Politik
06.10.2012

Zwangsprostitution: Sexindustrie boomt

Der Leiter des Büros gegen Schlepper­kriminalität, Gerald Tatzgern, bekämpft von Wien aus den Menschenhandel.

Geschätzte 32 Milliarden US-Dollar Profit; 2,4 Millionen geschleppte Personen; 140.000 Fälle in Europa pro Jahr. Diese Zahlen wurden am Freitag beim Event "Gemeinsam gegen Menschenhandel" in der Diplomatischen Akademie in Wien präsentiert. Am Podium war auch Gerald Tatzgern vom Bundeskriminalamt. Ein Gespräch über die "McDonaldisierung" der Szene und den gordischen Knoten in seinem Job.

KURIER: Das Geschäft mit der "Ware Mensch" ist lukrativ. Was spürt man davon in Österreich?
Gerald Tatzgern:
Ich kann sagen, dass die Sexindustrie boomt. Allein die Zahl der legalen Sexarbeiterinnen liegt in Österreich bei 6000. Davon sind in Wien 3000. Die Dunkelziffer eingerechnet, gibt es österreichweit 10.000.

Können Sie sagen, wie viele Opfer es darunter gibt?
Das ist die Herausforderung beim Menschenhandel. Zu erkennen, wer ein Opfer ist. Oft ist eine legale Situation vorhanden: Aufenthaltstitel, Arbeitsvertrag, usw. Diese Situation schaut auf den ersten Blick in Ordnung aus. Aber trotzdem kann das ein Opfer sein.

Woher stammen die Betroffenen?
Wir haben viele Frauen aus den EU-Staaten. Rumänien, Bulgarien, Tschechien, Slowakei, Polen, aber auch aus Nigeria.

Erklären Sie einmal, wie der Handel funktioniert?
Die Frauen werden mit falschen Versprechungen hergelockt. Hier wird dann psychischer oder extremer physischer Druck ausgeübt. Die Person wird isoliert. Irgendwann kippt das System. Der Ausbeuter wird zum Verbündeten. Das Opfer will dann nicht mehr ausbrechen.

Autoren sprechen oft von der "McDonaldisierung" der Branche. Können Sie damit was anfangen?
Es geht in diese Richtung. Bei unseren Maßnahmen treffen wir oft binnen 20 Minuten vier Männer an. Da geht es um das schnelle Geschäft in der Jausenpause.

Sind Sie nicht auf einem verlorenen Posten?
Es sind viele Mosaiksteinchen. Zuletzt erstellten wir für die Finanzpolizei eine Liste an Indikatoren, um das Wissen auch auf die Straße zu bringen. Wenn diese und jene Kriterien zutreffen, dann ruft bitte an.

Im Vorjahr gab es 123 Anzeigen wegen Menschenhandels, aber kaum Verurteilungen. Weshalb?
Genau, weil es ein komplexes Delikt ist. Es müssen viele Tatbestandsmerkmale zutreffen. Die Opfer identifizieren sich selten als Opfer.

Stimmt es, dass Opfer in ihre Heimat, wo sie gefährdet sind, abgeschoben werden?
Das findet nicht mehr statt. Ein Opfer kriegt einen Aufenthaltsstatus und darf hier arbeiten. Das wurde 2011 gesetzlich verankert.

Das Wiener Prostitutionsgesetz fördere laut Kritikern die Geheimprostitution. Es gibt weniger Platz für den Straßenstrich, strenge Regeln für Lokale. Teilen Sie das?
Ganz allgemein: Es ist eine politische Entscheidung, ob ich den Straßenstrich möchte oder nicht. Für uns als Polizei ist es wichtig, dass die Rechte der Frauen gestärkt werden. Je mehr Rechte, desto schwieriger ist die Ausbeutung.

Härtere Strafen und Armut als Nährboden

Der Ministerrat richtete 2004 die "Task Force Menschenhandel" ein. Das Außenministerium koordiniert die nationalen Aktionspläne – derzeit läuft das dritte Programm – zur Bekämpfung des Menschenhandels.

Am Freitag fand in der Diplomatischen Akademie in Wien unter dem Motto "Gemeinsam gegen den Menschenhandel" ein hochkarätiges Symposium dazu statt. Staatssekretär Reinhold Lopatka sprach sich dabei für eine "härtere Strafverfolgung der Täter" aus. Das passiert demnächst, denn laut einer EU-Richtlinie muss die Höchststrafe für "kleine" Menschenhandelsdelikte (z. B. Anwerben oder Beherbergung) auf fünf Jahre erhöht werden. Für Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek beginne der Kampf gegen Menschenhandel damit, "Armut zu bekämpfen".

Die Task Force brachte in der vergangenen Periode nationale und internationale Akteure zusammen, startete Sensibilsierungskampagnen und Schulungen für betroffene Mitarbeiter und stärkte das Betreuungsnetz für Opfer.