Almaty: Tor zur fremden Welt

Zentralasien ist für Europäer nicht von dieser Welt. Obwohl es gleich ums Eck ist und immer stärker ins Interesse rückt. Almaty ist ein guter Einstieg in die fremde Welt.

Bis heute ist mir nicht ganz klar, warum Zentralasien quasi nicht auf unserer gedanklichen Weltkarte zu finden ist. Europäer springen, wenn sie "Osten" denken, vom Schwarzen Meer nach China. Dazwischen sind Ex-Sowjetstaaten, denkt man. Teilrepubliken und autonome Regionen, in denen meist um Unabhängigkeit gekämpft wird.

So etwas wie das kasachische Almaty fällt den wenigsten ein. Dabei rückt durch Gas-Pipeline, politische Entwicklungen und Wirtschaftsexpansion die Region östlich des Kaspischen Meers zunehmend in den Blickpunkt.

Bild: Der "Park des ersten Präsidenten" mit dem Säulendenkmal. Im Hintergrund, wie immer, die Berge des Tien Shan-Gebirges. Dabei befriedigt Almaty auch, so wie dieser gesamte Teil der Welt, eine Sehnsucht, die fast alle Reisenden in sich tragen: Neues zu entdecken, eine andere Welt, einen fremden Ort. Zentralasien, die Region entlang der mystischen Seidenstraße, ist ein solch unbekanntes Terrain. Almaty, bis 1997 Hauptstadt Kasachstans, ist zwar nicht der beste Fleck in diesem Reisenden-Dorado. Aber es ist das Tor zu dieser fremden Welt.

Bild: Die Sonne geht in der Steppe unter. Diesen Blick hat man täglich vom Kok Tobe aus, den letzten Hängen der hohen Berge. Nach Westen erstrecken sich ab hier gut 2000 Kilometer Steppe. Das liegt vor allem daran, dass fast jeder, der seinen Ranzen packt, um die Ferne zu begutachten, auch Menschen treffen will. Im kasachischen Almaty trifft man Menschen aus vielen Nationen, aber wenig Kasachen. Aber es ist dem Reisenden meistens wurscht, ob man Einheimische trifft oder Ausländische.

Bild: Die Christi-Himmelfahrt-Kathedrale im Panfilov-Park ist eine Hauptsehenswürdigkeit Almatys. Sie zählt zu den größten erhaltenen Holzbauten der Welt. Wer auf Reisen ist, ist überall der Tschusch und hat zum Fremden einen anderen Zugang als HC Strache. Anders gesagt: Man kann fremdes Essen genießen und dabei trotzdem das Schnitzel vermissen.

In Almaty kann man sich in Berge manty (gedünstete Teigtaschen) eingegraben, gefüllt mit Muttonfaschiertem und Kürbis. Den lokale Gruß assalamu aleykum (Friede sei mit dir) ist sicherlich so reizvoll wie ein herzhaftes Servus (wörtlich: Sklave). Aber darum geht es nicht. Es geht immer nur ums Entdecken. Und in Almaty gibt es davon viel. Die immer noch größte Metropole Kasachstans war früher Hauptstadt, bis der Präsident eine neue ernannte, das zentralere Astana. Das muss man sich so vorstellen: Almaty liegt im südöstlichsten Eck (rechts unten) und damit von Uralsk (andere große Stadt, links oben) weiter entfernt als Wien. Kasachstan ist nämlich richtig groß: 2,7 Millionen Quadratkilometer, so groß wie Westeuropa, neuntgrößtes Land der Welt. Also sagte Präsident Nazarbaev, der selbsternannte "Führer auf Lebenszeit" – nennen wir Kasachstan ruhig eine funktionierende Semidemokratie: Neue Hauptstadt mitten in der Steppe, wo es im Sommer vierzig und im Winter minus zwanzig Grad hat. Seitdem entsteht in Astana ein architektonisches Disneyland für Verwaltung und Politik. Der dünnen kasachischen Mittelschicht ist das wurscht, sie lebt zu 95 Prozent in Almaty, wo die Berge näher sind und das Klima wohlwollender ist.

