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Politik
06/23/2012

SOS-Kinderdorf: "Endlich lernen, zu teilen"

Der neue und der scheidende Chef der Hilfsorganisation über Verantwortung der Erwachsenen, Armut im Reichtum und die "konfuse" Welt.

von Axel Halbhuber

Aus der Nähe erkennt man bedeutsame Momente oft nicht: Seit Samstag ist Helmut Kutin nicht mehr Präsident des SOS-Kinderdorfes, weltweit größtes privates Sozialwerk. Das Ende der 27-jährigen Präsidentschaft bewegt, berührt weltweit Millionen Menschen, in Österreich ist es eine Randnotiz. Mit Helmut Kutin tritt der Nachfolger des Gründers Hermann Gmeiner ab. Die österreichische Organisation, die fast jährlich für den Friedensnobelpreis nominiert ist, ist eines der Aushängeschilder des Landes.

Diese Amtsübergabe ist eine Zäsur. Kutin wuchs als Kind mit schwerem Schicksal im SOS-Kinderdorf unter den Fittichen Hermann Gmeiners auf. Als dieser starb, baute Kutin sein Lebenswerk weiter. Jetzt, 63 Jahre nach der Gründung ist das SOS-Kinderdorf in 133 Ländern aktiv.

Der neue Präsident Siddhartha Kaul ist der erste Nicht-Tiroler an der Spitze. Er ist Inder. Aber sowohl Kutin als auch Kaul haben einen Horizont, wie ihn wenige erlangen. Sie haben Kriege erlebt und das Lächeln von Kindern gesehen, die nach Wochen wieder Essen bekommen. Sie verstehen Leid und Glück. Sie treffen Präsidenten und Könige. Und fühlen sich doch in Kinderdörfern am wohlsten. Sie verstehen die Welt. Der KURIER fragte sie, wie es um diese Welt steht.

KURIER: Präsident Kutin, Sie sprechen von einer "konfusen" Welt. Meinen Sie "schlecht"?

Helmut Kutin: Nein. Aber die Konfusion ist gewaltig, weil viele Führende zu sehr am eigenen Wohl interessiert sind als am Gemeinwohl. Das macht es schwierig, Entscheidungen zu treffen. Das verstehen junge Menschen nicht. Es ist höchste Zeit, gemeinsam mit ihnen bessere Wege zu suchen.

Siddhartha Kaul: Die Welt ist ein guter Ort. Aber wir konzentrieren uns zu wenig auf das Gemeinsame, sondern was uns unterscheidet. Alle schauen auf sich selbst, das schafft Schwierigkeiten. In vielen Ländern sind die Politiker keine Staatsmänner. Sondern nur interessiert, die nächsten Wahlen zu gewinnen. Sie denken: Was kümmert mich die Zukunft.

Kutin: Vor allem müssen die Diskussionen enden. Wir machen immer nur Zeitpläne, führen fantastische Gespräche in der UNO. Doch nichts geschieht.

Fehlen die Visionen?

Kaul: Ja. Wir dürfen nicht vergessen, dass 40 Prozent der Menschen weltweit unter 25 Jahre alt sind. Diese Gruppe hat keine richtige Stimme.

Kutin: Es wächst eine Generation heran, die von uns Älteren fordert: Trefft Entscheidungen, schließt uns ein, wir müssen Schritte machen.

Unter Weltrettung versteht man hier derzeit Euro-Rettung. Sie haben beide Kriege und Hungersnöte erlebt. Darf man zum aktuellen Zustand in Europa Krise sagen?

Kutin: Wir sollten einen positiven Weg einschlagen. Eine Krise ist auch die Chance, es besser zu machen. Das würde die Angst nehmen. Die Botschaft muss sein: Die Welt ist ein guter Platz, darin zu leben. Es wird immer Arme und Reiche geben. Aber wir müssen die Pyramide der Ungleichheit abflachen. Dazu müssen wir lernen zu teilen.

Kaul: Wie will man Überlebenswillen wecken, wenn man nur Negatives erzählt? Menschen brauchen ein erreichbares Ziel.

Kutin: Und müssen dabei realistisch bleiben. Aber wenn man keine Aussicht hat, wozu soll man dann etwas tun?

Fehlt Europa der Optimismus zu sehen: Es wird wieder?

Kutin: Es geht darum, nicht immer andere verantwortlich machen. Die anderen haben nur den Einfluss, den ich ihnen gewähre. Die Menschen in Europa haben verstanden, dass es nicht nur um Konsum gehen kann.

Kaul: Viele spielen sich mit Geld einen Schutz vor, dass man sich isolieren kann. Sie kreieren eine eigene Welt.

