Bernina-Express: Schmalspur ins Glück

Mit dem Traumzug vom Gebirgskanton Graubünden in das Veltlin. Eine Fahrt durch Bilderbuch-Landschaften, finstere Tunnels, über turmhohe Viadukte und Brücken hinauf auf Gletscherhöhe.

Ein Mal im Jahr rückt Davos ins Zentrum des Globus, wenn sich die Weltverbesserer zum Winter-Wirtschaftsforum treffen. Da kann’s schon sein, dass ein Bill Clinton, Kofi Annan oder der Kaiser von Japan mit der Bahn ins ehemalige Graubündner Bauerndorf gebracht werden, weil sich im dichten Flockenwirbel der Hubschrauber verirren könnte.

Wenn sonst fast bis nichts mehr geht – "er" fährt immer noch. Auf den "Bernina-Express" ist Verlass, selbst bei gut 20 Meter Schneehöhe wie im Winter 2001. Nur, die hohen Herren werden’s vielleicht gar nicht so mitbekommen haben, in welch besonderem Zug sie da saßen.
Ja, Bernina ist außergewöhnlich. Ein Zug, der das Bausünden- verschandelte Davos schon kurz nach der Abfahrt eintauscht gegen fast schon kitschige Schweizer Bilderbuch-Idylle; der ähnlich hoch hinaus will wie sein Namensgeber Piz Bernina (der einzige 4000er der Ostalpen, im Bild), um nach 120 Kilometern und gut vier Stunden seine Endstation in der mediterranen Niederung des Veltlin zu erreichen.

Chur–Poschiavo– Tirano steht auf der Wagentafel der "Roten", die sich zu Recht als Traumzug Europas rühmen darf. 300.000 genießen jedes Jahr die Panoramafahrt auf schmaler Spur ins breite Glück.
Präzise in der Zeit wie das legendäre Schweizer Uhrwerk entgleitet der Bernina dem Bahnhof Davos Platz. Sechs blitzsaubere Panoramawagen, vorne eine "Allegra"-Lok, am Führerstand eine junge Lokführerin. Das Bähnle entschleunigt durch die ungezähmte Zügenschlucht und über die mit 210 m längste Brücke der Strecke, den Wiesner Viadukt, nach Filisur. Den gigantischen Landwasserviadukt, diesen kühnen Bogen über fast senkrechte Felswände, längst Wahrzeichen der "Rhätischen Bahn", streift man von Davos kommend nur visuell. Allein der Blick aber lässt die bautechnische Raffinesse von 1901/’02 erahnen, mit der die Tücken des alpinen Profils überlistet wurden. Fast gespenstische Ruhe durchzieht den Waggon, auf den Sitzen aufgeregtes Hin und Her, neugieriges Starren in die Wunderwelt der Schweizer Alpen. Alle wollen die Impressionen der Fahrt zwischen niedlich und schroff, diesen faszinierenden Dialog auf Schiene, mit allen Sinnen aufsaugen. Croissant und heiße Schokolade bleiben tabu, würden nur ablenken vom Staunen und Hören, was via Bordmikro über die Strecke reportiert wird. Weiter schleppt sich die "Rote", übrigens ohne Mithilfe eines Zahnrads, in Kehrtunnels durch das Albulatal. Der Zug schmiegt sich in Serpentinen so in den Berg, dass man das Sgraffito-Dorf Bergün mit der längsten Rodelbahn Europas vor der Wand des Piz Ela gleich drei Mal zu sehen bekommt. Eines von vielen Phänomenen auf den 800 Höhenmetern seit Davos. Abseits lassen sich auf einem bahnhistorischen Lehrpfad manche von ihnen entschlüsseln.

Das Ende des 6 km langen Albulatunnels markiert den Anfang der Wunderwelt des Engadin in Spinas auf 1818 Metern. Eine Sprach- und Klimascheide. Im charmanten Ferienort Samedan nimmt die Bahn auch Flugpassagiere auf. Betuchte Golfer landen am Engadin Airport, Europas höchst gelegenem Zivil-Flughafen auf 1707 Metern. In St. Moritz macht der Bernina eine Spitzkehre, um über die Baumgrenze hinaus auf seinen höchsten Punkt beim Hospiz Bernina am malerischen Lago Bianco zu klettern. 2253 Meter bedeuten Rekordhöhe im Netz der Rhätischen.