Bild: Das Kriegsdenkmal mit dem "Ewigen Feuer", ebenfalls im Panfilov Park. Das macht nun Almaty zu einem Fleck, den sich die breite Unterschicht nicht leisten kann. Hier leben angeblich 30.000 Ex-Pats – arbeitende Ausländer, wie bei uns in Wien, nur sogenannte Qualifizierte, quasi türkische Putzfrau mit Uni-Abschluss, Job im Uran-Abbau und Millionen am Konto. Dazwischen städtische Urbevölkerung, ein Mix aus Russen und Europäern, Koreanern und Zentralasiaten. Eine Einteilung wird schwierig: Die Ex-Pats erkennst du am Anzug. Die meisten anderen tragen Gewänder, die ich Ostblock-Mode nenne, Trainingsanzug und dazu Herrenschlüpfer, schrille Farben, Blumenmuster, Schulterpolster, Kack-Hemden.

Bild: Das Denkmal gegenüber des "Ewigen Feuers" zeigt Soldaten aus allen Teilen der Ex-Sowjetunion. Insgesamt ergibt es die Form des ehemaligen Staates. Die Herkunft der Menschen erkennst du an den Gewändern nicht: Die Gesichter so vielfältig wie in einer UNO-Kantine. Die meisten sprechen Russisch, die Regierung versucht, Kasachisch zu forcieren, es klappt kaum. Ich habe mir anfangs ein paar Mal das Maul verbrannt, als ich fragte: Sind Sie Russe? »Nein, wieso, ich bin Kasache!« Ich lernte: Kasachstan ist ein Vielvölkerstaat von Ureinwohnern, Zugereisten, während der Sowjet-Zeit Deportierten undundund. Das Ergebnis ist ein wunderbares Almaty, in dem Hautfarbe, Augenform und Gesichtszüge kaum eine Rolle spielen.

Bild: Die Gegend um Almaty ist ein Wald- und Beerenparadies. Also steckt man eine der monströsen Früchte auch ins Eis. Aber Almaty ist nicht Kasachstan, sondern eben ein Mischprodukt seiner Tage. Denn Sowjet-Vergangenheit lässt sich nicht so einfach aus der Stadt kehren. Ja, Lenin-Statuen, Hämmer und Sicheln, Partei-Gemälde – das alles kann man auf den Sperrmüll werfen. Aber die monumentalen Betonkästen, die urbanen Platten-Burgen, die lassen sich weder leicht beseitigen noch schönreden. Die bleiben, und nach zwei Rundgängen mochte ich sie.

Bild: Neben den Betonbunkern hat Almaty auch einen islamischen Einfluss, wenn auch wenig. Hier im Bild die Haupt-Moschee, nicht weit vom Panfilov-Park. Außerdem hat sich in Almaty ein Parasit eingenistet, der Großstädte liebt: Die Globalisierung zieht seuchengleich auf der ganzen Welt ein und schert sich einen Dreck um Individuelles. Die Girlies in Almaty schauen aus wie in jeder Shopping-Mall, Islam hin oder her. Nur die Sounds aus den Taxi-Boxen lassen erkennen, dass hier Schlager im Pop noch geliebt wird und warum diese Länder den Songcontest beherrschen.

Bild: Der Islam wird in Almaty nicht sehr fundamental gelebt. Daher ist auch ein Foto ins Innere der Moschee kein Problem. Andererseits ist Musik-Trash auch nur Musik-Trash, Pop oder Schlager, ist doch wurscht. Das Gemisch aus Mittelstand und Unions-Trott beschert Almaty einen ungewollt europäischen Charme. Hier fahren mehr SUVs spazieren als auf unseren Prachtstraßen, hier kostet eine Wohnung mehr als in Wien. Hier verlangen schicke Cafés und Foodcourts absurde Summen.

