Côte d'Azur: Das Atelier der Moderne

Im Herbst ist die französische Riviera, Europas berühmteste Ferienküste, ideal für Kulturreisen: Sie ist ein Schaufenster der Kunst.

Somerset Maugham spottete, die Côte oder, wie die Engländer sagen, die "French Riviera" sei nichts als "ein sonniger Platz für zwielichtige Leute ..."

Das ist leicht übertrieben. Immerhin machen das sagenhafte Meerblau und ein Farbenrausch in Grün, Blau, Gelb und Rot, als hätte die Landschaft zu viel Absinth getrunken, die Region zur optischen Verheißung. Literaten, Maler, Architekten und Bildhauer haben sie überschwänglich zum Garten Eden hochstilisiert und viele künstlerische Fingerabdrücke hinterlassen. Zu ihren Werken ins Niemandsland von Grande Nation und Bella Italia, wo schon alles nicht mehr richtig französisch, aber auch noch nicht vollständig italienisch ist, zieht es Kunstfreunde bis heute. So fühlt man sich in Nizza auf der Place Masséna mit ihren karminroten, restaurierten Häusern wie in Turin. Henri Matisse kurierte in Nizza seine Bronchitis aus und träumte "von einer Kunst des Gleichgewichtes, ohne beunruhigende und sich aufdrängende Gegenstände, von einer Kunst, die für jeden Geistesarbeiter, für den Geschäftsmann so gut wie für den Literaten, ein Beruhigungsmittel ist". Der als "École de Nice" bezeichneten Künstlergruppe um Yves Klein und seinen Abdrücken nackter Frauenkörper auf tiefdunklen Indigo-Leinwänden, Annan, César, Ben, Niki de Saint Phalle u. a. hat man in Nizza das imposant-futuristische MAMAC errichtet, ein über Halbmondbögen thronendes Museum für moderne und zeitgenössische Kunst. Es muss auch eine glückliche Zeit gewesen sein, die Pablo Picasso mit Françoise Gilot 1946 in Antibes/Juan-les-Pins verbrachte. Das ehemalige Grimaldi-Schloss war für einige Monate sein Atelier. Heute beherbergt es die 23 Bilder und 44 Zeichnungen, die Picasso während seiner Zeit in Antibes geschaffen und den Gastgebern hinterlassen hat. Lebensfreude strahlen sie aus. Und geprägt sind sie vom Licht, das hier einfach anders ist. Klarer und strahlender. Das berühmteste Gemälde der Collection – "La Joie de Vivre" – spielt mit Motiven der Mythologie: Der Maler ist der flötespielende Zentaur, Gilot die tanzende Mänade, während zwei Faune umherspringen, und ein Satyr die Panflöte spielt. Farbenfroh auch ein Picasso-Bild an der Uferpromenade: "Nächtliches Fischen in Antibes" ist eine von 90 Bildstelen auf dem Chemin des Peintres , dem Weg der Maler an der Côte, wo einst die Staffeleien von Claude Monet, Raymond Peynet, Pierre-Auguste Renoir, Raoul Dufy, Marc Chagall, Jean Cocteau u. a. standen. Das entspannte Antibes schimmert und ist doch nicht so grell wie Cannes oder Saint-Tropez. Kein Wunder, dass Kunsthistoriker die französische Riviera als "das große Atelier der modernen Kunst" bezeichnen. Eine beispiellose Museumsdichte – asiatische Kunst, naive Kunst, Bélle-Époque-Malerei, Klassiker der Moderne, Fluxus und Figuratives, das „Théâtre de la Photographie“, die „Nuit des Galeries“ mit ihren Happenings und Performances und vieles mehr – verschafft der Region Weltrang. Einzelnen Künstlern wie Léger, Matisse, Chagall, Renoir u. a. sind Andachtsstätten, Schreine des Abstrakten und des Experiments gewidmet. Von Nizza bis Monaco gibt es rund 100 Museen und 150 Galerien. Erst jüngst eröffnet wurde ein ausschließlich Pierre Bonnard gewidmetes Museum in Le Cannet. Ab November wird sich in einem neuen Kunsthaus in Menton alles um Cocteau drehen. Das Hinterland mit Toskana-Atmosphäre, das milde Klima und bezaubernde Altstädtchen wie Valbonne strafen Kurt Tucholsky Lügen, der schon 1928 stichelte: "Die ganze Riviera ist nur ein paar Meter breit." In Grasse mit seiner farbenfrohen malerischen Altstadt hat nicht nur Patrick Süskinds legendärer Frauenmeuchler Jean-Baptiste Grenouille seine Kenntnisse als Parfümeur verfeinert. Das 45.000-Einwohner-Städtchen ist seit 400 Jahren der Nabel der Parfümindustrie mit rund 30 Traditionsmanufakturen wie Fragonard, wo zu erfahren ist, wie aus Pflanzenblüten und anderen Grundstoffen am Ende ein wohlriechendes Duftwasser wird. Rund um das Mekka der Düfte gibt es zwar längst nicht mehr so viele Blumen- und Pflanzenfelder wie einst, doch noch immer gedeihen vor den Toren der Stadt Lavendel und auch die Rose, die zum Beispiel Chanel No. 5 seine Duftnote verleiht. Beim Spaziergang durch Cannes am Abend fällt einem F. Scott Fitzgerald ein und der Titel seines autobiografischen Romans: "Zärtlich ist die Nacht." Dabei ist es fast egal, wo man sich gerade befindet, wenn die Sonne untergeht an der Côte d’Azur. Der Augenblick ist sowieso immer unvergesslich, wenn Schattierungen von Graublau bis Pinkrot die Küste hinübergeleiten in ihr nächtliches Glitzerdasein. Und bei einem Glas fruchtigen Roséweines von Bandol stellt es sich plötzlich ein, das Gefühl vom schwerelosen Dolce Vita, vom toleranten Laisser-faire und vom grenzenlosen Plaisir. Info

Anreise 
Niki fliegt bis 31. Oktober täglich, danach 3 x/Woche Wien–Nizza, www.flyniki.com

Highlights
Nizza: 
Museum für Moderne Kunst (MAMAC), www.mamac-nice.org
Antibes: 
Picasso-Museum im Château Grimaldi, www.antibes-juanlespins.com/les-musees/picasso
Grasse: 
Das internationale Parfüm-
museum gibt auf 3500 Einblick in die Entwicklung des Parfüms von der Antike bis heute, besitzt eine umfassende Sammlung u. a. von kostbaren Flakons und Accessoires aus vielen Jahrhunderten www.museesdegrasse.com 
das neue Musée Fragonard www.fragonard.com
Le Cannet: Das erst heuer im Juni eröffnete Musée Bonnard www.lecannet.fr/museebonnard

Auskünfte 
Atout France – Französische Zentrale für Tourismus, 
1010 Wien, Tuchlauben 18/12 
Tel.: 01/5 03 28 92 18 
www.franceguide.com 
www.cotedazur-tourismus.com
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