Politik
05.12.2011

Russland: Hassliebe mit der Vergangenheit

Am 21. August 1991 scheiterte der Putsch gegen Gorbatschow, den folgenden Zerfall der UdSSR haben viele bis heute nicht verdaut.

Hammer und Sichel sind nur mehr Zierrat an Gebäudefassaden und in Metro-Stationen. Vor genau 20 Jahren scheiterte der August-Putsch - und läutete das Ende der Sowjetunion ein. Der obligate steinerne Lenin in jedem Dorf hat mancherorts seither Gliedmaßen oder Nase eingebüßt - ob durch Hammerschläge oder Sprengstoff. Je nach Stimmungslage und Region.
Die Sowjetunion lebt in ihren architektonischen Resten weiter - mitunter als Trümmerhaufen. Und für jene Russen, Weißrussen, Georgier, Tadschiken, Moldawier oder Ukrainer, die heute gerade einmal 20 sind, ist sie nichts als teilweise Fassade für das tägliche Leben.

Es ist eine Generation, die nur die Überreste und nicht die repressive Realität des Sowjetkommunismus kennengelernt hat - dafür umso mehr die Repressalien ideologiefreier Diktaturen und Oligarchien: Wirtschaftskrisen, die Verlockungen und Tücken des freien Markts, der wie ein Rammbock in die staatsbewirtschafteten Länder gedonnert ist, Korruption und den Umstand, dass der Staat vor allem nimmt und nicht gibt.

20 Jahre sogenannte Freiheit - zwei Jahrzehnte und viele zerschlagene Hoffnungen. Zwei Jahrzehnte, die vor allem eines gebracht haben: Viele Verlierer und im Vergleich sehr wenige Gewinner.

Vor 20 Jahren war es den Demonstranten in Moskau ein Bedürfnis, vor allem das Standbild eines Mannes zu Fall zu bringen: Jenes von Felix Dserschinksi, dem Organisator der Tscheka, der ersten sowjetischen Geheimpolizei. In Bronze stand er vor der Lubjanka, dem KGB-Hauptquartier. Heute steht er zwar nicht mehr dort -, aber gut sichtbar in einem Skulpturenpark im Zentrum Moskaus. In Minsk wurde dem Mann, der das Lebensende Zehntausender zu verantworten hat, erst 2006 ein neues Denkmal gesetzt. Und in Saporischschja im Südosten der Ukraine wurde erst 2010 ein Denkmal für Stalin enthüllt - dem danach jemand mit Sprengstoff zu Leibe rückte. Verehrung und Ablehnung: Der Blick auf die Geschichte hat unterschiedliche Färbungen. Wut ist eine. Wehmut eine andere. 60 Prozent der Russen bedauern laut einer Umfrage des Lewada-Zentrums das Ende der Sowjetunion. Und so sehr sie auch Geschichte ist: Der Wunsch nach alter Größe hat überlebt. Das Trauma von einer Super- auf eine Lokalmacht geschrumpft zu sein, haben viele Russen nicht verarbeitet. Politische Positionierungen spielen dabei kaum eine Rolle.

Es kommt nicht von ungefähr, dass Wladimir Putin den Zusammenbruch der Sowjetunion vor fünf Jahren als "größte geopolitische Katastrophe des Jahrhunderts" bezeichnete. Ebenso nicht, dass er den Zusammenschluss Russlands mit Weißrussland vor wenigen Wochen "sehr wünschenswert" nannte. Und auch die von Putin forcierte Zollunion mit Weißrussland und Kasachstan passt in dieses Bild.

Ohne Netz

Das rührt am Nerv jener, in deren Leben sich neue Freiheiten und neue Komplikationen nicht die Waage halten. Was bringt Reisefreiheit, wenn man sich reisen nicht leisten kann? Was bringt einem theoretische Freiheit, wenn Ärzte, Lehrer, Polizisten bei jeder Gelegenheit die Hand aufhalten, weil sie einen Schmarren verdienen und die Mindestpension umgerechnet 100 Euro beträgt? Ein soziales Netz existiert in den meisten Ländern der ehemaligen UdSSR nicht. Es sind die Verlierer der letzten 20 Jahre, die ihre guten Gründe haben, die alten Tage herbeizusehnen.

Die anderen sehnen sich nach Antalya und Dior-Kosmetik. Die kleinen Insignien des Wohlstandes. Es ist der Kampf ums Überleben oder ein bisschen Luxus, der Politik aus dem Alltag der Masse verdrängt hat. Und auch das ist ein Erbe der Sowjetunion: Politik machen andere und jeder kämpft für sich.