Köppel: "Tradition der Respektlosig­keit"

Roger Köppel, Chefredaktor der gerne provokanten Schweizer "Weltwoche"
Foto: AP

Der Weltwoche-Chef Roger Köppel im KURIER-Interview über den Fall Murdoch und die Heuchelei.

KURIER: Was hat Sie mehr überrascht: die Methoden des britischen Boulevards oder die Politik, die sich mit ihm trotzdem ins Bett legte?
Roger Köppel: Mich irritiert die enorme Heuchelei der Politiker, von Brown bis Cameron. Die haben sich um die Gunst Murdochs bemüht und sind gerade noch mit glänzenden Augen bei seiner Sommerparty gestanden. Jetzt verbreiten sie Schimpf und Schande über ihn.

Warum ist der Boulevard dort so besonders tief?
Ich war immer sehr beeindruckt von der Professionalität der englischen Zeitungen, auch des Boulevards, auch wenn News of the World offenbar sehr extrem agierte. England hat eine große Tradition der Respektlosigkeit gegenüber Autoritäten.

Bis hin in die letzten Winkel der Privatsphäre.
Ja, und ich finde das nicht nur schlecht.

Weil?
Bei Politikern und Personen des öffentlichen Sektors kann man mit einer gewissen Berechtigung sagen, uns interessiert, wie die sich mit ihrer Lebensführung präsentieren. Es spielt schon eine Rolle, ob ein Familienminister seine Frau betrügt oder nicht.

Dazu sind alle Mittel recht?
Nein, die Abhörmethoden sind eine Pervertierung der Transparenzpflicht, entstanden im extremen Wettbewerb. Aber ich befürchte, dass die Empörung dazu benutzt wird, unbequeme Zeitungen jetzt zu disziplinieren. Die eine oder andere Grenzüberschreitung ist wohl das geringere Übel als ein plötzlich politically correct, staatlich gegängelter Mediensektor.

Wieso suchte die Politik trotz des Schmuddels so eine Nähe zu Murdoch?
Murdoch ist ein extrem erfolgreicher Zeitungsunternehmer auf dem Sektor Boulevard, der auch Qualitätsblätter gerettet hat. Er hat ein großes Publikum und daher auch große Macht. Darum bemühen sich Politiker, ihm nahe zu sein. Umgekehrt hat Murdoch vielleicht auch Politikern vermittelt, wir stehen auf eurer Seite.

In der Berichterstattung rechnet sich das oft nicht.
Was ja gut ist. Die Presse muss staats- und obrigkeitskritisch sein, Rudolf Augstein und der Spiegel der Sechzigerjahre sind da mein persönliches Vorbild. Auch Murdoch steht durchaus in dieser positiven Tradition mit einer kritischen, unbequemen Presse, die zwar von den Politikern umschmeichelt wird, die aber trotzdem ihre kritische Distanz wahrt.

Und statt der Kontrollfunktion lieber auch Politik und Politiker "macht".
Zeitungen können nichts "machen", sondern nur Strömungen und den Puls der Leser spüren. Murdoch hat früh erkannt, dass das mediale Establishment auf einem Auge blind ist und bestimmte Themen nicht aufgreift. Vom Vorwurf an Boulevard-Medien, sie seien damit populistisch und müssten dem einen pädagogisch wertvollen Journalismus gegenübersetzen, halte ich nichts.

In England wird die Presse von Politikern umschmeichelt, Frankreichs Präsident Sarkozy macht auf unliebsame Medien Druck.
Man sagt ja, wenn England nicht seinen Boulevard und Murdoch hätte, wäre es längst Frankreich. Die Engländer haben schon kritische Karikaturen veröffentlicht, als man in Frankreich dafür aufs Schafott geführt worden wäre. Dort gibt es ein ganz anderes Staats- und Medienverständnis mit höfischer Komponente gegenüber dem "Vater der Nation". Da ist mir das englische Modell sympathischer.

In Österreich umwirbt die Politik den Boulevard mit Regierungsinseraten. Gibt es das in der Schweiz?
Nein, nur Parteien-Inserate im Wahlkampf. Aber über das Radio- und Fernsehgesetz fließen einzelne Subventionen auch an Print-Verlagshäuser, mit dem Resultat, dass auch unsere Zeitungen viel zu obrigkeitstreu berichten. Mit Ausnahme selbstverständlich der Weltwoche . (lacht)

(kurier) Erstellt am
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