© GNEDT/KURIER

Politik
12/05/2011

Mauern niederreißen

Kindesmissbrauch und Vergewaltigung dürfen nicht verjähren.

von Georg Hönigsberger

Wer Kindern Schlösser baut, reißt Kerkermauern nieder." Dieser Satz stammt vom SPÖ-Sozialreformer der Zwischenkriegszeit, Julius Tandler. Der Spruch prangt, eingemeißelt in eine Marmorplatte, im großen Foyer des Schlosses Wilhelminenberg. Im dort untergebrachten Heim (1977 geschlossen) wurden Kinder jahrelang geprügelt und vergewaltigt.

Für den Gesetzgeber ist es Zeit, ebenfalls Mauern niederzureißen. Es ist hinlänglich bekannt, dass Missbrauchsopfer Jahre und Jahrzehnte brauchen, um über ihr Schicksal zu sprechen. Kinder, die von Personen, denen sie anvertraut wurden (seien es Eltern, seien es Erzieher), missbraucht werden, benötigen viel Zeit, um die schreckliche Erfahrung zu verarbeiten. Ein Glück, wenn sie wieder Vertrauen finden und sich Jahre später anderen Personen gegenüber öffnen können. Die Verjährung von Kindesmissbrauch und Vergewaltigung muss daher fallen. Ein Mord verjährt nie, die Vernichtung von Kinderseelen durch sexuellen Missbrauch schon.

Die Politik ist dringend gefordert, das zu ändern, um der Täterinnen und Täter habhaft zu werden und den Opfern so etwas wie eine späte Wiedergutmachung angedeihen zu lassen. Und eine Bitte: Wenn Sie schon dabei sind, reißen Sie gleich die Marmortafel von der Wand. Die ist ein Hohn für alle Opfer.