianerstämme, dann war die Region spanische Provinz, später kurze Zeit ein Teil von Mexiko. Seit 1912 US-Bundesstaat, leben auf 315.000 – fast der Fläche von Deutschland – zwei Millionen Menschen.

Santa Fe, "The City Different", ist seit 1850 Hauptstadt New Mexicos. Charme hat die Architektur: Die im typischen Pueblostil errichteten Adobehäuser – einstöckige Quader im Ockerton mit gerundeten Ecken und Kanten – sind aus an der Luft getrocknetem Lehm und Steinen errichtet. Einzigartig ist auch der Mix aus spanisch-mexikanischer, indianischer und angloamerikanischer Kultur.

Nach den Hippies in den 70er-Jahren wird Santa Fe zum Anziehungspunkt für viele Künstler und gilt inzwischen als der bedeutendste Kunstmarkt des Landes nach New York und Los Angeles. Wie in Kalifornien fast jeder glaubt, er sei Schauspieler, so scheint sich in Santa Fe jeder als Künstler zu fühlen.

Märchenlandschaft

Faszinierend sind das einzigartige Licht und die überwältigenden Farbspiele in der Wüste, die direkt vor der Stadt beginnt. Zu erleben zum Beispiel während einer Wanderung beim Sonnenaufgang zu den Kasha-Katuwe Tent Rocks, einem weiß-gelben Felsenkessel und National Monument auf Indianerland, mit dem Auto mühelos in einer Stunde zu erreichen.

Helle, kegelförmige Felsen ragen in den strahlend blauen Himmel. Ein Wanderweg führt durch den engen Canyon auf ein Plateau mit großartiger Aussicht bis zu den Ausläufern der Rocky Mountains.

Sonst dreht sich alles in der ältesten Hauptstadt der USA mit 75.000 Einwohnern um eine eigenwillige Dame: Georgia O’Keeffe (1887–1986). Sie flieht einst jeden Sommer von New York nach New Mexico, in ihr Paradies – eine Wildwest- Bilderbuchwelt, in der sie auf Spaziergängen zum Malen nicht Blumen, sondern Steine und gebleichte Skelette nach Hause bringt.

Sie ist von den schroffen Hügeln und weißen Klippen so verzaubert, dass sie nach längeren Aufenthalten bereits in den 1930er-Jahren in der Nähe des Dorfes Abiquiú auf einem Hügel 1945 ein Haus mit Garten aus der spanischen Kolonialzeit kauft und dort bis 1984 lebt. "Sie hat in ihrem Schlafzimmer eigens große Fenster mit spektakulärem Ausblick in die weite Ebene des Chama-Tales einbauen lassen und hier sehr die Ruhe und Einsamkeit genossen", erinnert sich Pita Lopez, die als Teenager und Tochter der Köchin O’Keeffes die Malerin noch kennengelernt und für sie als Sekretärin gearbeitet hat.

Im Innenhof zeigt Lopez auf das fast perfekt quadratische Eingangstor, das oft Bildmotiv war ebenso wie ein großer Tiertotenkopf im Durchgang. Ein Foto belegt, dass O’Keeffe das Anwesen mit zwei Chow-Chow-Hunden bewohnte.

Und auf dem berühmten Gemälde "From the White Place" (1940) erscheinen die weißen Klippen und magisch wirkenden Felssäulen, Hoodoos genannt,der Plaza Blanca, einige Kilometer östlich von Abiquiú .

Motive in der wilden Natur

Auch die "Ghost Ranch", 22,5 Kilometer Richtung Norden auf der Route 84, ist eng mit O’Keeffes Biografie verbunden. Zwischen dramatisch rot, golden, orange und rosa leuchtenden Sandsteinklippen hatte sie in den 1940er-und1950er-Jahren ihren Sommerwohnsitz.

Tour-Guide Karen Butts zeigt Drucke der ebenfalls nahezu abstrakten weil oft zu Farbfeldern verknappten Landschaftsgemälde und die Orte auf der Ranch, an denen die Kunstwerke entstanden sind.

Viel ist geblieben vom Flair des Wilden Westens, aber die Zeiten haben sich auch geändert: Die "Native Americans", immerhin zehn Prozent der Bevölkerung, tragen heute manchmal Business-Anzüge, allerdings nicht jene Indians, die in Santa Fe unter den Arkaden des alten Gouverneurspalastes von 1610 Silber- und Türkis-Schmuck, Töpferwaren und anderes Kunsthandwerk auf Decken vor sich ausbreiten.

Immerhin ist Santa Fe wegen seines multikulturellen Charakters UNESCO Creative City. Allein in der Canyon Road wird in rund 100 Galerien indianische und hispanische Kunst angeboten. Man läuft an Keramik in Schaufenstern und Skulpturengärten vorbei, an einem bronzenen Cowboy in Lebensgröße, einem indianischen Ureinwohner und an einem Bären aus Stein. Als hätten sich alle Motive des Wilden Westens auf der Kunststraße versammelt.

