Kreta: Die wilde Wiege Europas

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Griechenland
05/27/2016

Was uns an Kreta so fasziniert

Kreta zählt zu den beliebtesten Reiszielen in Europa. Manche sagen, die griechische Insel sei die Wiege unserer Kultur. Fest steht: Die Insel bietet herrliche Strände, Landschaft zum Wandern, sagenumwobene Ausgrabungen und viel Erholung

von Hubert Huber

Im Dorf Krasi steht eine riesige Platane, 2000 Jahre alt soll sie angeblich sein, runde 20 Meter misst der Stamm am Fuße des Baumes. „Man erzählt sich, dass Zeus, der oberste Gott der griechischen Mythologie, unter diesem Baum die phönizische Prinzessin Europa geschwängert haben soll. Zuvor hatte er sie in der Gestalt eines Stieres aus ihrer Heimat entführt. Ihr Sohn Minos ist der Gründer der minoischen Kultur“, erzählt Tassos, der Fremdenführer. Die minoische Kultur gilt als die erste Hochkultur Europas.

Gegenüber der Platane zieht eine venezianische Brunnennische die Aufmerksamkeit der Besucher auf sich. „Eine alte Waschmaschine“, sagt Tassos verschmitzt und erklärt, wie die Frauen dort ihre Wäsche in den eingelassenen Trögen gereinigt haben. „Vor allem wurde auch der neueste Dorfklatsch ausgetauscht.“
Gleich daneben wird Olivenöl angeboten, und Raki, der typische kretische Tresterschnaps; seinen Namen hat er aus der Zeit, als Kreta Teil des Osmanischen Reiches war. Er ist aber nicht mit Anis gewürzt, wie der Raki in der Türkei.

So lassen sich die prägenden Perioden der kretische Geschichte – mykenische, venezianische und osmanische Kultur – in der kleinen Dorfstraße von Krasi zusammengeballt erleben. Deren Spuren sind überall auf der Insel zu finden: Die minoischen Palastanlagen in Knossos und Malia, die venezianischen Festungen und Hafenanlagen in Heraklion oder auf der Insel Spinalonga und die Moschee in der Hafenstadt Rethymno.

In dieser Mischung aus Mythos, Geschichte und südländischer Lebensart liegt wohl auch der Charme von Kreta, der die größte griechische Insel nicht nur für Strandurlauber zu einem beliebten Reiseziel macht. „Wir haben jedes Jahr etwa fünf Millionen Besucher“, sagt Ioannis Mastorakis, Bürgermeister von Chersonissos. In seiner Region, also zwischen der Hauptstadt Heraklion und der Party-Hochburg Malia, befänden sich 50 Prozent der Hotels. Während deutschsprachige Touristen vorwiegend die Gegend rund um Chersonissos bevölkern, ist das etwa 30 Kilometer entfernte Malia fest in britischer Hand. Wunderschöne Strände gibt es zuhauf, Berühmt sind der Muschelstrand von Elafonissi mit seiner rosa Farbe und der Palmenstrand in Vai. In der Vorsaison sind sie nicht überlaufen.

Geteilt in Nord und Süd

Die touristischen Zentren zwischen Chania im Westen, Rethymno, Heraklion und Agios Nikolaos im Osten befinden sich alle im Norden. Sie werden durch eine gut ausgebaute Straße verbunden, welche mit blühenden Oleanderbüschen gesäumt ist sowie mit kleinen Gedenkkapellen, die wie Taubenschläge aussehen und an die Opfer tödlicher Unfälle erinnern.

Der Südteil der Insel ist weniger erschlossen, die Orte sind auch fast nur vom Norden aus zu erreichen. Dazwischen liegt eine Gebirgskette mit bis zu 2400 Meter hohen Gipfeln.

In engen, gewundenen Straßen geht es von der Küste in das Innere das Landes. Die Hügel und Berghänge sind im Westen grüner als im Osten. Olivenbäume bestimmen die Landschaft in den Niederungen, Kermes-Eichen und Macchie bedecken Berge und Schluchten über 800 Meter Seehöhe. Immer wieder trotten Ziegen über die Straße, in den Lüften kreisen Bart- und Gänsegeier.

