© APA HELMUT FOHRINGER

Politik
06/19/2012

Vierjährige starb nach Zahn-OP

Zehn kariöse Milchzähne sollten Laura in Vollnarkose entfernt werden. Der Großvater klagt Schlamperei an.

Es sollte ein stressfreier Eingriff werden. Daher wurden der vierjährigen Laura aus Leoben im Kinderchirurgischen Zentrum Graz am 11. Juni zehn kariöse Milchzähne unter Vollnarkose entfernt. Laura landete nach Komplikationen auf der Intensivstation – und wachte nie mehr auf. Vergangenen Samstag wurden Eltern und Großeltern mit dem Tod des Mädchens konfrontiert, den sie als schicksalhaftes Geschehen nicht akzeptieren wollen.

Schwere Vorwürfe

Großvater Franz Raidl erhebt schwere Vorwürfe gegen die Klinik. Er war Notfallsanitäter, kennt sich medizinisch aus und hat von den Ärzten Auskünfte verlangt. "Laura wurde intubiert, dabei ist der Schlauch verrutscht. Wie lange das unbemerkt blieb, weiß ich nicht." Von einer Schlamperei spricht Raidl. "Bei der zweiten Intubation krampfte die Lunge. Sauerstoff wurde nicht mehr angenommen..."

Die Staatsanwaltschaft Graz hat Ermittlungen eingeleitet. Sie wurde von der Klinikleitung selbst über den schockierenden Fall informiert. Dienstag legten Direk­tion und Ärzteschaft bei einer Pressekonferenz die Ergebnisse einer internen Untersuchung dar, wo von einem verrutschten Schlauch allerdings keine Rede war.

Sauerstoffmangel

"Es ist im Verlauf der Operation zu einem schweren Lungenkrampf gekommen, zu einem Bronchospasmus, bei dem es auch mittels künstlicher Beatmung nicht möglich war, die Lunge ausreichend mit Sauerstoff zu versorgen", führte LKH-Direktor Gernot Brunner aus. An den Folgen dieses schweren Sauerstoffmangels starb Laura letztlich, ihr Gehirn war unterversorgt.

"Wir von der Familie waren jeden Tag bei Laura. Samstagfrüh haben wir uns von ihr verabschiedet, da war sie schon hirntot. Um 11 Uhr 40 hat ihr Herz aufgehört zu schlagen", beschreibt der Großvater.

Das Mädchen sei gesund gewesen, weder Allergikerin noch Asthmatikerin, betonte Direktor Brunner. "Allem Anschein nach handelt es sich um einen schicksal­haften Verlauf." Zahnklinik-Chef Norbert Jakse schilderte, die Karies sei bei dem Mädchen bis zum Zahnfleisch fortgeschritten, eine Extraktion der Zähne unter lokaler Betäubung nicht zumutbar gewesen.

Obduktion

Jetzt muss im Auftrag der Staatsanwaltschaft zunächst die Gerichtsmedizin Aufschluss darüber geben, ob ein ärztlicher Kunstfehler vorliegen könnte. Auch wird hinterfragt, ob der Tod mit dem in Verruf ge­ratenen Narkosemittel Propofol in kausalem Zusammenhang steht. Die Grazer Kliniker schließen das aus. Zwar sei Propofol verwendet worden, es gebe aber keinen zeitlichen Zusammenhang mit dem Lungenkrampf, die Probleme seien erst während der OP aufgetreten.

5000 verschiedenste Operationen werden jährlich im Grazer Kinderzentrum von Spezialisten durchgeführt. Ein eigener Kinderanästhesist ist jeweils eingesetzt. Laut Grazer Ärzteteam kommt es bei drei Prozent zu Komplikationen, wovon rund 50 Prozent die Atem­wege betreffen.

Fachmeinungen

Eine Sicht von außen nimmt die Wiener Primaria Sibylle Kozek-Langenecker vor, Präsidentin der Gesellschaft für Anästhesie. Sie sagt, bei Zahn-OP gebe es keine Richtlinien, wie vorzugehen sei. Das sei eine individuelle Entscheidung des Behandlers.

"Bei kleinen Kindern wirkt sich eine Serienzahn­extraktion oft beeinträchtigend und traumatisierend aus, wenn sie nur lokal betäubt gemacht wird. Ein operativer Eingriff hilft, Stress zu vermeiden." Eine Komplikation wie in Graz könne man mit einem schweren Asthmaanfall vergleichen. Vorschnell würden oft Narkosemittel als Ursache genannt. Man müsse wissen, dass Propofol auch eingesetzt werde, um eine Beruhigung von Spasmen zu erwirken. Michael Hiesmayr, Intensivmediziner am AKH Wien, erklärt: "Das Auftreten von Bronchospasmus ist ein dramatisches Ereignis, das selten ist und noch viel seltener tödlich endet."

Propofol: Gilt als sicher und unverzichtbar

Im vergangenen Jahr geriet das als Jackson-Droge bekannte Narkotikum Propofol im Zusammenhang mit dem Tod der kleinen Azra in der Innsbrucker Kinderklinik schon einmal in die Schlagzeilen. Die Dreijährige hatte in eine Tube mit Superkleber gebissen und wurde von Schwaz nach Innsbruck verlegt. Dort starb sie. Laut Obduktion am sogenannten Propofol-Infusionssyndrom.

Das Narkosemittel ist bei Kindern unter 16 Jahren für den künstlichen Tiefschlaf verboten. Bei Azra sei sein Einsatz – so ein Privatgutachten – kontraindiziert gewesen und außerhalb der Zulassung erfolgt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen sechs Ärzte wegen fahrlässiger Tötung. Auch im Fall Nadina war Propofol im Spiel. Das Mädchen ist seit einer Leistenbruch-OP in Innsbruck schwer behindert.

Die österreichische Gesellschaft der Anästhesisten betonte damals, anlässlich des Fall Azra, dass Propofol bei richtiger Anwendung ausgesprochen sicher und unverzichtbar sei.

Mehr zum Thema

  • Hauptartikel

  • Hintergrund