Politik
02.01.2012

Wo viel Fisch, da auch viel Schatten

Der Speck muss weg, am besten mit leichter Fischkost. Aber Vorsicht: Nicht jeder Fisch ist wirklich bekömmlich.

Heimische Bio-Aquakultur ist super.“ Georg Scattolin, der Meeres- und Fischereiexperte des WWF, rührt für Karpfen, Saibling und Forelle aus österreichischen Teichen und Flüssen die Werbetrommel. Aus gutem Grund: Die derzeit beliebtesten Speisefische der Österreicher sind andere. Nämlich: Kabeljau, Scholle und Pangasius. Allesamt Meeres- oder konventionelle Zuchtfische. Und damit hat Scattolin ein echtes Problem. Die Weltmeere sind überfischt, 85 Prozent der Fischbestände gelten als bedroht, die Hochseefischerei ist dermaßen effizient, „dass sie die Weltmeere drei Mal leerfischen könnte“, erklärt der WWF-Mann.

Beifang in der Dose

Der Atlantische Dorsch (Kabeljau) und viele Thunfischarten stehen auf der Roten Liste, weiter gefischt werde aber trotzdem, kritisiert Greenpeace. Die Umweltschutzorganisation hat wiederholt auf Missstände bei Dosen-Thunfisch aus dem Pazifik hingewiesen. In etlichen Dosen waren andere Fischarten enthalten als ausgewiesen, etwa die stark überfischten Gelbflossen- und Großaugenthunfische.

Zudem sind die Bedingungen unter denen Aquakultur in manchen Ländern betrieben wird, abenteuerlich. Im Vorjahr deckte ein Team der ARD auf, dass der billige Speisefisch Pangasius Mensch und die Umwelt belastet. Der in Europa beliebte Fisch – von dem viele behaupten, dass er nicht nach Fisch schmeckt – wird im Mekong-Delta massenhaft gezüchtet. Die Tiere werden auf engstem Raum gehalten und gemästet. Dazu wird in Fischfabriken der Beifang aus den großen Schleppnetzen zu Fischmehl verarbeitet. Die Enge in den „schwimmenden Ställen“ (Scattolin) führt dazu, dass sich die Fische aneinander reiben, ihre schützende Schleimschicht wird wundgescheuert und bietet Angriffsflächen für Parasiten, die mit Antibiotika bekämpft werden müssen.

Hauptproduktionsland ist Vietnam, ein Land ohne strenge Umweltauflagen und Kontrollen. Der WWF Deutschland hat im November den Wildwuchs in Pangasiusteichen kritisch untersucht. In der Intensivzucht werden dort um die 300 Fische pro Quadratmeter Teich aufgezogen. „Wir haben gesehen, dass die Abwässer aus den Zuchten voll mit Fäkalien und Futterresten unbehandelt in den Mekong zurückgeleitet werden. In den Lagern der Pangasius-Farmen standen Fässer mit Chemikalien wie Desinfektions- und Algenvernichtungsmittel, die in der Zucht zum Einsatz kommen“, erklärt die WWF-Mitarbeiterin Catherine Zucco, die für die Umweltschutzorganisation vor Ort war.

Siegel für Aquakultur

Wo viel Schatten, da auch ein bisserl Licht. 2012 wird ein neues internationales Gütesiegel für Aquakulturen gegründet. Für die Zucht von Pangasius, Tilapia, Shrimps und Lachs werden Umweltstandards eingeführt. Scattalin: „Die Regierung von Vietnam hat uns zugesichert, dass bis 2015 die Hälfte aller Aquakulturen nach ökologischen Richtlinien geführt werden.“ Der Name des neuen Siegels lautet: ASC (Aquaculture Stewardship Council).

Österreichische Konsumenten mit ökologischem Gewissen, die nicht immer zum billigsten Fischprodukt im Kühlregal greifen, haben es schwer, räumt Scattolin ein. Erklärung: Der Käufer kann zwar auf der Packung die Herkunft des Produktes überprüfen. Das ist in einem Binnenland wie Österreich schon einmal ein wichtiger Hinweis. Denn: Je näher das Land, in dem ein Fisch gefangen wurde, desto kürzer ist der Transportweg. Und desto geringer ist damit die Umweltbelastung. Gut zu wissen, dass es Einkaufsratgeber gibt, die unter anderem von WWF und Greenpeace zusammengestellt wurden. Da kann man dann herauslesen, dass mit gutem Gewissen Kabeljau aus der Ostsee, aber nicht aus dem Pazifik oder dem Atlantik gekauft werden kann. Weil die Bestände nicht überfischt sind, und die Bewirtschaftungsweise auf Nachhaltigkeit ausgerichtet ist. „Und wer ganz auf Nummer sicher gehen will, achtet auf die Bio- und Umweltsiegel“, sagt Scattolin. Und versteht Fisch als weitgereiste Delikatesse.

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