England: Kernkraftwerk als Touristenmag­net

In Japan droht eine atomare Katastrophe, in vielen Ländern wird die Einstellung zur Atomkraft kritisch überdacht - nicht so auf der "Insel". Ein Kernkraftwerk dient als Ausflugsziel.

Gemütlich dampft die Lokomotive der Romney, Hythe and Dymchurch Railway durch die Marschlandschaft an Englands Südküste. Schafe weiden auf den grünen Wiesen, vom Meer bläst eine frische Brise. 100.000 Touristen transportiert die angeblich kleinste Eisenbahn der Welt jedes Jahr durch das Naturschutzgebiet. Hauptattraktion an der Endstation Dungeness: Ein Atomkraftwerk. Von der Terrasse des Pubs "Britannia Inn" genießt man den unverbaubaren Blick auf den am Kiesstrand gelegenen Reaktorblock A. Wer den unbekümmerten Technik-Tourismus am Ärmelkanal erlebt, versteht die britische Regierung ein bisschen besser. Sie hält die Schließung deutscher Atomkraftwerke nach der Katastrophe in Japan für völlig übertriebenen Aktionismus. Obwohl sogar die Chinesen beim Thema Atomkraft schon auf die Bremse drücken: "Hastige Entscheidungen" sieht Energieminister Chris Huhne, wenn er über den Kanal auf den Kontinent blickt. Seine Angst: Die Atomindustrie im wirtschaftlich lahmenden Großbritannien könnte angesichts der schlagartig veränderten Großwetterlage den Appetit auf Milliarden-Investitionen in neue Kernkraftwerke verlieren. Einen Steinwurf vom Reaktor in Dungeness entfernt stehen große Tafeln. Sie weisen auf die Einzigartigkeit der Naturlandschaft in der Romney Marsh hin. Die größten Kiesbänke der Welt mit einer Artenvielfalt, wie kaum woanders: Käfer, Spinnen, Vögel. Ein Drittel aller in Großbritannien vorkommenden Arten gibt es hier. Daneben eine kleine Tafel: Der Austritt von Radioaktivität sei "unwahrscheinlich" steht darauf, zumal einer der beiden Reaktoren abgeschaltet ist und abgerissen werden soll. Dennoch sei es ganz nützlich zu wissen, was im Falle eines Falles zu tun sein.

(Auch für das Kitesurfen eignet sich die Gegend) Die Briten gehen mit dem Problem Atomkraft entspannter um als viele Kontinental-Europäer. Dass mitten im Naturschutzgebiet ein Atomkraftwerk steht - warum denn nicht? "Wir hatten hier nie irgend eine Art von Problemen", sagt Mike Jones (68), der Wirt vom "Britannia Inn". Gegen die Flut schütze die riesige Kiesbank und Erdbebengefahr bestehe in der Grafschaft Kent auch nicht. "Es müsste schon im Kraftwerk selbst etwas passieren", glaubt Jones. Und da hat es bisher höchstens einmal kleinere Vorkommnisse gegeben. Neben dem Reaktor von Dungeness hat sich eine Künstlerkolonie angesiedelt. In ihren liebevoll hergerichteten Häusern - manche aus alten Eisenbahnwaggons geformt - töpfern und malen sie und verkaufen ihre Produkte an Touristen. Alle kamen freiwillig - das Kraftwerk war schon da, als die Kommune sich ansiedelte. Großbritannien deckt derzeit etwa 20 Prozent seines Energiebedarfs aus Atomkraft - 19 Reaktoren in zehn Kraftwerken sind am Netz. Fast alle stammen noch aus den 1980er Jahren. Sie sollen bis 2035 schrittweise abgeschaltet werden. Bis zu zehn neue Atomkraftwerke sollen entstehen. Dass die nukleare Energiequelle verzichtbar ist, glauben auf der Insel die wenigsten. "Die meisten Alternativen sind Illusionen", schreibt der linksliberale "Guardian", und Kohle als gangbarer Weg sei klimaschädlich.

Die Grünen, klar gegen die Nutzung von Atomkraft, spielen in der britischen Politik eine Statistenrolle. Mit Blick auf die Geschehnisse in Japan sagte der Umweltschützer und Regierungsberater Tom Burke dem "Independent": "Ich denke, das wird Atomkraft für einen größeren Kreis von Menschen inakzeptabel machen." Da hat er die Rechnung möglicherweise ohne den Wirt gemacht. "Ich habe von den Leuten hier noch nicht ein Wort gehört, dass sich jemand Sorgen macht", sagt Mike Jones vom "Britannia Inn".
(dpa / big) Erstellt am
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