Reise 05.12.2011

Kappadokien: Bizarre Wunderwelt der Türkei

Feenkamine, Zuckerhüte, Höhlenkirchen & unterirdische Städte: Während der Fahrt durch die Tuffsteinlandschaft im türkischen Anatolien kommt man aus dem Staunen nicht heraus.

Zuckerhüte aus Vulkangestein, riesige weiße Felsenpilze, Gebilde, die wie Zipfelmützen, Morcheln oder Stangenspargel ausschauen und vor weißen und rosaschimmernden Tuffsteinwänden stehen - die bizarre, unwirklich schöne Landschaft Kappadokiens mutet wie eine Hollywood-Filmkulisse an und lässt garantiert keinen kalt. Mehr als zwei Millionen Touristen aus aller Welt kommen jährlich nach Zentralanatolien, um in die nur 25 Quadratkilometer große, seit 1985 UNESCO-geschützte Wunderwelt rund um das Zentrum Göreme einzutauchen.

Die einzigartigen Gesteinsformationen sind Folge von Vulkanausbrüchen, die vor Millionen Jahren stattfanden. Neben Lava wurden damals auch große Mengen Tuffasche ausgeworfen. Über die Jahrhunderte verdichtete sich diese zu einem relativ festen Gestein, das im Laufe der Zeit durch Erosion neue Formen hervorbrachte und immer noch hervorbringt. Ganz besondere Strukturen zeigen die für Kappadokien so berühmten Feenkamine, die durch härtere, auf der Spitze liegende Tuffe besser vor Erosion geschützt sind.

Wohnen in Höhlen

Die lokale Bevölkerung höhlte über Jahrtausende viele der Tuffformationen zu Wohnzwecken, für Kirchen und für Taubenschläge aus, was wiederum den Erosionsprozess beschleunigte. Seit die Region UNESCO-Welterbe ist, sind neue Aushöhlungen verboten.

Magnet für alle Besucher ist das große Freilichtmuseum Göreme, es liegt ein paar Kilometer außerhalb des Ortszentrums. Vom 4. Jh. bis zum 13. Jh. befand sich in den Felsblöcken eine vor Feinden gut geschützte Klosteranlage - mit Lager- und Wohnräumen, Kirchen und Kapellen, die aus dem Fels geschlagen wurden. In den Kirchen Emali, Yilanli, Tokali und Karanlik sind besonders gut erhaltene Fresken zu sehen. Fotografieren ist in diesen ebenso verboten wie in der wunderschönen, mit vielen königsblauen Fresken verzierten Tokali-Kirche, der ältesten Höhlenkirche der Region. Sie steht etwas außerhalb des Freilichtmuseumskomplexes vis-à-vis vom Parkplatz.

Vom Flughafen Kayseri ist Göreme auf guten Straßen in einer Autostunde erreichbar. Der rund 2500 Einwohner zählende Ort, in dem die Menschen noch weit bis ins 20. Jahrhundert in Tuffsteinhöhlen lebten, ist mit unzähligen Hotels, Restaurants und Shops das touristische Zentrum Kappadokiens.

Höhlenhotel

Viele Höhlenwohnungen, aber auch Klöster des Ortes wurden innerhalb der vergangenen 20 Jahre aufwendig zu Höhlenhotels mit allem Komfort adaptiert. Wir logieren im feinen Hotel Cappadocia Caves Suites, einem ehemaligen Höhlenkloster mit einer Kapelle aus dem 8. Jh., das mit modernst ausgestatteten Zimmern und Suiten sowie hervorragender Küche punktet. Einen Wellnessbereich hat das Hotel aber nicht. Deshalb pilgern wir zum öffentlichen Hamam, schwitzen Seite an Seite mit Brasilianerinnen, Australierinnen und Kanadierinnen. Es scheint, als sei Göreme der Nabel der Welt. Denn auch beim Sonnenuntergangschauen am höchsten Felsen von Göreme, zu dem sich auch die Dorf-Jugend bei Musik und Gesang einfindet, treffen wir Gäste aus vieler Herren Ländern: Südkoreaner, Japaner, Amerikaner.

Der Tourismus ist seit dem Ende der 1980er-Jahre die primäre Einkommensquelle der Einwohner Kappadokiens. Deutsch sprechende Fremdenführer sind dennoch rar. Denn die meisten Besucher kommen in Rahmen organisierter Türkei-Rundreisen oder als Ausflügler von der rund 750 Kilometer entfernten Badeküste im Raum Antalya. Sie haben bereits einen Reiseführer im Gepäck, bleiben oft nur zwei Tage. Viel zu kurz, um die Wunderwelt rund um Göreme zu erkunden. Individualtouristen sollten für den Aufenthalt eine Woche einplanen. Vor allem, wenn sie gern wandern. Denn die bizarren Schönheiten entdeckt man am besten zu Fuß oder bei einer Ballonfahrt.

Heißluftballons

Die Heißluftballons starten meist in der Nähe von Göreme, die Fahrt ist Nervenkitzel pur. Der Pilot steuert das Gefährt mitunter knapp an Felstürmen vorbei, taucht damit in die Schluchten ein - so tief, das manchmal nur das Dach des Ballons aus den Felsspitzen herausragt. An wettertauglichen Tagen drängen sich bei Sonnenaufgang bis zu 100 Heißluftballons in der Luft. Nachteil: Man muss sehr früh aus den Federn.
Wer das nicht will, fährt von Göreme ins ein paar Kilometer entfernte Uçhisar. Auch der höchstgelegene Ort Kappadokiens bietet herrliche Panoramablicke, hat rund 1000 Einwohner und wird von einem hohen Burgfelsen dominiert. Dessen Höhlen dienten einst als Wohnräume, in byzantinischer Zeit auch als Kloster. Vor dem Burgfelsen säumen Straßenhändler den Weg. Sie verkaufen handgefertigte kappadokische Puppen und Nachbildungen von Feenkaminen. Uçhisar ist bei Ausländern als Zweitwohnsitz sehr beliebt, viele haben Wohnungen gemietet.

