Reise
30.06.2017

Die Faszination von Neapel

Die süditalienische Stadt ist ebenso irritierend wie faszinierend und zeigt vor allem eines: Hässliche Architektur ruft Vandalismus hervor, schöne bleibt weitgehend unangetastet.

Ankunft um Mitternacht auf der Piazza Bellini. Der Reiseführer beschreibt diesen Platz als einen der idyllischsten in der Altstadt von Neapel. Angesichts der Menschenmassen auf der Straße kapituliert mein Taxler; die letzten 100 Meter zum Hotel soll ich zu Fuß gehen.

Ich komme mir vor wie in einem Tollhaus: Hunderte, wenn nicht gar Tausende Jugendliche feiern das Wochenende auf der Straße ab. Ohrenbetäubend laute Techno-Musik aus jedem Lokal, die Flaschen klirren, nicht nur der Geruch von Zigaretten liegt in der Luft.
Am nächsten Morgen: Ich begutachte das "idyllische" Plätzchen: Glasscherben auf dem Boden, wohin man schaut; Müll und zerbrochene Flaschen selbst im Schacht, in dem die Reste des griechischen Neapel freigelegt wurden, gleich neben dem Café "Intra Moenia"; dazu an jeder Mauer die, wie ich lernen werde, in der ganzen Stadt allgegenwärtigen Graffitis. Wo um Himmels willen, bin ich hier gelandet?

Unangetastete Schönheit

"Die Neapolitaner lieben das Schöne", schwärmt mir wenig später Veronica, mein privater Napoli-Guide, vor. Woran man das festmachen kann, frage ich leicht ungläubig. Wenig später fahre ich auf der Rolltreppe ins unterirdische Neapel und bekomme eine Ahnung dessen, was sie meint: Die Metrostation Toledo, 2012 eröffnet und von The Daily Telegraph zur schönsten Metrostation Europas erklärt, ist einfach umwerfend: ein faszinierendes Farbenspiel aus tausenden Mosaiksteinen, leuchtend in hunderten Blautönen – und kein einziges Graffito verschandelt das Gesamtkunstwerk. Ein Lehrbeispiel wie aus dem Buch: Hässliche Architektur ruft Vandalismus hervor, schöne bleibt unangetastet.

Einige Stationen weiter, in der Metro-Station Garibaldi, dasselbe Bild: Die ebenfalls im Rahmen des Projekts Metrò dell’Arte künstlerisch ausgestaltete Metrostation ist eine unversehrte Augenweide, ein paar hundert Meter weiter, auf dem Hauptbahnhof, eine beispiellose Tristesse.

Extreme Gegensätze wie diese sind es, die den Reiz der Millionenstadt Neapel (offiziell wohnen hier eine Million Einwohner, inklusive Umland sind es an die vier Millionen) ausmachen. Dies wird schon bei der Ankunft am Flughafen Capodichino deutlich: Kaum hat man das Areal des frisch herausgeputzten Airports verlassen, fühlt man sich angesichts der desolaten Straßen und der Müllberge in eine Metropole der Dritten Welt versetzt. Die Kontraste setzen sich bei der Fahrt in die Stadt fort: hier die trostlosen Betonburgen des Drogenviertels Secondigliano, dort die Prachtbauten des Zentrums wie die Galleria Umberto und die Galleria Principe, das Teatro San Carlo und das Castel Nuovo; hier die engen, verwinkelten Gassen der Altstadt (Spaccanapoli), dort Einkaufsboulevards wie die Via Toledo und die Via Chiaia; hier die prächtige Uferpromenade Via Partenope mit ihren Luxushotels, dort die heruntergekommenen Bassi (Erdgeschoßwohnungen) in den verrufenen Quartieri Spagnoli.
Erstaunlich und irritierend sind diese Kontraste zweifellos. Doch wer einmal in das chaotische Leben der Metropole eingetaucht ist, wird auch eine Faszination für diese uns Mitteleuropäern so fremde Welt empfinden.

Zeit für Grandioses

Mein Tipp also: Besuchen Sie Neapel nicht nur als Stopover für die Weiterreise nach Capri oder Ischia, sondern saugen Sie die einzigartige Atmosphäre der Stadt während eines zwei- oder dreitägigen Citytrips auf. Und nehmen Sie sich Zeit für die grandiosen Sehenswürdigkeiten: Das Archäologische Nationalmuseum mit dem berühmten Alexander-Mosaik aus Pompeji; den Dom, in dem zwei Mal jährlich das Ritual der Blutverflüssigung des Stadtheiligen San Gennaro stattfindet; die Kirche Gesù Nuovo mit ihrer einzigartigen Diamantquader-Fassade; die "Krippenstraße", in der das ganze Jahr über handgefertigte Weihnachtskrippen zum Kauf angeboten werden; den Altar für den "göttlichen" Diego Maradona in der Bar Nilo; das Kloster Santa Chiara mit seiner Ruheoase, dem Kreuzgang aus dem 14. Jahrhundert.

