Politik 03.01.2012

Vergeigt: Stradivari im Test durchgefallen

© Bild: REUTERS

Ein Blindversuch räumt mit dem Mythos rund um die Instrumente der alten Geigenbauer Stradivari und Guarneri auf.

Die Jahrhunderte alten Geigen sind weltberühmt und viele Musiker träumen davon, einmal einer von ihnen ihren angeblich überirdisch schönen Klang zu entlocken – doch ein Blindversuch räumt nun auf mit dem Mythos rund um die Stradivaris und Guarneris. Wie Wissenschafter in den "Proceedings" der US-Nationalen Akademie der Wissenschaften nämlich berichten, zählen die alten Geigen unter Profimusikern zu den unbeliebtesten - zumindest, wenn die Streicher nicht wissen, dass sie gerade darauf spielen.

Zur vermeintlich überragenden Qualität alter Geigen ranken sich allerlei Vermutungen, die von der Verwendung eines speziellen Lacks bis zu den Auswirkungen der kleinen Eiszeit auf das Holz reichen. Auch sollen Musiker am Klang des Instruments sofort erkennen können, ob es sich um eine neue oder eine alte Geige handelt.

Das Forscherteam um Claudia Fritz von der Universität Paris ging dem auf den Grund: Dazu ließen sie 21 erfahrene Künstler auf insgesamt sechs Geigen spielen - in einem abgedunkelten Hotelzimmer und mit Schweißerbrillen vor den Augen. Drei der Geigen waren wenige Tage bis Jahre alt, drei waren alte Meister-Geigen aus dem 18. Jahrhundert: zwei Stradivari-und eine Guarneri-Geige.

Die Musiker sollten nun die Qualität der Geigen nach typischen Kategorien beurteilen, etwa nach Tonfarbe und Spielbarkeit. Sie sollten auch entscheiden, welche der Geigen sie am ehesten und welche gar nicht mit nach Hause nehmen würden. Zudem sollten sie beurteilen, welche von jeweils zwei nacheinander gespielten Geigen die bessere ist.

Neue Instrumente beliebter

Das Ergebnis: Die Musiker konnten die alten Geigen nicht von den neuen unterscheiden. Vielmehr zeigte sich, dass die neuen Instrumente sogar besser abschnitten. So entschieden sich zum Beispiel nur acht der 21 Musiker, eine alte Geige mit nach Hause zu nehmen, 13 wählten eine neue. Eine der beiden Stradivaris wurde in den Tests gar als das schlechteste Instrument bewertet.

Das Fazit der Forscher: Statt nach dem "Geheimnis" der italienischen Geigenbauer zu suchen, sollte in Zukunft besser untersucht werden, wie Musiker überhaupt Instrumente bewerten, schreiben die Wissenschafter. Es solle geprüft werden, auf welche Merkmale sie besonders Wert legen und wie diese mit messbaren Eigenschaften des Instruments zusammenhängen - egal, ob alt oder neu.

Erstellt am 03.01.2012