Reise 05.12.2011

Äthiopien: Gestohlene Lebensgrundlage

Millionen hungern, doch arme Länder wie Äthiopien verpachten riesige Ackerflächen ans Ausland. Die Bevölkerung wird vertrieben.

Äthiopien leidet unter der schlimmsten Dürre seit 60 Jahren. Hunderttausende sind auf der Flucht, täglich verhungern Kinder, Schwache und Kranke. Selbst in "normalen" Zeiten sind fünf der 88 Millionen Äthiopier auf direkte Unterstützung angewiesen.

Doch selbst die, die sich bisher auch in Notzeiten selbst versorgen konnten, wie die Stämme im wasserreichen Omo-Tal im Südwesten, sind nun bedroht. Grund ist der Ausverkauf der fruchtbaren Böden durch die Regierung. Obwohl 4,5 Millionen Einwohner hungern, will sie bis 2013 drei Millionen Hektar Land (1 ha sind 10.000 ) an ausländische Investoren verpachten. Das ist ein Fünftel der landwirtschaftlich genutzten Fläche Äthiopiens. Die Investoren produzieren dann Reis, Kaffee, Blumen und Palmöl für Biosprit - für den Export.

Nahrungsmittel-Krise

Das ostafrikanische Land ist kein Einzelfall. Überall auf der Welt, v.a. in Afrika und Asien, werden riesige Flächen Land verpachtet oder gar verkauft. Für manche Beobachter ist dieses Land Grabbing (Landraub) einer der größten Umbrüche in der Landwirtschaft überhaupt.

Begonnen hat die Entwicklung nach der Nahrungsmittel-Krise 2007 und 2008. Gründe sind der Klimawandel, der mit vermehrten Dürren einhergeht, der Anstieg der Weltbevölkerung auf neun Milliarden bis 2050, die fortschreitende Erosion und Verstädterung sowie der Boom bei Bio-Treibstoffen. All das führt zu steigenden Nahrungsmittelpreisen und dazu, dass sich die, die es sich leisten können, absichern.

Dazu zählen reiche Länder wie die Golfstaaten, China und Indien, aber auch Konzerne und Hedgefonds. Für letztere ist Land vor allem Spekulationsmaterial. 2009 sicherten sich Hedgefonds laut der US-Denkfabrik Oakland Institute allein in Afrika 60 Millionen Hektar Land - das entspricht der Größe Frankreichs. Millionen kleiner Bauern wurden vertrieben. "Die Finanzfirmen, die uns die weltweite Krise bescherten, weil sie die Immobilienblase durch riskante Manöver aufblähten, machen nun dasselbe mit der Nahrungsmittelversorgung der Welt", warnt das Oakland Institute. Die Preise für Land sind in den letzten Jahren in manchen Ländern um mehr als 30 Prozent gestiegen.

Übergangen

Das geht so gut wie immer auf Kosten der Bevölkerung. In Afrika etwa gehört das Land meist den Regierungen. Die Bauern, die es bewirtschaften und die meist nicht lesen und schreiben können, haben nur Gewohnheitsrechte und können leicht übergangen oder überrumpelt werden. "Manchmal reicht eine Flasche Johnny Walker und ein armer Stammesältester übergibt Land", schreibt das Oakland Institute. Die Wut der Enteigneten ist oft groß, in manchen Regionen hatte sie sogar politische Folgen. So galten die Proteste gegen ein geplantes Geschäft mit China 2009 in Madagaskar als mitverantwortlich für den Sturz der Regierung.

Da die Staaten im Wettstreit um Investoren liegen, unterbieten sie einander. Sie locken mit Steuerbefreiungen, unbegrenzten Wassernutzungsrechten und Spottpreisen. In Äthiopien ist der Hektar bereits um zehn Euro pro Jahr zu haben. Die Pachtverträge, deren Zustandekommen und Inhalt äußerst unklar sind, laufen oft 50 bis 99 Jahre und beeinflussen auch die kommenden Generationen. Entschädigungen gibt es kaum - und wenn doch, können die meist nicht den Lebensunterhalt sichern.

Verhaltenskodex

Dabei böte die Land-Verpachtung auch Chancen. Laut dem International Food Policy Research Institute (IFPRI) benötigen die meisten Entwicklungsländer dringend Investitionen in die Landwirtschaft. Pächter könnten Know-how liefern und Jobs schaffen, was zur Armutsreduktion beitragen könne.

IFPRI und Weltbank fordern einen bindenden Verhaltenskodex für Landnahmen, der auch in den Herkunftsländern der Pächter bzw. Käufer durchsetzbar ist. Er sollte zu Transparenz verpflichten, traditionelle Besitzrechte achten, die Bevölkerung am Profit beteiligen, die Umwelt berücksichtigen und eine Klausel enthalten, dass die Ernährung der Einheimischen vor dem Export kommen müsse.

Land Grabbing: Zahlen und Fakten

Investoren Land Grabbing (Landraub) greift seit rund vier Jahren um sich. Wohlhabende, bevölkerungsreiche Staaten wie die Golfstaaten, China, Indien und Südkorea pachten oder kaufen Land für die Nahrungsmittelproduktion, europäische Staaten v. a. für Biosprit. Hedgefonds und Konzerne spekulieren damit.
Anbieter Laut Weltbank war 2010 eine Fläche von knapp 650.000 Quadratkilometern betroffen - das ist mehr als die gesamte Mais- und Weizenanbaufläche der USA. Die wichtigsten Anbieter sind afrikanische und asiatische Staaten. In Europa verpachten Rumänien, die Ukraine und Russland Land.

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( Kurier ) Erstellt am 05.12.2011