Hier gilt wie überall: Das Fremde bringt Fremde näher. Aber Europäer sind im meist sonnendurchfluteten Santa Fe noch selten anzutreffen. Die fahren meist lieber ins nahe gelegene künstliche Las Vegas statt in die wilde Natur nebenan, zu der einem Leonard Cohen einfällt: "I came so far for beauty."

Malerin und Mutter der amerikanischen Moderne

Mit ihren expressiven Blumenbildern, auf Postern und Postkarten in hohen Auflagen nachgedruckt, hat Georgia O’Keeffe (1887–1986) Furore gemacht. Umgerechnet 35,4 Millionen Euro bei einer Auktion 2014 in New York für das Gemälde „Stechapfel/ Weiße Blüte Nr. 1“ (1932) waren Weltrekord – der bisher höchste Preis für das Werk einer Künstlerin.

Noch bis 26. März hängt die Stechapfel-Blüte im kühlen Weiß-Grün-Blau im Kunstforum Wien, links davon das Duo der „Orientalischen Mohnblumen“ (1927) in flammenden Rottönen um schwarze Zentren herum.

O’Keeffe hat mit ihren Gemälden u. a. von Tierschädeln, aber auch Naturstudien und Ansichten von New York City Kunstgeschichte geschrieben. Sie erkannte früh, dass Blumen im Kleinformat niemand anschauen würde: „Also dachte ich, dass ich sie so groß wie Hochhäuser machen müsse. Die Leute wären verwirrt, dass sie sie ansehen müssten – und genau das taten sie.“

Als sie zum ersten Mal nach New Mexico kommt, erkennt sie es sofort als ihr Land: „Es passt mir wie angegossen“, schreibt die Künstlerin an ihren Ehemann, den Galeristen Alfred Stieglitz in New York. Und sie überlebt ihn um vier produktive Jahrzehnte.

Auf der Ghost Ranch kommt eines Tages noch ein attraktiver junger Mann als Sonnenschein in ihre späten Jahre: John Hamilton. Vom Gelegenheitsarbeiter wird er zum engsten Vertrauten. Vom Alter her ist es eher eine Großmutter-Enkel-Beziehung.

Sie sind einander zärtlich zugetan. Er ist ihr eine Stütze,als sie allmählich erblindet. Sie verbringt ihre letzten 20 Lebensjahre häufig und gern in seiner Gesellschaft. Und macht ihn schließlich zum Erben.

www.kunstforumwien.at

Anreise Mit der AUA ab rund 760 € nach Washington und mit Anschlussflügen via Denver nach Santa Fe.

Einreise Für die USA braucht man eine elektronische Reisebewilligung, ESTA, https://esta.cbp.dhs.gov/esta/

Währung 1 Dollar = 0,94 Euro

Beste Reisezeit Frühling und Herbst, aber auch im Sommer herrscht durch die Höhenlage auf 2130 Metern ein mildes Klima.

Essen und Trinken Mexikanisch beeinflusste Gerichte stehen auf vielen Speisekarten, aber auch Tex- Mex-Küche, typische Westernkost und Barbecue etwa im Cowgirl BBQ, www.cowgirlsantafe.com; oder kreative Südwestküche im Santacafe in Old Town, im historischen Padre Gellegos House, www.santacafe.com

Übernachten Drury Plaza, 4-Stern- Hotel in Santa Fe, 828 Paseo de Peralta, sehr zentral gelegen; Abiquiú Inn, neben Georgia O’Keeffes Studio, 30 Autominuten von der Ghost Ranch, und 6,5 km von der Plaza Blanca entfernt

Shopping Die Kunstgalerie Shiprock verkauft hochpreisig u. a. alten Navajo-Schmuck, Keramik, antike indianische Teppiche; 53 Old Santa Fe Trail; www.shiprocksantafe.com

Sightseeing Georgia O’Keeffe Museum (217 Johnson Street, tgl. 10–17 Uhr, Fr. bis 19 Uhr)www.okeeffemuseum.org;
New Mexico Museum of Arts (107 West Palace Ave., tgl. 10–17 Uhr, Fr. bis 20 Uhr; im Winter Mo. geschl.) moderne Kunst aus New Mexicowww.mfasantafe.org;
O'Keeffes Home & Studio, Highway 84; Ghost Ranch, O’Keeffe – Landscape Tour

Noch mehr Kunst & Kultur Am Museum Hill das Museum of International Folk Art (Camino Lejo, tgl. 10–17 Uhr, Fr. bis 20 Uhr) zeigt Volkskunst aus aller Welt. Über 100.000 Exponate, auch Alltagsgegenstände, Puppenstuben und viel Volkskunst aus aller Welt; www.internationalfolkart.org; das Museum of Indian Arts and Culture (710 Camino Lejo, Di. bis So. 10–17 Uhr) dokumentiert die Geschichte menschlicher Besiedlung in New Mexico vor Ankunft der ersten Weißen www.miaclab.org; gleich nebenan, das 1937 entstandene Wheelwright Museum of the American Indian (704 Camino Lejo), das historische und zeitgenössische Kunst der amerikanischen Ureinwohner zeigt, Webarbeiten und moderne Kunst der Navajos (Mo.–Sa. 10–17, So. 13–17 Uhr, Eintritt frei) www.wheelwright.org

Auskunft www.visit-usa.at