© Michael Pammesberger

Mit Feder und Pinsel
06/23/2013

Pammesberger: Sizilien von unten

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Oder was zeichnen. Oder schreiben. Auf der Mittelmeerinsel aber kann er auf jeden Fall zahlreiche Wunder erleben.

von Michael Pammesberger

Ein wenig Mafia-Erfahrung könnte nicht schaden“, hat sich die Reiseredaktion wohl gedacht. „Schicken wir jemanden aus der österreichischen Innenpolitik hin, der kennt sich da aus!“ Haben sie mich geschickt, den Karikaturisten. Auf Pressereise.

Der Erfinder der Pressereise war übrigens Goethe. Zu Sizilien schrieb er: „Hier ist erst der Schlüssel zu allem“. Na ja. Die besseren Sachen sind ihm weiter oben in Italien eingefallen. Kennst du das Land, wo die Orangen gefüllte Reisbällchen sind? (Arancini). Oder: Kennst du das Land, wo auf der Kirchensäule Koran-Texte geschrieben und Schwule am Deckengemälde sind? (Palermo, Monreal). Kennst du das Land, wo sie das Eis zum Frühstück, und zwar in einer Brioche-Semmel essen? (Granita). Kennst du das Land, wo dasselbe Gebäude schon Athenetempel, Moschee und Kirche war? (Syrakus). Kennst du das Land, wo Sie die Brüste der Heiligen als süße Nachspeise (Rosa Krapferl mit kandierter Kirsche oben drauf, Catania) essen?

Hat Goethe nicht geschrieben. Hätt’ ihm keiner geglaubt. Stimmt aber! Das müssen Sie jetzt alles googeln, dass es nicht wieder heißt, der Pammesberger übertreibt und verdreht alles. Oder noch viel besser: Sie fahren selber hin: Flugzeit eineinhalb Stunden, nur unwesentlich länger als auf die Donauinsel. Eben, lieber gleich nach Sizilien.

Wenn Sie also eh bald hinfahren, brauch’ ich Ihnen hier nix groß erzählen, Vulkan, Tempel, Kirche, Strand – alles super. Erzähle ich Ihnen inzwischen lieber ein wenig, was mir so aufgefallen ist in Sizilien und was die da so treiben (man hört ja die schlimmsten Dinge). Und was glauben die eigentlich? (Man hört die schlimmsten Dinge.)

Einiges weiß man ja schon über Sizilien: der Vesuv? Sicilia est insula. Oder insula est? Sicilia pulchra est insula?? Haben wir gelernt. Hätten wir sollen. Das Wort „isoliert“ kommt ja von „Insel“. Gut, vielleicht in England, in Sizilien trifft das so gar nicht zu, im Gegenteil: Migrationshintergrund wo man hinschaut: Griechen, Araber, Römer, Karthager, Normannen (!), Spanier, Afrikaner, Österreicher, Eskimos: Alles da gewesen. (Na – Eskimos nicht). Dass praktisch der jeweilige H.-C. Strache sowieso in Ohnmacht kippt. Und alle sind geblieben, alle haben was da gelassen.

Big Apple Syrakus

Die Griechen haben in der Insel gleich ihr „Amerika“, ihre neue Welt, gesehen. Syrakus war das New York der Antike! Was übrig geblieben ist, ist für sizilianische Verhältnisse wenig spektakulär. Man sucht das durch botanische Anlagen und ein „Ohr des Dionysius“ (Der weltberühmte Tyrann von Syrakus) zu übertünchen. Letzteres ist eine Höhle, eigentlich ein antiker Steinbruch in Innenohrform. Mit Dolby-Surroundeffekt.

Interessant: Von dort sieht man in der Ferne auch eine heizkraftwerkförmige moderne Kirche. Die Statue der Maria hat dort wunderbarerweise Blut geweint. Warum, leuchtet mir zwar auch nicht ein, ist aber amtlich und wahr. Einige aus unserer Reisegruppe (allen voran Martin X. von den SN! Qualitätszeitung, natürlich!) haben aber herumgezweifelt, und skeptisch herumgenörgelt, dass das alles vielleicht gar nicht wahr und so ist, dabei hat das der Papst bestätigt.