Kreta ist reich an endemischen Pflanzen, also Kräuter, Blumen und Bäume, die nur auf der Insel vorkommen. Die Tierarten wurden fast alle eingeführt, das ursprünglich heimische Krikri, eine Ziegenart mit großen Hörnern, ist fast ausgestorben und kommt nur noch in Reservaten vor.
Die wilde und zugleich anmutige Landschaft ladet zum Wandern ein. Der europäische Fernwanderweg E4 führt quer über die Insel, über ausgedehnte Hochebenen und durch malerische Schluchten. Am bekanntesten ist wohl die Samaria-Schlucht, mit 17 km Länge eine der längsten Europas, die direkt ans Libysche Meer führt.
Die Agios-Antonios-Schlucht ist auch für Spaziergänger sehenswert. Auf dem Weg dorthin ist Mittagessen in der Taverne Drumos geplant. Während der Bus durch die stille Landschaft fährt, bemerkt eine Mitreisende trocken: „Na ja, die werden ein bisserl ein Problem mit der Laufkundschaft haben.“ Umso größer die Überraschung, als vor dem Lokal kaum ein Parkplatz zu finden war. Wobei: Taverne ist ja fast zu viel gesagt. Ein schlankes, einfaches Haus klebt an der Felswand, davor eine Art Stadel mit Plastik zum Schutz gegen den Wind verkleidet, in dem sich Tisch an Tisch reiht – Platz für mehrere Hundert Gäste.
Auf den Grillgestellen über offenem Feuer brutzeln halbe Lämmer, Ziegen und Spanferkel. Das Essen ist typisch mediterran, mit Salaten, Tzatziki, Fava (Püree aus gelben Erbsen), Saganaki (gebackener Käse) und den geschmackvollen Erdäpfeln.

Der Weg durch die Agios-Antonios-Schlucht führt zu einer kleinen Kapelle. Die Felsen rundum sind mit Ikonen und Votivgaben behangen sowie mit kleinen Zettelchen bespickt, auf denen Gläubige ihre Wünsche geschrieben haben. Die Andacht der vielen Pilger lässt die malerische Schlucht wie eine Kathedrale wirken.
Die mystisch angehauchte Atmosphäre ist an vielen Orten spürbar, wenn man den touristischen Trubel hinter sich lässt; in den pittoresken Gassen von Rethymno genauso wie in Agios Nikolaos. Das malerische Ortszentrum liegt an einer fast kreisrunden Bucht: „Das ist eigentlich keine Bucht, sondern ein Süßwassersee“, erklärt Nektarios, der uns diesmal führt. „Erst die Türken haben 1870 den Voulismeni-See mit dem Meer verbunden. Er ist nur 137 Meter breit, aber sehr tief. Offiziell ist er 67 Meter tief, aber man sagt, dass er keinen Boden hat. Die Nazis haben zu Kriegsende dort Panzer und Lkw hineingeworfen. Als die Einheimischen danach die Sachen herausholen wollten, fanden sie nichts. Sogar der Tiefseeforscher Jacques Cousteau untersuchte den See und konnte nichts finden. Man sagt, dass es eine unterirdische Verbindung mit der Insel Santorin gibt.“

Nektarios spricht fließend Deutsch und ist, zumindest, was Kreta betrifft, ein wandelndes Lexikon. Stolz zählt er die Stars und Berühmtheiten auf, die in den Luxushotels in der Bucht von Elounda abgestiegen sind: Brad Pitt und Angelina Jolie, Tom Hanks oder Lady Gaga.

Spannend erzählt er auch die Geschichte der Insel Spinalonga. Dort haben die Venezianer im späten 17. Jahrhundert eine Festung gebaut, sie jedoch bald nach der Fertigstellung den Türken übergeben müssen. 1903 richteten die Behörden dort eine Lepra-Kolonie ein, nicht zuletzt, um die letzten ansässigen Muslime zu vertreiben. Die Lepra-Station wurde erst 1957 aufgelassen, die letzte in Europa.

Auf die Wirtschaftskrise angesprochen, erklärte Nektarios: „Wir sind wie die Bayern von Griechenland. Wir sind sehr selbstbewusst, ein bisschen stur, rustikal und eigenbrötlerisch, und wirtschaftlich geht es uns auch etwas besser.“ Von ihm kommt kein Jammern, im Gegenteil, er sieht die Krise schon auch hausgemacht, was er mit einer Episode erläutert.

