Reise
18.06.2017

Warum es uns diesen Sommer wieder an die Adria zieht

Eine melancholische Zeitreise zu den Sehnsuchtsorten von einst.

Auf der 17er-Bundesstraße, wenige Kilometer vor dem Grenzübergang in Spielfeld, kommen sie einem wieder in den Sinn: die Straßenschilder mit der Aufschrift Jugoslawien, Italien beziehungsweise Staatsgrenze. Heute glühen die Europäer aus den Binnenländern auf modern ausgebauten Autobahnen gen Süden. Nur wenige mit der Bahn, viele mit dem Flugzeug.

Weitere Bilder aus der Vergangenheit tauchen auf: die ersten sprachlich bedingten Orientierungsprobleme bei der nächtlichen Durchfahrt von Maribor (Marburg) oder Udine. Die Weiterfahrt durch eine Sommernacht. Das Aufgehen der Sonne über dem Karst, der langsame Übergang von kontinentaler zu mediterraner Vegetation, ein klappriger Lkw auf der kurvenreichen Magistrale, der das ungeduldige Warten der Kinder aufs Meer prolongierte. Und dann all die mondänen Badeorte, in denen da wie dort der Zahn der Zeit knabberte.

Es sind Bilder vom Sommer in warmen Farben. Sie haben sich tief in das kollektive Gedächtnis einer Nation eingeschrieben, die durch das eifrige Führen von Kriegen alle Zugänge zum Meer verloren hat.Die mehr als hundert Jahre alte mentale Nähe zu alt-österreichisch angehauchten Sehnsuchtsorten wie Grado, Triest, Piran oder Opatija ( Abbazia) erfährt seit Beginn des 21. Jahrhunderts eine Renaissance.
Das grenzenlose Leben in einer gemeinsamen Union beschleunigt auch in diesem Sommer das Verkehrsaufkommen Richtung Meer. Der große Unterschied zur Monarchie: Den wohlverdienten Urlaub an der Adria können sich heute nicht nur Adelige leisten. Kroatische Touristiker jubeln bereits zu Beginn der Sommersaison, sie erwarten 2017 ein weiteres Rekordjahr, während sich die Autobahnmeistereien und die Polizei vor jedem Wochenende auf neue kilometerlange Staus vor den Mautstellen vorbereiten. Im Vorjahr kamen die meisten Gäste aus (in dieser Reihenfolge) Deutschland, Slowenien und Österreich.

Große Welle ans Meer

Mit der Beschaulichkeit der Vor- saison war es heuer schon Mitte Mai weitgehend vorbei. Die verlängerten Wochenenden brachte die Vorhut der Segler und Sonnenliebhaber schon früh ans Meer. Mit Ferienbeginn in Ostösterreich und auch anderswo werden dann gleich mehrere große Wellen auf die adriatische Küste zurollen. Noch ein freies Zimmer auf der Insel Krk? "Wir haben im Juli und August nicht einmal mehr die Hundehütte frei", lächelt der Vermieter einer privaten Frühstückspension im Badeort Punat.

Und es ist nicht nur die erhöhte Terrorgefahr in Europa dafür verantwortlich. Für die Adria spricht auch die relativ gute Erreichbarkeit mit dem Auto (so kein Stau), der Eisenbahn (so eine fährt) oder dem Flugzeug. Dazu kommen zahlreiche Urlaubserinnerungen, die von einer Generation an die nächste weitergereicht werden.

Mögen die Côte d'Azur und Mallorca mehr Chic bieten, die griechischen Inseln mehr Geschichte und alle Übersee-Destinationen mehr Abenteuer und Wettersicherheit, die Adria ist für uns in jedem Fall näher liegend: fast vor der Haustür.

Wer rechtzeitig gebucht hat, kann auch in diesem Jahr einen Sommer wie damals erleben. Auch viele österreichische Kinder sind in der Adria zum ersten Mal in ein Meer getaucht, haben hier zum ersten Mal einen Seeigel oder einen Delfin gesehen und zum ersten Mal Salzwasser geschluckt. Einige haben abends ein Brennen auf ihrer Haut gespürt, das sie schmerzhaft gelehrt hat, dass Sonnenschutz im Süden kein Kann, sondern ein Muss ist.

"Möwen" und Mädchen

Rechtzeitig zum Sommerbeginn ist im Wiener Folio-Verlag der neue Roman des Zagreber Autors und Mittelschulprofessors Zoran Ferić in deutscher Übersetzung erschienen. "In der Einsamkeit nahe dem Meer" lautet der deutsche Titel. Darin geht Ferić auf das Knistern der Pubertierenden ein, die am Meer erstmals aufeinander treffen. Hier die im Kommunismus sozialisierten "Möwen", denen er sich selbst zugehörig fühlte, dort die sonnenhungrigen Mädchen aus dem liberalen Norden Europas, die den angehenden Frauenverführern in die Netze gingen.