Kutin: Die wahre Krise ist, dass die westliche Welt dem Geld lange zu viel Bedeutung zugemessen hat. Nicht der Produktion, sondern der Geld­anhäufung. Nur Geld von Markt zu Markt zu verschieben, funktioniert nicht. Auf Dauer funktionieren nur Produktivität und Beschäftigung.

Bleiben wir noch kurz in der Wirtschaftssprache: Wie werden sich die Armutsmärkte entwickeln?

Kutin: Überall, wo es schlecht läuft, gibt es Korruption. Jeder ist egoistisch geworden. Wir müssen Korruption erschweren und zu teilen anfangen, dann wird es besser.

Kaul: Wir müssen dafür arbeiten, dass alle die gleiche Chance bekommen. Für SOS heißt das: In jeder Region Antworten auf die speziellen Probleme finden. Es ist eine falsche Einschätzung, dass Kinder in reichen Ländern besser dran sind und keine Hilfe brauchen. Wir werden stärker in Ländern wachsen, die schwach entwickelt sind. Aber ich sehe nicht, dass Hilfe irgendwo weniger gebraucht werden wird.

Haben die Menschen in aufstrebenden Nationen ein starkes Sozialgefühl?

Kaul: Die Reichen kümmert es nicht. Die Armen müssen sich ums Überleben kümmern. Ich sehe in Entwicklungsländern zwar die Bedeutung sozialer Werte und hoffe, sie entwickeln sich unabhängig von Wirtschaft und Politik. Denn viele Länder etablieren kein Sozialsystem, solange die Wirtschaft nicht passt. Die entwickelt sich aber nicht perfekt, weil das Sozialsystem fehlt. Das ist der Kreislauf.

Verdrängt Kapitalismus traditionelle Werte wie Familie und Streben nach innerer Zufriedenheit? Wie erleben Sie das in Indien?

Kaul: Erstens glaube ich, die indische Wirtschaft entwickelt sich nicht so schnell, wie man glaubt. China baut die größeren Straßen. Zweitens haben die Menschen für Generationen in Armut gelebt, jetzt soll sich alles in wenigen Jahren ändern, das ist lächerlich. Sobald die Menschen etwas erlangt haben, versuchen sie es zu verteidigen. Wie auch in reichen Ländern.

Kutin: Ich habe arme Familien erlebt, deren Leben reich war. Wir sehen uns oft mit dem Vorwurf konfrontiert, dass unsere Dörfer in armen Ländern zu schön sind, wir mit dem Geld viel mehr Menschen helfen könnten. Diese Kritik kommt immer von den Reichen. Die Armen bestärken uns, weil es für ihre Brüder und Schwestern eine Verbesserung bedeutete. Ich habe in den 27 Jahren gelernt, dass sich Kultur auch dadurch definiert, was wir für die Schwächsten tun.

Was hat sie in diesen 27 Jahren angetrieben?

Kutin: Der Glaube, dass mit jedem Buben und Mädchen bei uns ein Schritt in eine bessere Zukunft gemacht wird. Ein kleiner, aber eine Bewegung. Die kleinen Schritte verändern die Welt. Nicht die großen Ankündigung und Versprechen.

Herr Kaul, was verbindet Sie mit Gmeiner und Kutin?

Kaul: Gmeiner war überzeugt und ein bisschen verrückt, von einer Sache beseelt, die er gegen jeden Widerstand durchgesetzt hat. Dieses Glück ist mir nicht beschert. Kutin und mich verbindet, dass wir keine Büros mögen.

Herr Kutin, Sie wirken immer gefasst. Sagen Sie bitte, dass diese Übergabe Sie innerlich bewegt.

Kutin: Natürlich, aber es ist gut. Kaul muss seinen eigenen Weg gehen, in der klaren, guten Idee von Gmeiner. Dieser Weg war und ist nicht leicht, es geht nicht darum, Häuser zu bauen, sondern sie mit einer Seele zu füllen. Ich bleibe im Feld, meine Heimat ist jedes Kinderdorf.

SOS-Kinderdorf: Eine Erfolgsgeschichte aus Tirol Hermann Gmeiner verwirklichte 1949 – mit 600 Schilling in der Tasche – seine Vision: Kinder in Not, damals vor allem Kriegswaisen, sollten ein neues Zuhause in SOS-Kinderdörfern finden. Das Einzigartige an Gmeiners Idee war, dass sie dauerhaft bei SOS-Müttern in Familien leben sollten, ohne dass eine andere Unterbringung gesucht wird. Das erste Dorf wurde in Imst, Tirol, gebaut.

63 Jahre später ist SOS-Kinderdorf weltweit in 133 Ländern tätig, betreut 1,9 Millionen Menschen in 533 Dörfern und rund 1600 Schulen, Kindergärten, Sozialzentren und medizinischen Einrichtungen. Infos: www.sos-kinderdorfinternational.org