Bild: Andererseits spielen in Almaty auch noch Menschen Schach auf dem Markt, gleich ums Eck der Moschee. Wie sich das der Schnitt-Kasache leisten kann? Knapp und nur mit Nebenjobs: Ich hörte die Geschichte einer mittelständischen Frau, die als Lehrerin rund 100 Euro pro Monat verdient. Sie vermietet eine kleine Wohnung (die wurden nach dem Sowjet-Zerfall billig an die Bevölkerung verkauft, Privatisierung im Jungkapitalismus). Und alle paar Monate fährt sie nach Moskau, kauft tausende Regenschirme und verklopft sie in Almaty. Die Pointe: gewinnbringend.

Bild: Spaziert man die Dostyk Avenue entlang, wird einem das skurrile Mischverhältnis dieser Stadt bewusst: Links ein Luxushotel im Sowjet-Stil, rechts die westlich inspirierten Fassaden. Wie groß die Kluft zwischen dem kasachischen Normalleben (einer Stadt; am Land ist alles nochmal ganz anders) und dem Ex-Pat-Standard in Almaty ist, sieht man an allen Orten, die nach Westen riechen: Im Foodcourt der Shopping-Mall zahlte ich für eine Pizzaschnitte fünf Euro, im lokalen Supermarkt 162 Tenge (weniger als 1 Euro).

Bild: Man kommt auch am Denkmal des Volkssängers Jambyl Jabayev vorbei. Eine Eigenheit stellt das Taxifahren in Almaty dar - wie überall in Zentralasien: Man fährt meistens mit "Privattaxis" - Arm raushalten, irgendeiner bleibt stehen. Man sagt wohin, nennt einen Preis, er fährt weiter oder winkt einen in den Wagen. 200 bis 400 Tenge sind innerhalb des Zentrums üblich. Aber nicht selbstverständlich: Für denselben Weg eröffneten mir drei Lenker 500, 700 und 1000 Tenge. (2,70 bis 5,40 Euro). Ich fuhr schließlich um 400.

Bild: Wunderbares Beispiel der Sowjet-Bauzeit, das kasachische "Management-Institut". Dazu noch eine wichtige Information: Nach der Ankunft verlangte der erste Taxler 11.000 Tenge (rund 60 Euro) für die Fahrt Flughafen-Innenstadt. Ich wusste, dass die Fahrt üblicherweise höchstens 2000 Tenge kostet (rund 11 Euro). Man sollte die Preise also kennen.

Bild: Gemischtes Stadtbild. Aber wie gesagt: Wo Almaty westlich riecht (also nach Touristen oder Ex-Pats), ist es teuer. Sauteuer. Im Café "Coffeedelia" (in vielen Reiseführern empfohlen) zahlte ich für Sandwich und Kaffee 15 Euro.

Bild: Denkmal des Dichters und Philosophen Abay Kunanbaev, eine kasachische Ikone. Oder die Touranbieter. Einer eröffnete eine Vier-Tages-Wanderung um 840 Euro für zwei Personen. Und einen Tagesritt in die Berge um 320. Den Vogel schoss er mit dem Transport-Offert nach Medeu ab: 7000 Tenge. Das Privattaxi macht den Weg um 1000 (rund 5,70 Euro). Ja, es fehlt hier noch am monetär-touristischen Feingefühl.

Bild: Almaty hat viele Parks und Grünanlagen. Ein Kasache erklärte mir das mit der Geschichte des Volkes. Die einstigen Nomaden zogen durch die Lande und suchten immer die große Beute, den schnellen Reichtum. Die Usbeken, ihre Nachbarn, waren schon lange Bauern und Händler und wussten: konstant kleine Gewinne zu erzielen, macht auch reich.

Bild: Das "zentrale Staatsmuseum der Republik Kasachstan" von außen. Ob das nun die Erklärung ist oder nicht: Almaty ist zwar da und dort etwas eigen, aber in jedem Fall der perfekte Start für eine Entdeckungsreise. Die Flugzeiten nach Kasachstan betragen unter sechs Stunden, die Tickets sind ab 400 Euro erhältlich.

