Politik
01.08.2012

Nazi-Vergangenheit "war kein Thema"

Österreichs oberster Opfer-Schützer Udo Jesionek im Interview über Entschädigungen für Heimkinder und seine Kooperation mit Nazi-Ärzten

Udo Jesionek ist Präsident des Weissen Rings. Als Vorsitzender der Opferschutz-Organisation sitzt er auch im Gremium das über die Entschädigung ehemaliger Wiener Heimkinder entscheidet. Jesionek, ehemaliger Präsident des Jugendgerichtshofs, ist auch Mitglied der Klasnic-Kommission, die ehemalige Zöglinge katholischer Heime entschädigt.
Im KURIER-Gespräch, dem auch die Geschäftsführerin des Weissen Rings, Marianne Gammer, beiwohnte, spricht der Jurist über vergessene Entschädigungsmöglichkeiten,  Verjährungsfristen und seine Zusammenarbeit mit zwei ehemaligen Nazi-Ärzten.

KURIER: Herr Dr. Jesionek, das Bundessozialamt hat einem ehemaligen Heimkind eine Pension nach den Verbrechensopfergesetz zugesprochen. Was bedeutet das für die Zehntausenden ehemaligen Heimkinder in Österreich?
Udo Jesionek: Die Möglichkeit einer Pension besteht immer. Ich möchte nur im Vorhinein warnen: Im konkreten Bescheid ging es nicht nur um die Heimkinder-Karriere, sondern auch um andere Vorfälle. Natürlich kann jedes Heimkind den Versuch unternehmen, Pension zu bekommen. Ich sehe nur Gefahr, dass man zu große Hoffnungen erweckt und dann die Frustration eintritt.

Zu große Hoffnungen?
Jesionek: Es wird nicht so einfach sein. Erstens muss man nachweisen, dass der jetzige Zustand kausal auf das Geschehen im Heim zurückzuführen ist. Es genügt die hohe Wahrscheinlichkeit, aber trotzdem. Das ist nach 40 Jahren schon ein Problem. Damals gab es für die Betroffenen zweifellos eine Traumatisierung. Und dazwischen liegt ein ganzes Leben mit Partnerschafts- und Berufsproblemen – mit allem, was einen auch traumatisieren kann.

Gibt es Beispiele?
Jesionek: Die Betroffenheit dieser Opfer ist wirklich arg. Vor ein paar Tagen war ein Heimkind bei mir, der hat einen guten Beruf. Der ist schwer traumatisiert, bekommt sicher keine zusätzliche Rente, weil er ja gut verdient.

Aber es ist erstmals amtlich, dass es in Heimen Verbrechen gegeben hat.
Marianne Gammer: Es gab eine hohe Wahrscheinlichkeit.
Jesionek: Ja, aber das ist gar keine Frage. Wir haben ja selbst in X-Fällen Anzeige erstattet. Es laufen ja Strafverfahren. Einen Fall gegen ehemalige Erzieher haben wir jetzt, wo die Verjährung wahrscheinlich noch nicht abgelaufen ist.

Die Opfer müssten für eine Verbrechensopfer-Pension weitere Gutachten vorlegen?
Jesionek: Ich habe mich ja bereit erklärt, dass ich in die Klasnic-Kommission gehe und das auch mit dem Weissen Ring übernehme, weil ich den Opfern das ersparen wollte. Die Leute sind traumatisiert. Und mit hoher Wahrscheinlichkeit missbraucht worden. Und Trauma kann man nicht simulieren. Ich habe eine Angst, dass Opfer jetzt einen Antrag stellen und dann negative Bescheide bekommen...

Wie können Sie als Jurist,  und Funktionär in Opferschutz-Organisationen erklären, dass erst ein deutscher Anwalt kommen muss, um den Fall aufzurollen. Und dass der KURIER kommen muss, um darüber zu berichten, ehe man reagiert und ehemaligen Heimkindern den Schritt zum Bundessozialamt nahelegt?
Jesionek: Ich muss zu meiner Schande gestehen, ich habe nicht daran gedacht. Das gebe ich zu. Es gibt wahrscheinlich noch zehn andere Möglichkeiten,  Schadenersatz zu bekommen. Wir haben uns beim Weissen Ring darauf beschränkt, den Personen Rechtshilfe für einen Zivilprozess anzubieten.
Gammer: Die Kausalitätsproblematik ist so, dass es durch das Bundessozialamt immer wieder zu Ablehnungen kommt. Wir haben jetzt sehr oft das Problem, dass wir eine Straftat haben, die evident ist. Zum Beispiel eine Körperverletzung durch einen Raub. Dann gibt es aber auch bei dieser Person Verletzungen durch Unfälle. Da werden heute Leistungen wie etwa Psychotherapie abgelehnt.