Der Bernina rollt hinunter zur Alp Grüm. Dort gibt’s keine Straße, dafür einen wunderbares Bild vom Palügletscher und einen originellen Bahnhof mit Büfett und Hotel. Beliebter Treff für Älpler und Jäger. Eine gute Stunde wird die Sonderfahrt noch dauern, von Alp Grüm bis Tirano müssen auf nur 33,6 km noch 1662 m Höhendifferenz erledigt werden. Wenden, Kehren, Schleifen, alles nach verlässlichen Regeln der Statik gebaut, "ebnen" der Garnitur die Gleise und eröffnen den Gästen immer wieder neue Perspektiven. Monotonie sieht anders aus, fad wird’s tatsächlich nie.
Nach Pontresina lichten sich die Lärchenwälder, kriegt man vielleicht auch Steinbock-Kolonien zu sehen, während bei der Montebello-Kehre die Gletscher von Morteratsch auftauchen, dann auch der Bernina-Gipfel (4049 m) ins Panorama rückt. Pure Postkarten-Romantik.

Elegant schiebt sich die "Rote" ins Valle di Poschiavo. Das Städtchen wurde 1987 von Geröll-Lawinen überschwemmt, strahlt heute in neuem Glanz und vermittelt sichtbar südliches Flair. Es wird neben der Sprache immer italienischer. Das Dorf San Antonio passiert der Bernina gleichsam als Straßenbahn, am Ufer des Lago di Poschiavo freilich schnurrt er wieder als ordentlicher Zug dahin. Bis die letzte "Falle" auftaucht. Vor Brusio braucht’s schon zwei große Kehren für die Talfahrt, nach dem Bahnhof dann der ultimative Trick im ungleichen Duell Zug gegen Höhe: der berühmte Kreisviadukt von Brusio (Bild), eines der begehrtesten Fotomotive der Rhätischen Bahn. Eine 360°-Kehre über 107 Meter Länge ermöglicht den sanften Abstieg. In einer alten Lobeshymne über den Kreisverkehr auf Schienen heißt es: „Eine wohlvollendete Schönheit und Nützlichkeit in einem Guss.“

Aufrichtiges Schweizer Eigenlob, literarisch verpackt.
Kastanienbäume und Weinstöcke säumen die Gleise auf den letzten Kilometern nach Tirano, es riecht nach Wein, nach "unserem" Veltliner, der dort seine Wurzeln geschlagen hat. Endstation Tirano. Italienische Kleinstadt in der Lombardei mit mediterranem Flair und Palmen statt Felswänden. Ein würdiger Zielort für einen Traumzug, Ausgangsort für Fahrten im Bernina-Bus in das Tessin, in die "Italienische Schweiz". Comer See, Lugano in der Bucht am eigenen See, Kantons-Hauptstadt Bellinzona: Malerische Kulissen, quirlige Städte, feine Shopping-Meilen.

(Bild: Markt in Bellinzona) Lugano strahlt, feiert – z. B. den Jazz im Sommer, Wein & Kastanien im Herbst, versprüht Lifestyle und genießt bei Genießern einen ebenso ausgezeichneten Ruf, wie das ...

(Bild: Castello Montebello in Bellinzona) ... Uferörtchen Morcote, das fein per Boot anzusteuern ist. Ins nüchternere Bellinzona locken verblüffende Architektur, Parks, die monumentale Burg und der Markt am Samstag – ein Bummel durch die Gärten und Felder des Tessin.

