Reise
21.01.2012

Indien für Anfänger

Im Norden. Zauberhafte Paläste umgeben von bitterer Armut, Farbenpracht, die die Trostlosigkeit des Staubes sprengt, rigide Sitten gepaart mit Lebenslust: Der Strudel der Gegensätze auf dem Subkontinent fasziniert und schockiert zugleich.


Dieses Indien! Einem der bewährten Dogmen im Journalismus zufolge hat auch ein Reisebericht möglichst objektiv zu sein, der Berichterstatter bleibt im Hintergrund. Doch Indien ist so erschreckend, so schön, so anders, so kontroversiell, dass ich mich genötigt sehe, diese Heilige Kuh zu schlachten (ausgerechnet für Indien!) und in der "Ich"-Form berichten werde. Schließlich möchte ich keine Indien-Begeisterten vergrämen. Und Leser, die dort noch nie waren, sollen wissen: Dies ist ein sehr subjektiver Bericht. Es kann auch ganz anders sein.

Es war meine erste Reise auf dem Subkontinent. In zehn Tagen besichtigten wir Delhi, Varanasi, Khajuraho, Orcha, Agra, Jaipur und Kerala im Süden, legten also rund 5800 Kilometer zurück. Schon hier sei angemerkt: Nehmen Sie sich mindestens doppelt so viel Zeit.
Ich habe geglaubt, mich recht gut vorbereitet zu haben. Weit gefehlt. Selbst die recht drastischen Schilderungen eines indischen Autors ( Aravind Adiga: Der Weiße Tiger, dtv, sehr zu empfehlen) wurden von der Wirklichkeit übertroffen.

Märchenhaft

Fangen wir bei den überwältigenden Eindrücken an: Viele fahren nur nach Indien, um das Tadsch Mahal zu sehen. Zu Recht: Auch das allerschönste Foto kann die Atmosphäre des Ortes nicht vermitteln. Die Anlage strahlt eine derart überirdische Schönheit und Ruhe aus, die auch von den Abertausenden Touristen nicht beeinträchtigt wird. Als "Träne auf der Wange der Zeit" beschrieb der Dichter Rabindranath Tagore das Mausoleum für die schöne Mumtaz Mahal. Wir sahen den weißen Marmorpalast im Nebel, und obwohl ich als Fotograf darüber fluchte: Die Stimmung war überwältigend.

Die Mogulen-Paläste und -Städte zeigten, wie real Märchen doch sind. In Agra (Tadsch Mahal, Rotes Fort), Delhi (Grabmal des Humayun, Tempel von Qutb), Jaipur (City Palace, Amber Fort) oder der Geisterstadt Fatehpur Sikri, die nur acht Jahre bewohnt wurde, fühle ich mich in die Welt von 1001 Nacht versetzt. Hört man dazu die Geschichte, so überholen Drama, Intrige, Romantik und Grausamkeit der berichteten Wirklichkeit jede erfundene Fantasiegeschichte.

An den sogenannten Ghats (Treppen) am Ufer des Ganges in Varanasi (Benares) fühle ich mich ins Mittelalter (oder noch früher) zurückversetzt. Die Hindus glauben, dass eine Feuerbestattung in Varanasi der Seele eine Wiedergeburt erspare. Sie glauben auch, dass ein Bad im Ganges ihre Seele reinige. Ein Vater hält sein kleines Mädchen auf dem Arm, schaufelt mit der Hand Wasser aus dem trüben Fluss über sie, gibt ihr ein paar Tropfen zu trinken. Etwas gruselig, wenn ich mir vorstelle, dass nur wenige Meter weiter die Überreste der Feuerbestattung in den Fluss geworfen werden.

Ganz anders die Hindu-Tempel von Khajuraho. Von der Ausgelassenheit und dem lustvollen Umgang mit Sex, wie er anhand unzähliger Figuren an den Tempeln dargestellt wurde, habe ich wenig gesehen (Inder sind in der Öffentlichkeit sehr sittenstreng). Sie lassen jedoch erahnen, wie alt die Hochkulturen in Indien eigentlich sind. Unser Fremdenführer, Udai Singh, weist immer wieder dezent darauf hin, dass diese Zeugen indischer Kultur in Zeiten entstanden sind, als Europa noch von Barbaren verwüstet wurde. Ganz sind die Demütigungen der Kolonialzeit eben noch nicht überwunden.