Warum hat man nicht in all den Jahren, seit die schrecklichen Verhältnisse in Kinderheimen publik gemacht wurden, reagiert?
Jesionek: Das war keine Absicht. Jedem Opfer wird juristische Beratung angeboten. Ich habe mir gedacht, dass die Anwälte das tun.

Haben Sie Ihre Anwälte über die neue Möglichkeit informiert?
Jesionek: Ja klar. Mit Rundruf.
Gammer: In die Beratung der Betroffenen nehmen wir das natürlich auf, das ist klar.
Jesionek: Wir wollen niemanden abwimmeln.

Es wird ein  Zivilprozess gegen das Land Tirol  um 500.000 Euro Entschädigung für ein ehemaliges Heimkind angestrebt. Das Land könnte auf die Verjährung explizit verzichten. Wäre es dazu nicht moralisch verpflichtet?
Jesionek: Wir haben das auch in der Klasnic-Kommission diskutiert. Wir können das Türl nicht aufmachen.

Wie meinen Sie das?
Jesionek: Dass man nicht auf die Verjährung verzichten soll.  Ich würde den Umweg machen über freiwillige Zahlung. Damit gibt es kein Präjudiz.

Wundert es Sie, dass in Heimkinder-Kreisen Stimmen laut werden, dass die Öffentlichkeit alles wieder einmal vertuschen wolle...?
Jesionek: Dagegen kann ich nix machen. Was hätten ich oder der Weisse Ring für einen Grund zu vertuschen?  Ich setze mich in meiner Freizeit da her, krieg keinen Groschen Geld. Wieso sollte ich was vertuschen? Das ärgert mich, welchen Grund hätte ich? Wenn sich eine Möglichkeit gibt, einem Opfer zu helfen, machen wir das. Was für ein Vertuschen?

Noch kurz zu ihrem Werdegang: Es ist dem KURIER eine Information zugespielt worden, die bislang in der Öffentlichkeit nicht bekannt war.
Jesionek: Über mich?

Sie haben gemeinsam mit den beiden Nazi-Ärzten Gerhart Harrer und  Heinrich Gross in den 1970er-Jahren gemeinsam eine Zeitschrift  herausgegeben.
Jesionek: Ja, Forensia. Ich habe mit dem Gross sehr viel gemacht. Der Gross war damals der ständige Gerichtssaalberichterstatter. Ich wollte die Richter ja öffnen, dass sie mehr Ahnung haben von Psychiatrie und so weiter. Dass man Gutachten lesen und verstehen kann. Da die Justiz nichts gezahlt hat, habe ich mich an den Verband von Gross gewandt.

Die Nazi-Vergangenheit von Harrer war seit den 60er-Jahren bekannt.
Jesionek: Das habe ich damals nicht gewusst. Und das über Gross auch nicht. Ich war mit dem Gross Per-Du.  Er hat ja auch gute Gutachten gemacht.  Wir haben auch die Zeitschrift gemacht, um den Richtern kostenlos Informationen zur Verfügung zu stellen.

Wie lange waren Sie Mit-Herausgeber?
Jesionek: Das war kurze Zeit, die ist bald wieder eingegangen. Und Harrer war der einzige Professor für Forensische Psychiatrie. Ich bin wirklich ein absoluter Anti-Nazi. Wenn ich das gewusst hätte, hätte sich der Kontakt stark reduziert. Mit Gross habe ich den Kontakt sofort abgebrochen, als seine Vergangenheit bekannt  wurde.
 

Ein interessantes Detail: Im Internet findet man Ihren Namen im Zusammenhang mit Harrer und Gross und der Zeitschrift Forensia nicht. Aus dem Grund, weil jemand in Wikipedia aus dem Namen Jesionek ein Jensionek gemacht hat.
Jesionek: (liest) U. Jensionek. Mein Name wird verschandelt. Ich habe das nicht verändert. Ich stehe ja dazu. Es kommt ja noch dazu, dass das damals noch kein Thema war. Niemand hat über die Nazi-Vergangenheit geredet. Ich verstehe ja auch nicht, dass der Broda (SPÖ-Justizminister in den 70er-Jahren, Anm.) diese Leute so gefördert hat.

Im BSA (damals Bund sozialistischer Akademiker, Anm.)?
Jesionek: Ja im BSA.

Sind Sie Mitglied?
Jesionek: Nein, ich war nie im BSA und nie SPÖ-Mitglied. Ich bin ja selber im Krieg aufgewachsen und muss sagen: Die bloße Mitgliedschaft und etwas anstellen wie der Gross ist ein Unterschied.

Harrer war illegaler Nazi, SS-Mitglied, Erbtheoretiker, Rassenhygieniker...
Jesionek: Ich will nicht richten, was Leute in damaligen Situationen gemacht hätten. Und sogar der Tandler (Julius Tandler, SPÖ-Sozialreformer der Zwischenkriegszeit, Anm.) war Erbtheoretiker.

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