Das Meer hat schon in der Monarchie Begehrlichkeiten erweckt, wie die Ausstellung "Österreichische Adria" im Wien-Museum vor ein paar Jahren anschaulich gezeigt hat: Mit dem Ausbau der Eisenbahn in den Süden kamen die ersten Touristen aus den kühleren Regionen des europäischen Kontinents an die Gestade des Mittelmeers, hielt die Salzburger Kunsthistorikerin Erika Oehring im Ausstellungskatalog fest.

Unter den ersten Gästen fanden sich laut Oehring auffallend viele Maler. Sie erfüllten den Auftrag, das "wildfremde Land" am Meer ästhetisch zu erschließen und für die Tourismuswirtschaft aufzubereiten. Mit dem Aufkommen der Fotografie folgten ihnen in der Zwischenkriegszeit die Bildberichterstatter und mit dem Einsetzen des Wirtschaftswunders in Deutschland und Österreich das große Heer der privaten Knipser. Heute breitet sich das Spektrum der Schnappschüsse vor allem elektronisch aus.

Doch das Meer zieht nicht nur die Gäste an. Eine ganze Reihe österreichischer Hoteliers lud früher und lädt heute an die Adria. Plattenbau war gestern, Wellnessressort ist heute: das Niveau der touristischen Infrastruktur ist nach dem Ende des Jugoslawien-Kriegs auch in Kroatien und Slowenien langsam, aber stetig gestiegen. Was wiederum jene enttäuscht, die noch immer mit der fixen Vorstellung eines Billigurlaubs an die Adria geraten. Qualität hat überall ihren Preis.

"Zimmer frei"

Ähnlich wie in den Alpen haben sich auch die Menschen am Meer durch den Tourismus nachhaltig verändert. Unzählige Bauern- und Fischerfamilien mutierten im Laufe weniger Generationen zu wohlhabenden Besitzern und von Termin zu Termin eilenden Managern großer Hotelanlagen und anderer touristischer Einrichtungen. Das geht so weit, dass die Oliven auf der dalmatinischen Insel Hvar fast ausschließlich von inselfremden Saisonarbeitern geerntet werden, während die Einheimischen darüber diskutieren, wo sie Urlaub machen könnten.

"Zimmer frei" wurde an der Adria zu einem geflügelten Wort. Überall wird Deutsch gesprochen, und für das Seelenwohl der Gäste gibt es neben lokalen Spezialitäten auch Schnitzel im Strandcafé und Yoga in der Morgensonne am Strand.

Sehnsucht nach dem Blau

Speziell auf den kleineren, entlegeneren Inseln der Adria konnten sich die Menschen ihre ursprüngliche Ruhe bewahren. Genau deshalb ist zum Beispiel der dalmatinische Maler Boris Mihovilović-Sokol nach einem mehrjährigen Aufenthalt in Deutschland auf seine Heimatinsel Šolta zurückgekehrt, weil ihm die Insel weniger Hektik und mehr Besinnung bietet. Es sind auch die facettenreichen Blautöne des Meeres und des Himmels, die er in Deutschland schmerzhaft vermisst hat. Ebenso wie der Duft der mediterranen Pflanzen, das Schwimmen im Meer und das Zirpen der Grillen an sehr heißen Sommertagen.

Faszinierend ist heute auch der Unterschied zwischen den Architekturen der italienischen Riviera und der östlichen Adria. An der Adria wurden im Tito-Jugoslawien die Plattenbauten für den Massentourismus errichtet. Einige Hotelanlagen werden jetzt modernisiert, andere stehen unter Denkmalschutz.

Dass die Tagestouristen in den historischen Stadtkernen von Dubrovnik und Venedig die über die Jahrhunderte gewachsenen Infrastrukturen in Mitleidenschaft ziehen, ist eine andere Geschichte. Auch die Überfischung des Meeres und der enorme Wasser- und Energieverbrauch in den Sommermonaten sind Kehrseiten der Tourismusindustrie, die man anderswo schon längere Zeit kennt.

Regen im Norden

Und am Ende des Adriaurlaubs führen alle Straßen zurück in den Norden. Und immer beginnt es über den Karawanken oder dem Grazer Becken zu regnen. Noch so ein Sehnsuchtsklischee, das zu einem gelungenen Sommer fast schon dazu gehört.