Bild: ... und das einzige Bild von innen. Fotografieren ist hier streng verboten. Das Sightseeing-Programm in Almaty selbst ist maximal zweitägig. Aber wiederum überraschend. Hier im Bild: Der Präsidenten-Palast ... ... gegenüber des Unabhängigkeits-Platzes mit einigen Figuren der Volksgeschichte. Vom "Park des ersten Präsidenten" (im Bild das Säulendenkmal mit einem Teil der Inschrift: "Präsident der Republik Kasachstan") aus hat man einen hervorragenden Blick auf die hohen Berge des Tien Shan, die halb Almaty umfassen. Auf der anderen Seite ist Steppe. Dieser Gebirgszug (genau: Tian-Schan – Transili-Alatau) streckt sich entlang der Grenze von kasachstan und Kirgistan zu China über tausende Kilometer, ist der historische Grund dafür, dass China nie in dieser Region einfallen konnte, und ragt bis auf 7500 Meter. Nahe Almaty sind die höchsten Gipfel rund 5000 Meter hoch. Almaty liegt zwischen den westlichsten Hängen dieser Berge und der tausende Kilometer langen Steppe Kasachstans.

Der frühere Name der Stadt "Alma Ata" bedeutete "Vater der Äpfel". Als Erinnerung daran sieht man auf dem Aussichtshügel Kok Tobe (Grüner Hügel) eine Apfel-Statue. Vom Kok Tobe aus sieht man über die ganze Stadt. Hier in der Mitte des Bildes die Skisprungschanzen Almatys. Und am Abend kann man - wie gesagt - den Sonnenuntergang in die Steppe bewundern. Die unmittelbare Nähe zu den Bergen macht Almaty auch interessant für Ausflüge - von einem Tag bis zur Wochenwanderung. Auch die Überquerung der südlichen Pässe nach Kirgistan ist möglich.

Am beliebtesten ist aber eine Fahrt nach Medeo, dem Wintersportzentrum, wenige Kilometer von der Stadt entfernt. Neben einem großen Staudamm und dem Stadion gibt es hier ein großes Skigebiet bis auf 2800 Meter Seehöhe. Die Stadt selbst liegt übrigens auf rund 700 Meter. Im Sommer bieten sich schöne Wanderungen an. Geht man mehrere Tage, braucht man einen Führer oder perfekte Vorbereitung. Denn in der Wildnis sind Bären und Wölfe noch weit verbreitet, Wegmarkierungen nicht. Die meisten Tagesausflüge sind aber leicht zu organisieren, entweder über eine Tour oder auch auf eigene Faust mit dem Privattaxi. Wasserfälle und wunderbare Seen sind ausreichend zu finden. Und wenn man sich das Abendessen selber fangen will, bieten sich die vielen Forellenteiche an. Die Kasachen lieben das Fischen, wenn es an diesen übervollen Lacken auch kein echter Sport mehr ist. Ein besonders prächtiger Ausflug führt zum Issyk-See (nicht zu verwechseln mit seinem Namensvetter in Kirgistan). Dazu fährt man in ein entlegenes Tal ... ... nahe an die hohen Gipfel ... ... vor denen sich die Kasachen gerne fotografieren ... ... und landet schließlich an einem wunderbaren Ort der Harmonie. Vorausgesetzt man entkommt den Picknick-wütigen Einheimischen und ihrem Hang zu lauten Autoradios. Buchtipp: Aus einem Jahr Weltreise-Blogs auf KURIER.at wurde das Buch "Einfach eine Weltreise" (erschienen im Amalthea Verlag, 270 Seiten, rund 170 Abbildungen, 19,95 Euro). Darin erzähle ich, der Autor dieser Geschichte, von besonderen Städten, großartigen Ländern und bemerkenswerten Situationen. Alle Fotos sind aus dem Buch.

Noch ein Tipp: Die in Almaty lebende Deutsche Dagmar Schreiber weiß viel über Kasachstan, organisiert alles und hat Verständnis für Gestaltungs- und Preiswünsche. kasachstanreisen@aol.com
(KURIER/Almaty / Axel N. Halbhuber) Erstellt am
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