Politik 30.08.2012

Terror in Bin Ladens Harem

Verhörprotokolle der drei Witwen des Terror-Paten zeigen massive Konflikte unter den Frauen auf.

Als die Navy-SEALS am zweiten Mai des Vorjahres mit Hubschraubern auf dem Anwesen Osama bin Ladens landeten, seine Villa stürmten und den Terror-Paten sowie drei weitere Personen erschossen, platzten sie anscheinend mitten in ein voll entfachtes Eifersuchts- und Familiendrama. Ein Drama von einem Ausmaß, das nach Ansicht eines ehemaligen Mitarbeiters des pakistanischen Geheimdienstes ISI möglicherweise sogar der Auslöser der Geheimoperation gewesen sein könnte.

Shukat Qadir schildert einen hasserfüllten Konflikt zwischen zwei der drei Frauen, die zuletzt gemeinsam mit Osama bin Laden im Anwesen in Abbottabad lebten. Qadir ist ein pensionierter pakistanischer Offizier und hatte Einblick in Verhörprotokolle der drei inhaftierten Witwen. Als einer von wenigen kennt er auch das mittlerweile zerstörte Versteck Bin Ladens und kann damit die Lebensumstände gut nachvollziehen.

Böses Blut

APFILE - In this undated file image from video seized from the walled compound of al-Qaida leader Osama bin Laden in Abbottabad, Pakistan, and released by the U.S. Department of Defense. Osama bin Laden spent his last weeks in a house divided, amid wives
© Bild: AP

Laut den Protokollen gab es einen vehementen Konflikt zwischen Bin Ladens Lieblingsfrau Amal Ahmed al Sadah, der jüngsten seiner Frauen, und seiner langjährigen Frau Khairia Saber, die er bereits 1980 geheiratet hatte. Khairia war erst zu Jahresbeginn 2011 in das Haus in Abbottabad gekommen, nachdem sie die Jahre nach der Flucht aus Afghanistan 2001 im Iran unter Hausarrest verbracht hatte. Sie war im zweiten Geschoß des Hauses untergebracht, während sich Amal und Bin Laden im dritten Stock ein Zimmer teilten. Auch die dritte Frau, Silham Saber, bewohnte dort ein Zimmer.

Von Anfang an habe es zwischen der älteren Khairia und der jüngeren Amal böses Blut gegeben, beschreibt es Qadir. Khairia schildert er als aggressiv. Selbst ISI-Agenten seien von Khairia „eingeschüchtert“ gewesen.

Amal wiederum wirft in den Verhören einen Verdacht gegen Khairia auf. Es geht um ein Gespräch, das Bin Ladenes Sohn Khalid, der ebenfalls auf dem Anwesen gelebt hatte, mit Khairia geführt hatte. Auf die Frage, warum sie denn nach so vielen Jahren in das Versteck in Abbottabad gekommen sei, habe sie geantwortet: Es gebe eine letzte Sache, die sie für ihren Mann tun müsse. Eine Aussage, die alle als Drohung vor einem Verrat verstanden hätten. Osama bin Laden habe all dem aber nur gleichgültig und unbekümmert zugesehen.

Wohngemeinschaft: Mit Amal Ahmed al-Sadah teilte sich Bin Laden ein Zimmer
© Bild: EPA

In allen zusammenfassenden Berichten der CIA und des ISI ist von Verrat durch eine von Bin Ladens Frauen allerdings nicht die Rede. Anscheinend hatte Bin Ladens Bote, der ebenfalls in der Villa lebte, die CIA unwissentlich auf das Versteck aufmerksam gemacht. Den Namen des Mannes hatten die Fahnder von Guantánamo-Häftlingen. Zwei pakistanische CIA-Agenten hätten den Mann über dessen Mobiltelefon ausfindig gemacht und seien ihm einfach nachgefahren – nach Abbottabad, zu einem Haus am Ende einer Schotterstraße.

Die drei Witwen wurden nun wegen illegaler Einreise angeklagt. Ihnen drohen nach pakistanischem Recht fünf Jahre Haft. Die pakistanischen Taliban fordern dagegen die sofortige Freilassung der Frauen und drohen mit Anschlägen auf Richter und Anwälte.

( Kurier ) Erstellt am 30.08.2012