© Rieger Lisa

Kolumbien
12/16/2018

Medellin: Graffiti statt Drogenkrieg

Sozialer Städtebau und Kunst machen Medellin, die einst tödlichste Stadt der Welt, wieder attraktiv.

von Lisa Rieger

Es gibt einen Namen, der untrennbar mit Medellin verbunden ist. Auf der Straße wird dieser kaum laut ausgesprochen, stattdessen wird er durch „Du weißt schon wer“ ersetzt. Die Rede ist von Pablo Escobar. Mehr als 20 Jahre nach seinem Tod haftet seiner Heimatstadt noch immer das Image der Drogenhauptstadt der Welt an – verfestigt durch die 2015 auf Netflix erschienene Serie „Narcos“, die das Leben des Chefs des Drogenkartells von Medellin nachzeichnet. 1991 erreichte der Konflikt in Medellin seinen Höhepunkt: Mit knapp 7000 Tötungsdelikten war es die höchste Mordrate weltweit.

Seither ist viel passiert. Und Touristen trauen sich wieder in die Stadt. Gelockt werden sollen sie nicht durch die brutale Vergangenheit, sondern durch innovative Projekte. Begonnen hat der Wandel Medellins 2004 mit dem Bürgermeister Sergio Farjado. Schulen, Bibliotheken und Sportplätze baute er bewusst in die Armenvierteln, die sich vor allem auf den Hängen der Berge, von denen Medellin begrenzt ist, befinden. Zusätzlich baute er Seilbahnen, um die Wege in die Stadt zu erleichtern. 2013 wurde Medellin vom Wall Street Journal zur innovativsten Stadt gewählt.

Comuna 13

Eines der symbolträchtigsten Projekte entstand in der Comuna 13 – dem einst gefährlichsten Viertel in der gefährlichsten Stadt der Welt. 2011 wurde hier eine 160 Meter lange, überdachte Rolltreppe eröffnet. Sie überwindet einen Höhenunterschied von 28 Stockwerken. Wie eine orange Raupe schlängelt sie sich den Berg hinauf. An ihren Rändern haben sich Läden und Essensstände etabliert.

Auch Touristen trauen sich heute wieder in das Viertel. Tour-Guides führen die Besucher durch die Comuna 13, zeigen ihnen die Veränderungen und vor allem die vielen Graffiti, die die Wände zieren. Sie erzählen von der Vergangenheit, arbeiten sie auf und fungieren als Mahnmale, dass sich die Gewalteskalationen nie wiederholen dürfen.

Operacion Orion

Bevor ein Graffito übermalt werden darf, muss die Zustimmung des Künstlers eingeholt werden. „Manche Graffiti gehören einfach zum Stadtbild. Eine Comuna 13 ohne sie wäre nicht vorstellbar“, erzählt Maria (Name geändert), die hier aufgewachsen ist. Sie verweist auf das Bildnis einer Elefantenfamilie. In ihren Rüsseln halten sie weiße Taschentücher mit denen sie winken. Es ist eine Erinnerung an die "Operacion Orion".

2002 ließ der damalige Präsident Alvaro Uribe eine Säuberung mit Panzern und Hubschraubern durchführen, bei der Dutzende Unschuldige starben und Hunderte vermisst wurden. Anwohner baten mit weißen Bettlaken um Feuerpausen. „Noch heute, wenn Hubschrauber hier drüber fliegen, bekommen viele Angst“, sagt Maria. Die Bauschuttdeponie La Escombrera, auf der die Leichen vermutet werden, ist von der Comuna 13 aus gut zu sehen.

Rote Backsteine

In der Comuna 13 stehen die kleinen Häuser dicht an dicht. Viele haben bemalte Mauern, die dominierenden Farben sind aber das Rot der Backsteine und das Grau der Wellblechdächer. Am oberen Ende der Rolltreppe bietet sich ein imposanter Blick über das Viertel. Wie übereinandergestapelt wirken die Häuser. Deutlich heben sie sich in ihrer Architektur von den Hochhäusern, die im Hintergrund zu sehen sind, ab.

Ein erst kürzlich fertiggestellter Fußgängerweg verbindet die einzelnen Teile der Comuna miteinander. Auch hier zieren großflächige Graffiti den Weg. Zum Teil wurden sie von Künstlern aus Frankreich oder Kanada angefertigt, zum Teil gemeinsam mit den Kindern aus der Comuna. Diese spielen hier miteinander, fahren mit dem Rad. Aus Lautsprechern kommt Hip Hop-Musik. Eine Gruppe junger Burschen gibt eine Breakdance-Darbietung. „Die Gruppierung ist für Burschen, damit sie etwas Sinnvolles mit ihrer Zeit machen statt sich Gangs anzuschließen“, erklärt Maria.

Auf den Balkonen der angrenzenden Häuser scheint es, als würde die Wäsche im Takt der Musik im Wind flattern. Die Comuna 13 wirkt friedlich, fröhlich und bunt. Es ist schwer vorstellbar, dass man sich hier früher kaum fortbewegen konnte, dass es unsichtbare Linien gab, deren übertreten tödlich enden konnte. „Es ist vieles besser geworden, aber es ist trotzdem noch ein langer Weg“, sagt Maria, die regelmäßig durch ihr Viertel führt.

Infos

Anreise: Etwa  mit austrian.com über Frankfurt nach Bogota. Von dort aus einen  weiteren Flug nach Medellin nehmen  oder mit dem Bus weiterreisen.

Währung: 1 Euro = 3600 Kolumbianische Pesos

Essen & Trinken: Zu den typischen Gerichten zählen „Ajiaco“ – eine sämige Hühnersuppe mit verschiedenen Erdäpfelsorten und Maiskolben, „Bandeja Paisa“ – Schweinefleisch mit Reis, Avocado, Bohnen, Eiern, Kochbananen, Chiccaron (frittierte Schweineschwarte) und Faschiertem, „Arepas“ – runde Maisfladen, „Chocolate con queso“ – Trinkschokolade, die mit einer Scheibe Käse serviert wird.

Impfungen: Für eine Reise nach Kolumbien empfiehlt das Tropeninstitut unter anderem folgende Impfungen: Hepatitis A & B, Gelbfieber, Typhus und Tollwut.

Sicherheit: Vor Besuchen bestimmter Stadtteile in Medellin Sicherheitsinformationen einholen.

Auskunft: www.colombia.travel/de

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