Mein neues Leben: Zweimal um die ganze Welt

Als Doris und Wolfgang beschließen, die Welt zu umsegeln, kennen sie einander gerade einmal sechs Monate - und wiederholten das Ganze ein weiteres Mal.

Es ist müßig, darüber nachzudenken, wie das Leben von Doris Renoldner verlaufen wäre, wenn sie auf das gehört hätte, was landläufig als "guter Rat" gilt. Sicher ist, man weiß es nicht. Sicher ist aber auch, dass die damals 21-Jährige das Auf und Ab des Daseins nie in der mittlerweile vertrauten Intensität verspürt hätte. Schon alleine deshalb, weil sie meist inmitten des wogenden Meeres zu Hause ist. Der "gute Rat" von Familie und Freunden lautete: "Mach mit einem Mann, den du erst seit sechs Monaten kennst, keine Weltumsegelung." Aber für Doris war schon mit der ersten Probefahrt nach Madeira klar: "Ich werde es tun. Auf einem Schiff weißt du schon nach einer Woche, ob eine Beziehung funktioniert. Es gibt nur Schwarz und Weiß, die Grauschattierungen des normalen Lebens fehlen. Ich war so seekrank, dass es für eine Maske keinen Platz gab, geschweige denn für die Abgeschiedenheit. Unser Schiff war eine Nussschale, deren Kabine nur fünf Quadratmeter hatte." "Uns" meint auch Wolfgang Slanec, zwölf Jahre älter als Doris und bestrebt, nicht in Schablonen zu leben. Als der Bautechniker zum ersten Mal ein Büro betritt, ist sein erster Gedanke: "Das soll ich jetzt mein ganzes Leben machen?" Für Wolfgang ist klar: "Ich habe nach einer selbstbestimmten Lebensform gesucht und sie beim Segeln gefunden." Wolfgang findet auch Doris, die er zum ersten Mal auf eine Melange im Wiener Café Hummel trifft. Er trägt langes Haar, bunte Brillen und macht aus seiner Gleichgültigkeit gegenüber einem guten Job und Geld keinen Hehl. Wolfgang weiß, dass er ein Leben abseits aller Konventionen führen muss, was Doris gefällt. Seine Erzählung vom Traum, die Welt zu umsegeln, ist dann noch das Tüpfelchen auf dem i. "Ich habe damals bei meinen Eltern gewohnt und bin direkt vom Kinderzimmer auf unser erstes Boot 'Susi Q' gezogen. Die Jugend macht unsterblich. Ich dachte mir, wenn es schief geht, kann ich immer noch als Fremdsprachensekretärin arbeiten." Dass es so niemals kommen sollte, wusste Renoldner damals freilich nicht. Und hätte ihr jemand gesagt, dass sie 1989 zu einer achtjährigen Weltreise aufbrechen würde, wäre ihr das als kühne Zukunftsvision erschienen. Verrückt, da gar an eine zweite, sieben Jahre dauernde Weltumsegelung zu denken. "Wir haben aber in den fünf Jahren, die zwischen den beiden Reisen lagen, gemerkt, dass ein Wiedereinstieg in den Alltag unmöglich ist. Die Enge der Stadt, der geregelte, fremdbestimmte Arbeitsalltag, die auferlegten Pflichten – uns fehlte die bewegliche Geborgenheit unseres Schiffes." Reisen verändert eben – und die Welt verändert sich mit. Als Renoldner und Slanec 1989 zum ersten Mal aufbrechen und auf den Weltmeeren täglich neuen Abenteuern entgegensegeln, schreiben sie noch Briefe oder schicken Postkarten, um mit ihren Familien Kontakt zu halten. Sie machen an Orten Halt, wo es keinen Massentourismus gibt. Kein Wunder, dass sie nach ihrer Rückkehr nach Österreich 1997 nur staunend beäugen, was die Menschen Mobiltelefon nennen. "Bei der zweiten Reise, die 2002 begann, haben wir dann Internetcafés benutzt. Vorausgesetzt, wir waren in fortschrittlicheren