Reise 05.12.2011

Kalabrien: Wo die Götter wohnten

An der Stiefelspitze Italiens lässt sich das ganze Jahr über Urlaub machen. In den Bergen und am Meer sind zauberhafte Plätze zu entdecken. Das Essen ist einfach, gesund und überraschend.

Die alten Griechen hatten schon recht, wenn sie vermuteten, dass in Kalabrien die Götter wohnten. In der Spitze des Stiefels ist ziemlich viel von all dem Wunderbaren zusammengeronnen, was Bella Italia zu bieten hat - jedoch weniger dem modernen Tourismus angepasst als sonst wo im Lieblingsurlaubsland der Österreicher. Das ganze Jahr über lässt sich dort Urlaub machen - doch Achtung: Es gibt so viel zu erleben, dass man leicht in Stress verfallen könnte.

Es ist der rustikale, manchmal fast schroffe Charakter, der das Land so anziehend macht. "Mein Mann und ich haben ganz Italien bereist," erzählt Sievim, die Fremdenführerin, "und wir haben uns dann in Kalabrien niedergelassen, weil es so schön ist." Man kann es ihr nachfühlen.

Erstaunlich grün ist es überall, vom sonnenverbrannten Süden keine Spur, das Wasser aus den Bergen ist reichlich vorhanden. Ja, da sind auch Berge und Hügel - sie bedecken 90 Prozent der Halbinsel, also machen wir gleich einmal im Pollino-Gebirge im Norden der Region Station. Erste Überraschung an der Autobahn: Schilder, die zum Anlegen von Schneeketten auffordern. Und das im Süden Italiens? "Aber ja, bei uns kann man sogar Skifahren", erklärt Sievim.

Bei den Arbëresh

Die Straße windet sich durch das Gebirge, gibt immer wieder den Blick auf Talkessel frei, mit Hügeln, auf denen Orte kleben, wie etwa die Stadt Morano Calabro. Die winkeligen Gassen unterhalb der Burg atmen noch den Geist der Geschichte.

Wenige Kilometer weiter, in Civita, steigen die Reisenden unter dem grimmigen Blick des albanischen Nationalhelden Skanderbeg aus dem Bus. Albanien mitten in Italien? Stimmt, vor zirka 500 Jahren siedelten sich die Arbëresh, wie sie sich selbst nennen, auf der Flucht vor den Türken in Kalabrien an. Sie sprechen noch immer ihre Sprache, der Ort ist auch mit albanischen Flaggen und eben mit dem Denkmal des Nationalhelden geschmückt, aber sonst fühlt man sich sehr in Italien. Auch die Teigbällchen mit 'Nduja, die Pasta mit Brennnessel und Ricotta oder die roh marinierten Melanzani, die Enzo im Restaurant "Kamastra" mit Enthusiasmus und Musikbegleitung serviert, sind so g'schmackig und deftig wie überall in Kalabrien.

Agriturismo

Malerisch: Das Fischerdorf Scilla mit Castello Ruffo an der Straße von Messina.
© Bild: Hubert Huber

Für Urlauber, die das Landleben lieben, ist die Stiefelspitze sicherlich eine Fundgrube: Jeder Bauernhof hat seine Spezialitäten und viele teilen sie gern mit Gästen. Die sogenannten Agriturismo-Betriebe - also Bauernhöfe mit Fremdenzimmern - bieten Zwei- bis Dreistern-Unterkünfte, zu einem günstigen Preis, oft mit Halbpension: Und da wird aufgetischt, dass sich die Tische biegen, mit Liebe und Überzeugung: selbst gebackenes Brot, gewürzt mit den Kräutern der Region, Würste oder Ragouts von Wildschweinen, Pasta in für uns unbekannten Variationen und natürlich die rote Zwiebelmarmelade, die gern mit Pecorino verzehrt wird.
Die Bauernhöfe sind speziell für Mountainbiker ein idealer Ausgangsort für Touren. Wer mitten in den Bergen residiert, ist trotzdem nicht weit vom Meer entfernt. Von keinem Punkt der Halbinsel ist es weiter als 40 Kilometer bis zur nächsten Küste.

Die ist steil und schroff, daher thronen auch dort die Städte auf Felsen, mit viel Geschichte - vom alten Griechenland über das Mittelalter bis zur für Kalabrien schmerzhaften Einigung Italiens -, viel Charme, guten Tavernen und gelassenen Bewohnern, die ihre bescheidene, gut gewürzte Lebensart und ihre Traditionen stolz mit den Gästen teilen.

Pesce spada

So wird vor Scilla an der Straße von Messina (zwischen Festland und Sizilien) noch auf traditionelle Art der Schwertfisch ( pesce spada ) gefangen, vom Boot aus mit einer Harpune. Ein Wagnis: Der Fischer steht auf einem 20 Meter langen Ausleger und muss den bis zu 300 Kilo schweren Fisch bis zu dessen Erschöpfung am Haken halten . "An einem guten Tag fangen wir ein bis zwei Fische", erzählen Fortunato und Marco, die den ganzen Tag vor der Costa Viola kreuzen. Als Urlauber sucht man besser ein Restaurant auf, verzehrt ein pesce-spada -Steak und genießt danach in einer der Buchten am Strand das Dolce far niente.

Info

Beste Reisezeit März bis Juni, im Herbst für Aktiv-Urlauber, baden von Mai bis Oktober möglich, im Winter Ski fahren im Aspromonte.

Anreise
Z. B. mit Air Berlin ab Wien nach Lamezia Terme (Zwischenstopp in Deutschland). Tagesaktuelle Preise ab ca. 300 € hin-retour. T.: 0820 737800, www.airberlin.com

Unterkunft-Tipps Rocca Netuno Tropea. Vier-Sterne-Haus mit eigenem Strand, All inclusive
www.roccanettuno.com .
Agriturismo Tenuta Ruralia, S. Domenica di Ricadi. Ehem. Bauernhof., speziell für Touristen hergerichtet. Übernachtung / Frühstück ab 26 €/ Person im Doppelzimmer. Halbpension: 15 € / Person &Tag.
Bed&Breakfast Hotel Residenzia Il Duomo, Tropea, 4-Sterne-Hotel, Zimmer ab 66 €, www.residenzailduomo.it

Restaurant-Tipp
Bar Gelateria Ercole, Piazza della Republica, Pizzo. Gilt als Erfinder des Tartufo-Eis. - Da Cecce, Largo Toraldo Grimaldi, Tropea. Hausherr empfiehlt persönlich.

Auskünfte
Italienische Tourismuszentrale (ENIT) in Wien, T.: 01/ 5051630, www.enit.at
Meetingpoint Calabria, Via Annunziata 5,
I-89861 Tropea, tägl. 9 -8 Uhr, T.: +39/0963/ 660 711, www.meetingpointcalabria.com

( Kurier ) Erstellt am 05.12.2011