Wunderbar hingegen die Altstadt von Syrakus, eigentlich eine Insel („Ortyga“): enge Gässchen so typisch italienische, so wie in Spanien – so kroatisch. Auch griechenländisch. Und auf der wunderschönen Piazza Archimedes sieht man, was ich gemeint habe: die ganze Geschichte in ein einziges Bauwerk reingestopft: Griechischer Tempel, dann zwischen den Säulen zugemauert, innen zum Kirchenraum umgemodelt, vorne eine Barockfassade aufgepickt, die sich gewaschen hat; was sonst noch herumgelegen ist – griechisches Wasserbecken, normannische Mosaike – reingetragen und aufgestellt, fertig. Und alles eine Pracht, und passt wunderbar zusammen. Theologisch auch logisch, denn selten wo ist der Monotheismus so danebengegangen, wie in Sizilien: natürlich sind die katholisch und wie – aber einen zuständigen Heiligen gibt’s für jede Stadt, für jedes Problem und für jedes Vorhaben. Hier die Heilige Lucia, Sie wissen eh, dieses schwedische Christkind.

Schwarz wie Catania

Manche sagen Mafiahochburg, manche reden von der Hl. Agatha. Die Leute sind verschieden. Aber in Catania ist das sowieso kein Widerspruch. Ganz dunkel ist die Stadt, ganz und gar geprägt vom Ätna: Häuser, Straßen, auch der Elefant am Stadtbrunnen sind aus schwarzem Basalt. Der Wind trägt bei jedem Ausbruch dann noch die Asche herein. Der angesprochene Elefant ist das Wahrzeichen Catanias, wohl als Staubsauger-Symbol – nein, warum? Ich erspare Ihnen die zehn verschiedenen Geschichten, die vermischen und widersprechen sich, es läuft letzten Endes darauf hinaus, das ein Elefant das Wahrzeichen Catanias ist.

Aktuell hat die Hl. Agatha gerade die flehentlichsten Gebete der Catanesi – konkret der Fußballfreunde – erhört: Nein nicht, dass Catania gesiegt hat oder aufsteigt, oder nicht absteigt – nein viel, viel schöner: Palermo steigt ab! Ein Volksfest in der ganzen Stadt! Dürfte die Patronin der Schadenfreude sein.

Der Ätna selbst ist natürlich Sehenswürdigkeit. Na ja, der Lavasteinfreund kommt voll auf seine Kosten. Naturwissenschaftlich gesehen entsteht Vulkanismus durch ein von Zeus besiegtes, gefesseltes und unter dem Berg eingesperrtes Monster namens Tifeus, das sich manchmal bewegt und Feuer spuckt. (Es gibt noch andere, weniger überzeugende Theorien.) Der Ätna hat aber gerade nicht funktioniert als ich dort war. Von wegen aktiver Vulkan. Aktiver jedenfalls ist die Weinszene rund um den Vulkan. Die Trauben heißen Inzolia, Nerello Mascalese oder Nerello Cappuccio und schmecken auch so!

Römische Fliesenleger

Weg vom Meer, mitten ins Landesinnere sind wir gefahren, da haben die Römer ihre Spuren hinterlassen. Von deren Villa del Casale ist allerdings so gut wie nix mehr da, verschwunden bis auf die Grundmauern, und Sie werden einwenden: „Was soll ich dann dort hinfahren, Pammesberger?“ Und ich sage: „Genau wegen der Fußböden.“ Mosaike! Das ganze römische Weltreich quasi am Fliesenboden. Mythologie, Jagd, Bikinigirls in allen Farben. Der Fliesenleger war aber in einem Punkt daneben: Dem einäugigen Zyklopen Polyphem hat er drei Augen gemacht. Wenn ich das in meiner Zeichnung mach’, rufen gleich wieder zehn Leute an und beschweren sich.