Auch über der Kleinstadt Ortahisar thront ein markanter Burgfelsen, dessen Höhlen und Gänge den frühchristlichen Gemeinden als Schutz vor Angreifern dienten. Ortahisar ist das Zentrum des Obstanbaus in Kappadokien. Die Tuffsteinhöhlen, die ganzjährig eine Temperatur um zehn Grad aufweisen, werden als Lagerräume für Zitrusfrüchte und Gemüse aus der gesamten Türkei genutzt. Aus aufgelassenen Lagern entstehen oft Höhlenrestaurants und -diskos.

Weintraubenkirche In Ortahisar steht auch ein Felskegel, in dem sich die Weintraubenkirche aus dem 8. Jh. befindet. Weinbau spielt in Kappadokien seit langer Zeit eine große Rolle. Zwölf Rebsorten gedeihen. Die Lese findet im September und Oktober statt. Turasan in der modernen Stadt Ürgüp ist die größte Weinfabrik der Region. Medaillen zeugen von der Qualität der Weine, die nach Japan und China exportiert werden und in der Vinothek zu verkosten sind.

Sechs Kilometer von Ürgüp entfernt ist die Kleinstadt Mustafapasa einen Besuch wert. Hier lebten bis 1923 auch griechische Familien. Architektonischer Zeitzeuge ist das Hotel-Restaurant Old Greek House, das von Süleyman Öztürk liebevoll geführt wird. Seine Frau Emine kocht himmlische Menüs mit Linsensuppe, Pottery-Kebab, Fleischbällchen, Gemüsereis und Reispudding auf. Viele Touristen kommen mit dem Taxi, um hier gepflegt zu dinieren.

Wer nach den lohnenden Rundgängen in der Töpferwerkstatt Chez Galip und in der Teppichknüpferei Sentez in der Handwerkshochburg Avanos noch Zeit hat, sollte eine der unterirdischen Städte Kappadokiens aus dem 6. bis 10 Jh. erkunden. 36 wurden entdeckt, wenige sind zugänglich. Die bekanntesten sind Kaymakli und Derinkuyu. Unter Platzangst oder Atemnot sollte man aber nicht leiden. Die Gänge, die mehrere Etagen in die Tiefe führen, sind eng, manchmal muss man auch gebückt gehen.

Infos

Anreise Z. B. mit Turkish Airlines (feines Do-&-Co-Catering, großer Sitzabstand) von Wien nach Kayseri via Istanbul.Tickets hin-retour ab ca. 300 €. T.: 01/580 25, www.thy.com

Mietauto Übernahme am Flughafen Kayseri, Wochenpreis für die günstigste Kategorie ca. 200 €.
www.autovermietungturkei.com
www.elitcarrental.com

Beste Reisezeit April bis Juni sowie September bis Anfang November. Im Winter schneit es oft - Kappadokien liegt zwischen 1000 und 1200 Meter Seehöhe.

Nebenkosten Tee, Kaffee, frisch gepresster Orangen- oder Granatapfelsaft kosten zwischen 1 und 3 Lira, ein viergängiges Menü 15 bis 25 Lira, Eintritt ins Göreme-Freilichtmuseum ab 15 Lira, Ballonfahrt ab 248 Lira. Hamam-Preise: Eintritt 50 Lira, Ölmassage pro Minute 2 Lira, 1 € = 2,25 Türkische Lira.

Hotel-Tipps Cappadocia Cave Suites in Göreme: Höhlenhotel mit allem Komfort, 33 Zimmer und Suiten, alle sind unterschiedlich eingerichtet. Sehr gutes Frühstücksbüfett und Abendmenü. Doppelzimmer-Preis inklusive Frühstück ab 112 €, Suite ab 175 €. www.cappadociacavesuites.com
Upper Greek House in Mustafapasa: Hotel mit 19 Zimmern, liebevoll ausgewähltes Mobilar, Doppelzimmer mit Frühstück ca. 70 €, Suite ca. 105 €. www.uppergreekhouse.com

Restaurant-Tipp Old Greek House in Mustafapasa: Fein speisen in einem 250 Jahre alten Haus mit Gewölben und originalen Wandfresken aus 1887. Hausherr Süleyman Öztürk ist ein charmanter Gastgeber, seine Frau Emine kocht himmlisch auf. 10-Gänge-Dinner 30 bis 45 Lira. Übernachtung mit Frühstück im Doppelzimmer ab 66 €. www.oldgreekhouse.com

Einkaufen Chez Galip in Avanos: Die Keramik- und Töpferwaren sind Kunstwerke, ausgesprochen schön aber teuer.
www.chezgalip.com
Teppichknüpferei Sentez in Avanos: sehr renommiert, in 58 Räumen lagern 16.000 Teppiche, Lieferung frei Haus.
www.sentez.com.tr
Turasan in Ürgüp: verkauft edle, prämierte kappadokische Weine. Flaschenpreis: 8 bis 20 €. www.turasan.com
Alkazar bei Ürgüp: modische Lederwaren, unbedingt handeln.
www.alkazarleather.com

Auskünfte Türkei Information, 1010 Wien, Singerstraße 2/8, T.: 01/ 512 21 28, www.goturkey.com, www.turkinfo.at

Einige Leser haben uns bereits Fotos gesandt!

( Kurier ) Erstellt am 05.12.2011