Vor einem Haus zeigt er uns die Zähler für das Wasser. „Ich kenne jemanden, der war Wasserzähler-Ableser. Er hat klein angefangen, aber zuletzt 3000 Euro netto verdient. Damit ist er auch in Pension gegangen. Ich habe ihn gefragt, ob er sich nicht für diesen enormen Gehalt schämt. Er hat mich empört angeschaut und gesagt: ,Warum? Ich bring’ doch den Leuten das Wasser!‘ Sehen Sie, so sind wir Griechen,“ sagte er verschmitzt.

Info

Anreise Ab Wien nonstop z. B. mit Austrian oder Niki ab zirka 300 € (Flüge mit Zwischenstopps auch billiger). Zwischen 2. 7. und 3. 9. bietet REWE Touristik Austria zusätzlich jeden Samstag Charterflüge mit Niki an, buchbar über ITS Billa Reisen und Jahn Reisen.

Highlights Knossos, CretAquarium in Chersonissos, Muschelstrand in Elafonisi, Lassithi-Hochebene mit der Zeus-Höhle, Wandern durch die Samaria-Schlucht.

Angebote Jahn Reisen: 4*-Hotel Anissa Beach, Anissaras, 1 Wo. im Doppelzimmer (Bestpreiszimmer), Alles inklusive, Flug ab Wien, p.P. ab 748 €; ab Graz ab 968 €. Details: +43 (0)1 589 55, http://www.jahn-reisen.at/
ITS Billa Reisen: 4*-Plus Hotel Club Calimera Sirens Beach, Malia, 1 Woche im Doppelzimmer, Alles Inklusive, Flug ab Wien, p. P. ab 882 €; ab Graz p. P. ab 912 €,
+43 (0)1 580 99 580, https://www.itsbilla.at/

Das Gold, das von Bäumen geschlagen wird

Kreta-Reisende kommen an Oliven nicht vorbei. Die Bäume sind bis auf eine Höhe von 800 Metern überall zu sehen. Es dürften zwischen 15 und 16 Millionen auf der Insel wachsen, sie machen geschätzte 25 Prozent des Pflanzenbewuchses und fast die Hälfte der für Landwirtschaft genutzten Fläche aus. Mehr als 80 Prozent gehören zur Sorte der Koroneiki-Olive. Diese ist relativ klein (etwa 1–1,5 cm)und wird in Kreta gern zum Essen gereicht. Das daraus gewonnene Öl hat einen würzigen Geschmack mit Nuancen von Zitrone. Es gibt auch eine Vielzahl an lokalen Sorten, die jeweils als die Besten angepriesen werden.

Boden und Klima auf Kreta sind für die Ölbäume ideal, nur etwa 20 Prozent der Bäume werden auch bewässert. Die Oliven werden zwischen Oktober und März geerntet, also genau in der Zeit, in der sich kaum Touristen auf der Insel befinden. Je reifer die Früchte, desto besser für den Verzehr, der Großteil wird jedoch zu Öl verarbeitet.

Bei der Ernte werden entweder die Äste abgesägt (und der Baum somit gleich zurechtgeschnitten), oder die Früchte mit Stöcken von den Bäumen geschlagen und in darunter ausgelegten Netzen gesammelt.

Die Früchte werden dann in der Fabrik gereinigt, mit Maschinen zerkleinert und zu einem Brei verknetet. Aus diesem wird dann mittels einer Zentrifuge das Öl extrahiert. Die Schwebstoffe werden herausgefiltert, das Öl anschließend luftdicht gelagert.

Kretisches Olivenöl zählt zu den besten der Welt. Die Qualität hängt nicht nur von der Pressung, sondern von vielen Faktoren ab: Sorte, Reifegrad, Zeit, Temperatur und Dauer der Verarbeitung und Lagerung wirken sich alle auf den Geschmack und die Qualität aus. Die besten Güteklassen, also die sogenannten kaltgepressten Öle heißen bei uns „Natives Olivenöl Extra“ und „Natives Olivenöl“. Bei diesen Güteklassen beträgt die Temperatur beim Pressen nicht mehr als 27°. Der Säuregehalt darf nicht mehr als 0,8 Prozent (Extra) bzw. nicht mehr als 2 Prozent betragen.

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