Fahrt mit der Seilbahn

Apropos Ruheoase: Sollten Sie dem Trubel der Stadt dann doch irgendwann entfliehen wollen, steht Ihnen ein geniales Verkehrsmittel zur Verfügung: Die Standseilbahn (Funicolare), die die Innenstadt von drei Seiten mit dem Hügel Vomero verbindet.
Um einen Spottpreis wird man in nostalgischen Wagons hinauf in den Nobelbezirk transportiert. Dort angekommen, ist es nur mehr ein Katzensprung zum schönsten Aussichtspunkt der Stadt, dem Castel Sant’Elmo. Spätestens wenn Sie dort am Spätnachmittag den Blick über die Stadt, den Vesuv und den Golf von Neapel schweifen lassen, werden auch Sie überzeugt sein: (Auf) Neapel muss man gesehen haben.

Ausflug Pompej

Pompeji, die 79 n. Chr. durch den Vesuv verschüttete Römerstadt, zählt zu den meistbesuchten Sehenswürdigkeiten Italiens – nur Silvio Berlusconi soll nie dort gewesen sein, zumindest nicht in seiner Amtszeit als Ministerpräsident. Irgendwie symptomatisch für den damaligen Umgang des Staates mit einem seiner bedeutendsten Kulturgüter.Inzwischen hat sich die Lage zum Besseren gewendet: Im Rahmen des „Grande Progetto Pompei“ fließen seit 2012 EU-Gelder in die Erhaltung der antiken Ruinenstadt, und Ex-Ministerpräsident Matteo Renzi hat Pompeji zur Chefsache gemacht. Das ist auch dringend nötig: der natürliche Verfall, Erdbeben, unsachgemäße Restauration und die Besuchermassen haben dem Freilichtmuseum in den letzten Jahrzehnten schwer zugesetzt.

Inzwischen wurden ein neuer Superintendent sowie zusätzliche Architekten und Archäologen eingestellt, Wohnhäuser und Mosaikfußböden restauriert sowie in Überwachungskameras und Besucherservice investiert. Auch wer mit den alten Römern noch nie etwas am Hut gehabt hat, wird von einem Rundgang durch das Ausgrabungsgelände begeistert sein. Was für die Bewohner der Kleinstadt am 24. August 79 eine Katastrophe darstellte, war für die Nachwelt ein Glücksfall: Da die Stadt durch den Vesuv-Ausbruch von einer bis zu 25 m dicken Schicht aus vulkanischer Asche und Bimsstein begraben wurde, blieb sie für über 1600 Jahre „versiegelt“ und bietet heute eine Art Momentaufnahme des Lebens in einer antiken Stadt vor fast 2000 Jahren.

Info

NEAPEL

Anreise Austrian fliegt bis zu sechs Mal pro Woche (oneway ab 79 €), Easyjet im Juni, Sep. und Okt. täglich (oneway ab 45 €) von Wien nach Neapel. austrian.com, easyjet.com

Beste Reisezeit September bis Oktober, April bis Mitte Juni.

Hoteltipp Hotel Piazza Bellini in der Altstadt (ab 130 €/DZ/ Frühstück), www.hotelpiazzabellini.com

Reiseführer Vis-à-vis Reiseführer Neapel, Pompeji & Amalfi-Küste (DK-Verlag, 254 Seiten, 23,70 €).

Auskunft www.portanapoli.de, www.enit.at, www.napolidavivere.it

POMPEJI

Öffnungszeiten 9–19.30 (ab November bis 17.00);

Eintritt 13 €. Sie sollten sich mindestens 5 Stunden, oder, noch besser, einen ganzen Tag Zeit nehmen. Unabdingbar ist ein Audioguide (6,50 €) oder ein offizieller Fremdenführer (Tipp für Führungen auf Deutsch: veronicapompeiiguide.blogspot.co.at).

Anfahrt nach Pompeji erfolgt am besten mit der Eisenbahnlinie Circumvesuviana ab Neapel (alle 30 Minuten; für Touristen wurde der schnellere Campania Express eingerichtet, der vier Mal täglich auf derselben Strecke verkehrt).

Tipp Der archäologische Park von Pompeji wird auch für Sonderausstellungen (derzeit: „Picasso und Neapel“ und „Pompeji und die Griechen““) genützt. Von 22. Juni bis 16. Juli 2017 findet im großen Theater von Pompeji erstmalig das Festival „Pompeii Theatrum Mundi“ statt.
Auskunft www.pompeiisites.org