(Bild: Bellinzona, Burg Castelgrande) Infos: 

Hotel-Tipps – Davos: Steigenberger 5*-Belvédère, stilvoll und legendär, verbindet es traditionellen Charme eines Grandhotels mit exklusivem Komfort eines modernen Hauses. Haubendekorierte Küche. 1 N/F im DZ ab 115 €/Person.
www.davos.steigenberger.ch

– Schatzalp: Ehemaliges Sanatorium auf einer Sonnenterrasse, jetzt Jugendstil-Nostalgie-Berghotel mit Original-Architektur. Botanischer Alpengarten "Alpinum Schatzalp" mit 3500 Arten. Shuttle ab/bis Bahnhof oder per Schatzalp-Bahn ab/bis Davos-Mitte. 1 x HP ab 125 € p. P.
www.schatzalp.ch

– Lugano: 4*-Hotel de la Paix, Via Cattori 18. Solides, gepflegtes Haus. 1 N/F ab 80 €. Oster-Special: 22. bis 26. April, 4 x HP, Garage, Lugano-Pass ab 550 € pro Person.
www.delapaix.ch

Einkehr-Tipps – Grotto Cavicc, Via Canvetti, Montagnola bei Lugano, einfache traditionelle Trattoria, wo schon Hermann Hesse im Schatten der Linden gern eingekehrt ist.
Tessiner Hausmannskost, Drei-Gang-Menü ab 30 €.
T.: +41/ 91/ 994 79 95
– Grotto del Parco, Riva di Pilastri, Morcote. Fischspezialitäten, 3-Gang-Menü mit Wein ab 45 €.
T.: +41/ 91/ 996 2207

Weitere Auskünfte
– Allgemeine Schweiz-Info
T.: 00800 100 200 30
www.MySwitzerland.com
– Rhätische Bahn, www.rhb.ch
– Davos Destination
www.davos.ch
– Ticino Turismo (Tessin)
www.ticino.ch Eine Vision wurde zum Weltkultur-Erbe

1889 rollte der erste Zug zwischen Landquart und Klosters, als "Erfinder" gilt der holländische Hochseekapitän und Hotelier W. J. Holsboer, der Graubünden touristisch erschließen wollte. Die Vision ist voll aufgegangen.
Heute ist die Bernina-Linie mit der Albula-Linie Nr. 1 der "Rhätischen", die als erst dritte Bahn das Gütesiegel UNESCO-Welterbe trägt. Die Rhätische ist der Schweiz größte Privatbahn mit enormer Leistung: 11 Millionen Gäste (davon 9 Mio. Touristen) fahren jährlich mit der „Roten“ 300 Mio. km und 700.000 Tonnen Güter werden im Kanton Graubünden auf der Schiene transportiert (= 150.000 Lkw-Fuhren).

Eingleisig Das elektrifizierte, großteils eingleisige Streckennetz umfasst 384 km Schienen (Spurweite genau ein Meter). 1350 Mitarbeiter und 1300 Zug-Fahrzeuge erhalten das System der Rhätischen. Stärkste Lok ist eine vom Typ Ge 4/4 III mit gleich 3264 PS.
Fragt man nach dem schönsten Teil des Bernina Express, erklärt RhB-Pressechef Peider Härtli: "Die ganze Strecke ist eine einzige Königsetappe. Ob das Albulatal mit seinen Kehrtunnels, das spektakuläre Wahrzeichen Landwasserviadukt, die Gletscher-Abschnitte in 2253 Metern oder das Kreisviadukt Brusio, jeder Meter Bernina-Express ist ein fantastisches Erlebnis."

Gleiches gelte auch für den ebenso berühmten Glacier Express zwischen den Weltkurorten St. Moritz und Zermatt mit dem "Husaren-Ritt" durch die Rheinschlucht (Little Grand Canyon of Switzerland) oder der Strapaze über den Oberalppass.

Nostalgie- und Sonderfahrten bedienen Züge aus allen Epochen: vom Gründerzeit-Dampfross über die Belle Epoque der 30er-Jahre mit den Pullmanwagen und Krokodil-Loks bis zum modernen klimatisierten Panoramazug. Beliebt sind auch Spezialzüge für Hochzeiten oder Vereinsausflüge.
(kurier / W. Wurm) Erstellt am
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