Gegenden unterwegs, um Proviant zu kaufen. An Bord haben wir aber bis heute kein Internet", sagt Doris. "Wolf glaubt, dass ich dann nur noch vor dem Computer sitze." Was Doris verneint, damit Wolf den Anschluss an den Fortschritt endlich bejaht. Der Sicherheit wegen, weil am Meer draußen nicht immer Postkartenwetter herrscht. "Wenn der Wind bei Stärke neun tobt, hat jeder Angst. Deshalb ist das Segeln eher ein Männertraum", erzählt Wolf. "Wenn es nicht so unbequem wäre, würden viel mehr Menschen es uns gleich tun. Man zahlt für alles im Leben seinen Preis." Trotzdem wollen die beiden Wiener nach zwei Jahren Reisepause und der Renovierung ihres Schiffes "Nomad", dessen Kabine mit 15 Quadratmetern nur unwesentlich größer als jene der "Susi Q" ist, im Frühjahr wieder in See stechen. 10.000 Euro benötigen sie im Schnitt pro Reisejahr, das sie sich mit Vorträgen und Segeltörns mit Freunden verdienen. Auch der Verkauf ihres Filmes, "Seenomaden – Leben mit dem Wind", bringt sie der großen Freiheit wieder näher. Dafür hat sie der oscarprämierte Kameramann Christian Berger, ebenfalls ein passionierter Segler, begleitet. Die meisten Erinnerungen sind aber nur für Doris und Wolfgang bestimmt. Da war zum Beispiel das Ehepaar auf Samoa im Pazifik, das die beiden adoptierte, weil es in der Region so üblich ist. "Wenn du nicht zu einer Familie gehörst, empfinden das die Einheimischen als eigenartig. Durch die Adoption konnten wir jedem sagen, wer wir sind." Oder die Reise nach Kiribati, die Doris und Wolfgang eine besondere Ehre bescherte. Dort waren sie die ersten Besucher in der Geschichte eines kleinen Dorfes, die per Segelschiff anreisten. Und weil man auf Kiribati so etwas noch nie erlebt hatte, wurde die Ankunft gleich mit einem Fest gefeiert. "Dank unserem Atlas wissen die Bewohner jetzt auch, wo Österreich liegt. Und wir haben ihnen auf Bildern ihren ersten Schnee gezeigt." Auch auf Kitawa, einer Insel die zu Papua-Neuguinea gehört, waren Doris und Wolfgang die ersten Fremden seit 18 Jahren. "Die Einheimischen sind mit ihren Einbäumen zu uns aufs Meer gefahren. Von ihnen haben wir den Tauschhandel gelernt – Lebensmittel gegen Kunst aus Holz." Woran die Seenomaden sich in Demut erinnern, sind die gefährlichsten Momente ihres Abenteurer-Lebens. So wurde Wolfgang im Indischen Ozean auf einer unbewohnten Insel von einer Kokosnuss am Kopf getroffen. "Dort gibt es weit und breit keinen Arzt. Zum Glück hatte ich nur eine Platzwunde." Nichts gegen jene eiskalte Nacht, in der Wolfgang an Deck die Wache übernahm. "Ich bin in die Kajüte gegangen, um mir einen Tee zu machen. Nach zehn Minuten habe ich ein lautes Rauschen gehört. Plötzlich war da ein riesiges Schiff, mit dem wir beinahe kollidiert wären." Im letzten Moment reißt der erfahrene Seemann das Steuer herum und hat Glück, dass die Bugwelle des Frachters das kleine Boot zur Seite drückt. "Das war eine lebensbedrohliche Situation, die uns aber in all den Jahren nur ein Mal passiert ist. Autofahrer leben gefährlicher." Info:

Die Seenomaden Doris und Wolfgang haben ihre Abenteuer im Buch "Frei wie der Wind" beschrieben. Oscar-Preisträger
Christian Berger hat den Film "Leben mit dem Wind" über das Paar gedreht.

www.seenomaden.at
(KURIER) Erstellt am
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