Politik 05.12.2011

Zahl der Klettersteigunfälle steigt

32 Tote in sechs Jahren: Durch den aktuellen Boom beim Begehen der Eisenwege verletzen sich immer mehr Sportler.

Die Wand unter den Füßen verliert sich in der Senkrechten und der Weg zum Gipfel ist normalerweise geübten Klettern vorbehalten. Der Adrenalinspiegel und die Konzentration sind hoch, doch dank der Eisenbügel und Stahlstifte im Fels geht es gut voran. Und genau diese Suche nach dem "Abenteuer light" treibt derzeit immer mehr Menschen in die Klettersteige.

Moderne Anlagen sind heute leicht und ohne lange Zustiege erreichbar, auf den mit Stahlseilen versicherten Steigen gibt es keine Orientierungsprobleme, das Risiko ist wegen der permanenten Sicherungsmöglichkeit abschätzbar. Doch der aktuelle Boom der "Eisenwege" - in Österreich gibt es rund 300 Klettersteige - hat auch Schattenseiten. Mit der Zahl der Begeher steigt die Zahl der Unfälle. Und die enden im Falle eines Sturzes meist mit schweren Verletzungen - oder gar dem Tod. "Ein Stürzender kracht fast zwangsläufig auf aus dem Fels ragende Bauelemente wie Stifte, Klammern und Verankerungen", erklärt Walter Würtl, Bergsportspezialist beim österreichischen Alpenverein. "Da führt oft zu schweren Verletzungen."

Absturz

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© Bild: APA/BARBARA GINDL

Seit November 2005 sind beinahe 200 Personen beim Begehen heimischer Klettersteige verunglückt, 32 davon gestorben. Die Mehrzahl der Todesopfer - das mag ein wenig überraschen - stammt dabei aus Österreich. "Touristen legen eher noch Wert auf komplette Ausrüstung und zeigen den notwendigen Respekt", begründet das Hanno Bilek vom Kuratorium für Alpine Sicherheit in Innsbruck.

Todesursache Nummer eins am Klettersteig ist der Absturz: "Entweder waren Verunglückte überhaupt ohne Klettersteigausrüstung unterwegs - oder nicht ins Stahlseil eingehängt", erklärt Bilek. Im vergangenen Oktober verunglückte etwa ein Oberösterreicher, nachdem er sich vom Seil löste, um eine aus dem Rucksack gefallene Geldtasche zu bergen, diesen Mai starb ein erfahrener Alpinpolizist, weil er sich auf einem leichteren Steigabschnitt aushängte, und mit einem abbrechenden Grasstück abrutschte.

Wissensdefizit

"Es sind heute weniger die klassischen Kletterer, die sich in die Steige wagen, sondern eher Wanderer, die mitunter erst wenig Erfahrung mit der Vertikalen haben", betont ÖAV-Experte Würtl. "Vielen fehlt es an Grundverständnis: Die haben noch nie einen Klettergurt angehabt und wenden das Material falsch an." Dazu kommt Selbstüberschätzung: "Die Ausrüstung ist in der Regel gut, die Leute muten sich zu viel zu."

Viele verlässt mitten im Steig die Kraft, mancherorts fliegt der Hubschrauber regelmäßig Kletterer aus. "Es gibt Tage, da sind wir drei, vier Mal zu Klettersteigen unterwegs", berichtet etwa Flugretter Albert Prugger vom ÖAMTC-Hubschrauber Christophorus 14. "Wir bergen dann oft völlig ausgelaugte Leute, die nicht mehr vor und zurück können." Dabei ließen sich Unfälle leicht vermeiden. "Wer seine Ausrüstung richtig anwendet und sich konsequent sichert, für den ist das ein sicheres Erlebnis", betont Würtl. Und er empfiehlt besonders Anfängern einen Crash-Kurs. "Ein Mal einen Steig mit einem Bergführer oder einem kundigen Mitglied von Alpenverein oder Naturfreunde gehen und ich habe das heraußen."

Bei Gewitter wirkt ein Klettersteig wie ein riesiger Blitzableiter

Wer sich an wenige, grundlegende Regeln hält, senkt sein Unfallrisiko drastisch.

Seine Fähigkeiten kennen und nicht überschätzen.
Immer mehr Klettersteige stellen hohe Anforderungen an Kraft, Kondition, Technik und Mut. Besonders Einsteiger sollen sich nur schrittweise an schwierigere Steige heranwagen.

Passende Ausrüstung und Partnercheck am Einstieg.

Gurt, Helm, Handschuhe, geeignete Schuhe, Notfallausrüstung und ein den Normen entsprechendes Klettersteigset sind Pflicht. Beim Einstieg immer gegenseitig prüfen, ob die Gurte richtig angelegt sind.

Bei Gewittergefahr nie im Steig klettern.

Die Eisenteile im Klettersteig wirken wie ein überdimensionaler Blitzableiter. Wegen der oft exponierten Lage droht zusätzlich Blitzschlaggefahr. Bei Wetterstürzen sinkt zudem die Temperatur dramatisch, es kann heftig regnen oder gar schneien.

Das Drahtseil und die Verankerungen prüfen.
Steinschlag, Schneedruck, Lawinen, Eis, Wasser und Blitzschlag können mit der Zeit die Steiganlagen beschädigen. Nicht blind den Sicherungen vertrauen.

Richtiges Verhalten am Klettersteig:
Wichtig ist, ausreichend Sicherheitsabstände einzuhalten. Zwischen zwei Verankerungen sollte sich immer nur ein Kletterer bewegen, im Sturzgelände ist mehr Abstand angebracht. Gerade bei Modeklettersteigen mit hohem Andrang ist Rücksicht auf Dritte (gerade beim Überholen) wichtig. Achtsam steigen und keine Steine abtreten.

( Kurier ) Erstellt am 05.12.2011