Politik
04.03.2013

"Und sie bewegt sich doch ..."

Der schwierige Umgang der Kirche mit den Naturwissenschaften. Von Galileo bis Darwin.

Also sprach der österreichische Professor für theoretische Physik, Heinz Oberhummer, in einem Zeitungsinterview: „Theologen sagen, Gott habe das Universum erschaffen. Aber wer hat Gott erschaffen? Theologen sagen: Gott erschuf sich selbst. Aber das hat das Universum auch getan, mit dem Urknall.“ Ergänzungsfrage: Wer hat die Voraussetzungen für den Urknall geschaffen?

Seit Jahrhunderten wogt der Streit beider Seiten. Philosophie und Theologie waren im frühen Christentum eins. Die Philosophie der Antike war vor allem griechisch beeinflusst. Plato und Aristoteles prägten die großen Denker des Christentums, Augustinus und Thomas von Aquin. Erst als der Grundsatz, die Naturwissenschaft sei die Dienerin der Gotteswissenschaft, nicht mehr zog, war Feuer auf dem Kirchendach. „Dass die Sonne im Mittelpunkt der Welt steht …, ist dumm und philosophisch absurd und formal häretisch, weil es dem Sinn der Heiligen Schrift widerspricht“, befand 1616 eine vatikanische Theologen-Kommission. Nikolaus Kopernikus, der das neue Weltbild herausgefunden hatte, verkündete es erst auf seinem Totenbett, wo ihm kein Bannfluch mehr gefährlich wurde. Sein Kollege Galileo Galilei warf sich auf die Knie, schwor allem Häretischen in dieser Lehre ab und kam mit strengem Hausarrest davon. 350 Jahre später wurde er unter Papst Johannes II. rehabilitiert, nicht zuletzt dank des Drängens des Wiener Kardinals Franz König.

Evolutionstheorie

Rechnet man die gleichen 350 Jahre zur Bucherscheinung „Ursprung der Arten“ von Charles Darwin dazu, ist etwa um 2200 herum mit einer Anerkennung der Evolutionstheorie ohne Wenn und Aber durch den Vatikan zu rechnen. Das ist ein bisschen entmutigend. Daher gab es auch von oberster kirchlicher Seite schon einige Anläufe in die realistische Richtung. Dass sich alle Lebewesen von einfachen niedrigeren zu komplexen höheren entwickelt haben, darf heute auch innerkirchlich als unbestritten gelten, obwohl Papst Pius IX. diese Lehre als „Widerspruch zur Geschichte, zur Überlieferung aller Völker, zu exakter Wissenschaft und sogar zur Vernunft“ verurteilte. Aber immer noch hält die Kirche amtlich daran fest, dass Gott jedem Menschen individuell eine unsterbliche Seele „einhaucht“.

Der französische Natur- und Gotteswissenschaftler Pierre Teilhard de Chardin hat schon vor dem letzten Konzil vor dem Dualismus Materie/Geist, Leib/Seele gewarnt und die Seele als Lebensprinzip herausgekehrt, das den wachsenden Embryo evolutiv, also durch einen Prozess der Entwicklung, zu einem Menschen mache. Man ahnt, welche Folgen solche Überlegungen haben könnten, und man wundert sich nicht, dass die Kirche jahrelang seine Bücher versteckte und ihn (am Ostersonntag 1955) ruhmlos sterben ließ. Zur Zeit von Vaticanum II war Teilhard trotzdem einer der meistgelesenen kirchlichen Autoren. Obwohl seine grandiose Zusammenschau von Physik und Kosmologie, Anthropologie und Theologie viele unrichtige Details enthält, fasziniert sie bis heute.

Das Konzil mit der Lehre von der Autonomie der irdischen Wirklichkeiten (Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst) hat eine Lösung angeboten: Niemand mische sich ins Fach der anderen Seite ein! Die Theologen sollen von den Physikern keine Gottesbeweise verlangen und diese keine Gott-ist-tot-Dogmen basteln. Das überfordert die einen wie die anderen. Dankbares Staunen könnte das Ergebnis sein.