Außen pfui, innen hui

Die zauberhaft schönen Sehenswürdigkeiten sind nur die eine Seite. Die andere, das Chaotische, Lärmende, Stinkende, überfällt dich gleich bei der Ankunft: Schon vor dem Flughafen in Delhi werden wir in eine warme Smogwolke aus Abgasen und verbranntem Plastik gehüllt. Hilfreiche Hände übernehmen das Gepäck, wir werden in den Bus komplimentiert. Neugierig starrte ich aus dem Fenster: Von Hauptstadt-Flair keine Spur, der Bus rumpelt durch schlecht beleuchtete, verdreckte Straßen, dicht befahren, obwohl es zwei Uhr nachts ist, bevölkert von Menschen, die auf der Straße wohnen, räudigen Hunden, Ratten, Kühen und anderen Kreaturen. Alles ist von einer grauen Staubschicht überzogen.

Erinnert an Bilder aus Kabul nach einem Anschlag. Hat sich der Pilot vielleicht geirrt? Der Bus hält schließlich vor einem Tor, von Uniformierten gut bewacht. Kurze Kontrolle, das Tor geht auf – und wir sind in einer anderen Welt. Die strahlenden Augen und perlweiß schimmernden Zähne der jungen Empfangsdame im Sari blenden mich, als sie mir die obligate Blumenkette um den Hals legt und ein bindi , einen roten Punkt, auf die Stirn malt. Die gereichten feuchten Handtücher zur Erfrischung riechen zwar nach billigem Parfüm, auch die Installationen im Badezimmer sind renovierungsbedürftig, aber sicher nicht schlechter als in so manchem europäischen Hotel.

Die Inder

Auf dem Weg zu den Sehenswürdigkeiten stelle ich mir beim Blick auf die Straßen immer wieder die Frage: Wie schaffen es die Inder, in solchen Bruchbuden zu leben und dennoch größtenteils adrett und sauber zu wirken? In der Innenwelt, den Hotels, sind die Angestellten höflich, unaufdringlich hilfsbereit. Ganz anders in der Außenwelt: Sobald ich mich auf eine Person einlasse, werde ich bedrängt, allerdings nicht bedroht, und das Gefühl, in Gefahr zu sein, hat sich nie eingeschlichen. Die Straßenhändler sind auch mit mehrmaligem Nein nicht zu bremsen und oft nur per Flucht in den Bus abzuschütteln. Trotzdem plagen mich Schuldgefühle: Die Armen brauchen doch vielleicht das Geld. Dieser Konflikt nervt.

Beim Einkaufen bin ich mir nie sicher: Ist der Preis gerechtfertigt oder nicht. Für einen Paschmina-Schal (Kaschmir-Wolle und Seide) will ein Händler umgerechnet fast 300 Euro. Gekauft habe ich einen hübscheren woanders um 50 Euro – unserem Fremdenführer, Udai Singh, sei Dank.

Apropos Fremdenführer: Ich habe die gute Organisation der Reise und die aufmerksame Betreuung als echte Hilfe empfunden. Auch mit Udai und der guten Planung durch den Veranstalter war die Rundreise sehr anstrengend, eben wegen der vielen intensiven Eindrücke. Und ich bewundere all jene maßlos, die Indien auf eigene Faust erkunden – Abenteuer pur.

Die größten Herausforderungen

Der Grund, warum der erste Eindruck in Indien so verunsichert und schockiert, liegt vermutlich darin, dass die Bilder in unseren europäischen Köpfen so anders sind – eben Innenansichten à la Taj Mahal. Was mich am meisten beeinträchtigt hat:

- Gerüche: Es stinkt. Vor allem Städte sind oft in eine dicke Smogwolke gehüllt, es riecht nach verbranntem Plastik, faulendem Abfall und ranziger Haut. Diese Geruchsmischung verfolgt dich und man versteht, warum an jeder Ecke Räucherstäbchen qualmen.

- Verkehr: Offiziell gilt als Überbleibsel des British Empire Linksverkehr. In den Straßen ist nicht einmal diese Grundordnung auszumachen. Gefahren wird, unter lautem Hupen, nach Gutdünken, wie man am ehesten vorwärts kommt. Garniert wird das Chaos von heiligen Kühen und anderen Kreaturen, die offenbar nicht wissen, wo sie hinwollen. Vermutlich sind alle indischen Fahrer gläubige Hindus, denn Rikschas, Mopeds oder Autos sind stets mit Götterbildern geschmückt. Der himmlische Schutz wird dringend benötigt.

- Armut: "Es gibt bei uns genügend Arbeit. Wenn Leute betteln, dann nur, weil sie damit mehr verdienen, als wenn sie arbeiten würden", klärt mich Udai auf. Außer den heiligen Männern (die Betrüger sein könnten) sollte man keine Almosen verteilen.

- Essen: In Hotels wird versucht, europäisches Essen anzubieten, doch es ist stark britisch geprägt. Es gibt fast nur Gemüse, Reis und falls Fleisch, dann vor allem Huhn. Wenn man mit "spicy" (würzig) umgehen kann, hat man kaum Probleme. Brot wird vielfältig gereicht, oft gewürzt.

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