Alle Farben der Insel

Die wohl prächtigsten Relikte des antiken Sizilien sind in Agrigent zu bestaunen. Wenn man Glück hat im Abendlicht, wenn ein Gewitterhimmel sich zusammenbraut und die unglaublich vornehmen und eleganten Tempel im orangen Licht aufs blaue Meer strahlen.

Ähnlich beeindruckend das römische Theater in Taormina. Ich beschreib’ Ihnen das nicht, bin ja nicht der Goethe, ich sag nur: Römische Ruinen, üppig grün bewachsene Felsenklippe, mittelländisches Meer, türkiser Strand, Ätna raucht im Hintergrund, Sonne. Alle Farben.

Knochen aus Palermo

Weil sie sagen „Mafia“, also ich wurde auf der Reise kein einziges Mal erschossen, und so gut wie nie einbetoniert mit den Füßen und in den Hafen ... gut mit 'm Auto oder der Vespa überfahren wurde ich zwei drei Mal ein bissl, aber das liegt wahrscheinlich nicht an der Mafia, sondern daran, dass die Verkehrsregeln in Palermo nicht mit den unseren (z. B.: bei Rot bleib’ stehen etc.) kompatibel sind. Keine Angst also. Die zuständige Heilige von Palermo wäre Rosalia. Ihre Knochen schützen vor der Pest. Hat sich einst bis ins Burgenland herumgesprochen, haben die aus Palermo ein paar Teile von Ihr nach Forchtenstein geschickt (Rosalia-Gebirge deswegen!) und – muss man jetzt schon auch zugeben: war schon lange keine Pest mehr im Burgenland.

Stimmen aus dem Jenseits

In Palermo gibt’s aber auch einen Horrortrip, den Sie um wenig Eintrittsgeld buchen können. Ist aber nur was für gefestigte Gemüter, andere könnten schlecht schlafen. Im Kapuzinerkloster entwickelte sich ein seltsamer Mumifizierungskult. Weiß auch nicht, was da schiefgelaufen ist, jedenfalls wurden die Verstorbenen nicht ordentlich bestattet, sondern mehr oder weniger kunstgerecht mumifiziert und in den Keller geräumt. Aufgehängt wie die Winterreifen. Der Keller ist halbwegs gut belüftet und – ein Wunder – die Leichen, vom Baby bis zur Ehefrau, erhalten sich prächtig. Also ganz gut. Mehr oder weniger gut. Also eigentlich modern die da dahin und zerfallen zu Staub. Gehen den Weg allen Fleisches. Das Bedürfnis der Angehörigen nach Unsterblichkeit in Ehren, aber das ist keine gute Lösung.

Ausgerechnet in diesem Keller haben allerdings die Toten aus dem Jenseits zu mir gesprochen! Eine zwar undeutliche, doch eindeutig vernehmbare Stimme, in einfachem Italienisch, sprach aus der düsteren Reihe der Verblichenen! Nein, nicht über das Leben nach dem Tod, dass ich umkehren soll und Buße tun, über das Himmelreich oder über Gott selbst hat sie gesprochen. Nein, die Botschaft lautete: „Das Fotografieren der Toten ist hier strengstens verboten.“ Gut, aber was soll das jetzt weiterhelfen?

Meine drei Spezialtipps helfen vielleicht eher:

1. Fahren sie nach Sizilien!

2. Rundreise – altmodisches Wort – aber die ideale Art, die Insel zu erkunden (Noch besser: die Durchreise: z. B. Start Catania – Finish Palermo)

3. Leisten Sie sich zum Genießen, Schlafen und Essen eins der absolut wunderbaren Hotels. Ja eh, ist nicht ganz billig, aber das Geld können sie eh nicht mumifizieren und mitnehmen! Ins Jenseits. Und fotografieren dürfen Sie drüben auch nicht!

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