Politik 15.03.2012

Rufe nach Recht und Rache in Afghanistan

Dem Massaker in der Provinz Kandahar folgen wütende Proteste. Die Frage ist nun: Wie wird mit dem Amokläufer verfahren?

Die 16 Gräber in Balandi Pul waren noch ganz frisch, da fielen am Dienstag neuerlich Schüsse in dem kleinen Dorf in der südafghanischen Provinz Kandahar. Diesmal waren es die Taliban, die das Feuer eröffneten. Genau, als sich eine aus Kabul entsandte hochrangige Delegation zur Untersuchung des Massakers eines US-Soldaten an Zivilisten in dem Ort aufhielt. Darunter der Stabschef der afghanischen Armee, der Gouverneur sowie der Polizeichef der Provinz Kandahar, zwei Brüder von Präsident Hamid Karzai und der Minister für Stammesfragen. Von mehreren Seiten eröffneten die Angreifer das Feuer. Ein Reporter der dpa berichtete von Explosionen, Schüssen und einem längeren Gefecht in dem Ort, der nur 1,6 Kilometer von einer amerikanischen Militärbasis entfernt liegt.

Diese 1,6 Kilometer hatte in der Nacht auf Sonntag ein amerikanischer Soldat zurückgelegt, um Menschen zu töten. 16 fielen ihm zum Opfer, ehe er festgenommen wurde. Darunter Kinder und Frauen. Ein wahlloses Gemetzel. Ein Amoklauf, der dem nach diversen Skandalen – von der Schändung von Leichen bis zu Koran-Verbrennungen – ohnehin miserablen Image der USA in Afghanistan weiter zusetzt.

Enthauptung

Die Taliban rufen jetzt zur Enthauptung von GIs auf. Das afghanische Parlament fordert ein öffentliches Verfahren vor einem afghanischen Gericht gegen den Täter. Und ebenso taten es am Dienstag Hunderte Studenten, die in der ostafghanischen Stadt Jalalabad wegen des Vorfalls von Balandi Pul demonstrierten. „Tod für Amerika – Tod für Obama“ skandierten sie und verbrannten Bilder des US-Präsidenten. Der „Heilige Krieg“ sei der „einzige Weg“, die US-Armee zu vertreiben.

Bei ganz ähnlichen Protesten gegen die Verbrennung von Koran-Ausgaben auf dem US-Stützpunkt Bagram vor wenigen Wochen, die über Tage anschwollen, waren 30 Menschen getötet worden. Seither wurden sechs US-Soldaten von afghanischen Sicherheitskräften getötet.

Es ist genau diese Dynamik, die Konflikte in Afghanistan nehmen können, die die USA nun fürchten. Pentagonchef Leon Panetta sagte zu dem, was in Balandi Pul passiert ist: „Wir können nicht zulassen, dass diese Ereignisse unsere Strategie oder die Mission untergraben, die wir haben. “ Tun sie aber. Und deswegen sagte der Minister auch, dass er sich durchaus vorstellen könne, dass der Amoklauf mit der Todesstrafe geahndet werden könnte. „Nach meinem Verständnis könnte das unter diesen Umständen infrage kommen“, sagte Panetta.

Vertreter der US-Botschaft in Kabul und der NATO beschreiben den Täter als verheirateten, dreifachen Vater. Drei Mal war er im Irak eingesetzt, aber zum ersten Mal in Afghanistan stationiert. Im Irak habe sich der Scharfschütze 2010 bei einem Autounfall eine schwere Kopfverletzung zugezogen, sei von Militär-Medizinern allerdings vor der Entsendung nach Afghanistan für voll einsatzfähig erklärt worden. Derzeit sitze der 38-jährige Soldat im Rang eines Unteroffiziers in Haft und verweigere jede Aussage.

Die Vergangenheit hat gezeigt, dass die US-Armee mit Kriegsverbrechern sehr milde verfährt. Die Kopfverletzung des Täters könnte dazu dienen, ihn für unzurechnungsfähig zu erklären. Jene, die in Balandi Pul geliebte Menschen verloren haben, und jene, die auf Rache sinnen, werden diese Erklärung aber nicht schlucken.

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( Kurier ) Erstellt am 15.03.2012