"Amazonas von Europa" in Gefahr

Der WWF schlägt Alarm: Geplante Flußregulierungen durch Kroatien bedrohen eines der größten Sumpfgebiete Europas.

Kroatien verbindet man mit Urlaub am Meer - dafür sorgen die 1246 Inseln entlang der Küste von Istrien bis Dubrovnik. Weniger Aufmerksamkeit wird dem Nordosten des Landes geschenkt. Unweit der Drau-Mündung in die Donau befindet sich der einzigartige Naturpark Kopački rit. Fischotter, Seeadler, Weiß- und Schwarzstörche, Zwergseeschwalben und Kormorane: Zahlreiche Arten, welche europaweit nur noch selten Lebensraum finden, haben sich hier angesiedelt. Das Reservat nahe der kroatischen Stadt Osijek befindet sich im Länderdreieck von Kroatien, Serbien und Ungarn. Es ist eines der größten und ursprünglichsten Sumpfgebiete Europas. Erlaubt sind weder Fischerei, Jagd noch Forstwirtschaft. Der World Wildlife Fund (WWF) kämpft seit Jahren um dessen Erhaltung. Seit 2008 versucht Kroatien an den Grenzen zu Ungarn und Serbien sowohl die Drau, als auch die Donau zu regulieren. Die Folgen für den "Amazonas von Europa" wären fatal. Erhalten hat sich die Ursprünglichkeit der Flusslandschaft nicht zuletzt dank herrschaftlicher Beanspruchungen und kriegerischer Auseinandersetzungen. Bereits zu Habsburger Zeiten und später unter dem jugoslawischen Staatspräsidenten Tito wurde das Gebiet zum Jagdrevier erklärt und blieb nahezu unberührt. Bis Ende der 1980er-Jahre bildete die Region dann einen Teil des Eisernen Vorhangs. Während und nach dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien wurde Kopački rit ebenfalls kaum betreten: Die Dämme um die Au stellten als Verbindungsstraßen ins Feindesland ein Risiko dar und wurden vermint. Nach wie vor liegen Hunderttausende Plastikminen unter der Erde. Silberweiden und Schwarzpappeln bilden einen Großteil der bewaldeten Fläche. Die meisten der 2000 in der Au lebenden Spezies sind selten und gefährdet. 44 verschiedene Fischarten wie Karpfen, Brassen, Rotschwänchen und Zander und 291 Vogelarten wurden von Forschern gezählt. Rund 141 Vogelarten nisten regelmäßig in dem Naturpark, ... ...darunter gefährdete Schreiadler, Schwarzstörche, Moorenten und Würgfalken sowie Reiher, Seeschwalben und Kormorane. Die Region weist mit rund 40 Brutpaaren die größte Seeadler-Dichte des Kontinents auf ... ... und bietet einer Viertelmillion Wasservögel auf ihrem Zug - zum Beispiel während der Wintermonate - Zuflucht. Kopački rit liegt im Herzstück der Au-Landschaft im Donau-Drau-Delta. Laut WWF wurden in dem Augebiet seit 45 Jahren keine wesentlichen Flussregulierungseingriffe durchgeführt. Doch das könnte sich bald ändern. Die Pläne der kroatischen Wasserwirtschaft sehen vor, 111 Kilometer der oberhalb des Naturparks verlaufenden Flussstrecken von Donau, Drau und der ebenfalls einmündenden Mur zu befestigen. Dies würde die natürlichen Feuchtgebiete aber auch den Grundwasserspiegel in der umliegenden für Landwirtschaft genutzten Region massiv beeinträchtigen. "Das macht keinen Sinn", sagt WWF-Experte Arno Mohl. In Österreich würden 20 Millionen Euro in die Revitalisierung der Murauen investiert, und hier "passiert das Gegenteil". 

Im Bild: Die Mündung der Drau in die Donau an der serbisch-kroatischen Grenze. Die Regulierung in der geplanten Form beruhe auf einem veralteten Wassermanagement. Die staatliche kroatische Wasserwirtschaft muss Geld ausgeben, um Förderungen zu bekommen - und investiert in den Bau von Kanälen. Als Vorwand wird die Notwendigkeit für die Schiffsnavigation angegeben. In Wirklichkeit brauchen die modernen Schiffe keine regulierten Flüsse. Anfang Juli hat der WWF die EU-Kommission von den Plänen Kroatiens informiert. Für die Umweltschutzorganisation und ihre Partner-NGOs widerspricht die massive Begradigung nicht nur den Vorgaben der EU, Naturgebiete zu schützen, sondern auch dem geplanten UNESCO-Biosphärenpark. Seit den 1990er-Jahren setzt sich der WWF mit seinen Partnern für einen großflächigen UNESCO-Biosphärenpark "Mur-Drau-Donau" ein, der alle Länder mit einem Anteil an den Flüssen ins Boot holen soll. Am 25. März 2011 legten Minister aus Österreich, Kroatien, Slowenien, Ungarn und Serbien mit der Unterzeichnung einer Deklaration den Grundstein zur Gründung des Schutzgebiets. Das Gebiet ab Spielfeld in der Steiermark - 800.000 Hektar bzw. 700 Kilometer Flusslandschaft - sollen nach einem einheitlichen System verwaltet werden. Probates Mittel, um Druck auf das potenzielle Mitgliedsland Kroatien auszuüben ist das sogenannte "Monitoring". Die EU hatte den Korruptions-Sumpf in den 2007 beigetretenen Ländern Bulgarien und Rumänien unterschätzt und beobachtet seither ihre Kandidaten. So auch Kroatien bis zum angestrebten Eintritt im Jahr 2013. Beim Länderdreieck Ungarn-Serbien-Kroatien fließt die Drau in die Donau. Die Grenze verläuft heute so, wie sich die Donau einst den Weg durch das Gebiet gebahnt hat. Eine Regulierung würde nicht nur ein enormer Eingriff in die Natur, sondern auch einen historischen Einschnitt bedeuten.
(KURIER.at) Erstellt am
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