Die heutige Natur der Kirche inspiriert primär Karikaturisten

So gut wie alle ersten Kunstäußerungen des Menschen sind Kultvorstellungen entsprungen. Kunst ist eine Sprache Gottes, die in Bildern, Bauwerken, Skulpturen, Sprachkunst, Theaterstücken, Filmen und in der Musik den Unfassbaren, das Unfassbare jenseits von materieller Welt auszudrücken versucht. Das Wahre und Gute ist auch schön. Kirche wie Kunst sind auf der Suche nach Sinn in Zeichen und Bildern, Symbolen und Gleichnissen unterwegs. Religionsgeschichte ist immer auch Kunstgeschichte.

Jahrhunderte hindurch waren die christliche Kirche und die Künstler der jeweiligen Zeit gemeinsam unterwegs. Die Vatikanischen Museen zählen heute zu den größten und wichtigsten Kunstsammlungen der Welt. In der Sixtinischen Kapelle werden Monumental-Darstellungen des großen Malers, Bildhauers, Architekten und Dichters Michelangelo die Papstwähler an die Renaissance als Glanzzeit der Beziehung zwischen Kirche und Kunst erinnern.

Schon seit der Frühzeit des Christentums wurde das Lob Gottes nicht nur gebetet, sondern auch gesungen und gespielt. Wohl gestimmte Orgelpfeifen und Posaunen sorgen in Oratorien, Passionen, Kantaten, Te-Deum-Jubel und Messkompositionen von Bach und Mozart über Bruckner bis zu Penderecki und der lateinamerikanischen Missa Criolla auch heute für Trost, Freude, Hoffnung und Staunen in aller Welt.

Dante als Morallehrer

Die Schriften der Kirchenväter lieferten Beispiele auch hoher literarischer Qualität. Einfache Bilddarstellungen („Bibel der Armen“), geistliche Spiele, das Jesuitentheater waren Religionsunterricht in künstlerischer Form. Dantes „Göttliche Komödie“ bot Morallehre von Weltrang. Dome, andere Sakralbauten, kirchliche Universitäten und Museen bezeugen bis heute das Werk bedeutender Architekten.

Seit gut 200 Jahren laufen die Entwicklungen von Kirche(n) und Kunst aber auseinander. Dennoch war es auch nach 1945 weiterhin möglich, „christliche Literatur“ auszumachen. Um an Beispiele aus drei Sprachwelten zu erinnern: T. S. Eliot, Paul Claudel, Reinhold Schneider und viele andere. Der französisch-schweizerische Agnostiker Le Corbusier machte mit seinem Bau einer modernen Wallfahrtskapelle in Ronchamp Furore.

Heute beklagen immer mehr Menschen symbolarme katholische Gottesdienste, „Zeugnisse unserer Armut an Bildern in einer bildübersättigten Medienwelt“, wie es der Linzer Künstlerseelsorger Peter Paul Kaspar in seinem Büchlein „Die nackte Madonna“ formulierte. „Manchmal hat man den Eindruck, der zelebrierende Priester hat nur die Wahl, entweder frommer Langeweiler oder belangloser Sakral-Entertainer zu sein.“

Die Kirche hat hierzulande aufgehört, Quell künstlerischer Inspirationen zu sein. Immer öfter verführt ihre heutige Natur zur Karikatur. Viele Katholiken schrecken vor einer Kunst, die auch das Tragische, Schreckliche und Absurde in den Blick nimmt, zurück. Weitgehend vergessen ist das Bemühen des Wiener Seelsorgers, Kunstmäzens und -sammlers Otto Mauer, in den Nachkriegsjahren in der katholischen Kirche Interesse und Begeisterung für zeitgenössische Kunst zu wecken. „Priester, Mahner, Tröster“ steht auf seinem Grabstein in Brunn am Gebirge.Mit der bevorstehenden Emeritierung von Bischof Egon Kapellari könnte auch die Bischofskonferenz ihren letzten großen Kunstanwalt verlieren.