Politik
23.04.2012

Tod eines 20-Jährigen: "Weihnachten gibt es nicht mehr"

Einem Primar werden Betrug und die Weitergabe von Tabletten vorgeworfen. Nun geht es auch um fahrlässige Tötung.

Eigentlich waren die Ermittlungen gegen den Ex-Primar eines Ordensspitals abgeschlossen (siehe Zusatzbericht unten). Doch nun ist der Fall um eine Facette reicher: Die Kripo muss nun untersuchen, ob er für den Tod des 20-jährigen Lehrlings Tim V. verantwortlich ist.

Die Vorgeschichte: Tim V. lernte bei General Motors Elektrotechnik. Als er später auch viele Nachtdienste zu absolvieren hatte, wurde er depressiv. "Deshalb wurden ihm Antidepressiva verschrieben", sagt seine Mutter. Der Lehrling wurde süchtig auf die Medikamente. Im April 2010 kam er ins Anton-Proksch-Institut zur Behandlung. Dort wurden ihm gegen die Abhängigkeit Seroquel und Phemiton verschrieben.

Wenig später kam Tim erstmals in die Praxis des Ex-Primars – am 1. Juli 2010. Dort bekam er ein Rezept und ging mit seiner Mutter in die Apotheke. "Ich habe mich gewundert, dass sie ihm Methadon geben", sagt sie. Wenige Stunden später war Tim V. tot. Herzstillstand wegen einer Überdosis. Die Oma fand den Leichnam drei Tage später. Der Schock saß tief. Die Eltern bestanden zwar auf eine Obduktion. In ihrer Trauer hatten sie aber nicht das Ergebnis eingefordert. Der Leichnam des Lehrlings wurde eingeäschert. "Tim hat am 24. Dezember Geburtstag, für uns gibt es seither kein Weihnachten mehr", sagt die Mutter.

"Nur" ein Drogentoter

Wurden Phemiton und Methadon, das nur Heroinsüchtige erhalten, verwechselt? Dem Fall wurde trotz Dringen der Familie wenig Beachtung geschenkt – es ging "nur" um einen Drogentoten. Als der Arzt jetzt in Zeitungsberichten auftauchte, beschloss Tims Mutter, den Tod ihres Sohnes neu aufzurollen. Am Wochenende nahm sie Kontakt mit der Polizei auf. "Das bin ich Tim schuldig. In der Praxis des Doktors hat eine Ordinationshilfe zu mir gesagt, dass die Patienten mündig genug sind und wissen, was sie benötigen."

Auf KURIER-Anfrage verwies der Ex-Primar zunächst auf seinen Anwalt Hermann Heller. Dann sprach er aber doch: "Mir ging sein Tod auch zu Herzen, aber wer weiß, was er getan hat, vielleicht hat er eine Drogenparty am Abend gemacht? Er kam in meine Ordination mit einer Rezeptkopie von einem anderen Arzt und deshalb habe ich ihm Methadon verschrieben." Dass das Proksch-Institut keine Heroinsucht erkannt habe, erklärt der Mediziner wie folgt: "Ich bringe das eben aus den Hinterköpfen hervor."

Am Donnerstag will sein Rechtsanwalt mit vier Magistratsabteilungen eine Begehung der Praxis abhalten. Danach könnte die Arztpraxis wieder öffnen.

Der tiefe Fall des einstigen Ordensspital-Primars

Im Dezember 2011 kommt der Fall ins Rollen, als die Polizei einen Tablettendealer auf dem Wiener Karlsplatz festnimmt. Bei weiteren Razzien in einem Schließfach und in der Wohnung des 27-jährigen Patrick B. werden Drogenersatzmittel sichergestellt und ein Rezeptblock, der auf den ehemaligen Primar hinweist.

Im Jänner 2012 werden in seiner Praxis 51 eCards und rund 2500 Tabletten sichergestellt. Die Polizei wirft ihm Betrug und Vergehen gegen das Suchtmittelgesetz vor. Er bestreitet alles massiv. Laut Krankenkassa soll gegen den Doktor, der die Praxis in Wien nahe einer Einkaufsstraße hat, seit 2007 ein internes Verfahren laufen. Kollegen berichten, dass bei ihm Tabletten "wie Smarties" verabreicht wurden.

Mitte April veröffentlicht die Polizei, wie berichtet, die Ermittlungsergebnisse.

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