Kaum "Freiwillige" in Deutschland

Vom Zivildiener zum Bundesfreiwilligen-Dienstler „Bufdi“: Bilder von freiwilligen Altenpflegern werden künftig seltener sein
Foto: dpa/Arne Meyer

Der Bundesfreiwilligendienst, der nach der Abschaffung der Wehrpflicht den Zivildienst ersetzt, wird kaum angenommen.

Will man derzeit in der Hauptstadt einen "Bufdi", so das saloppe Kürzel für den neuen Freiwilligen-Sozialdienst, in Aktion sehen, tut man sich schwer. Da sie von keiner Stelle zentral erfasst werden, bleiben nur Anfragen bei großen Sozialverbänden. Diese aber haben bisher nur wenige Anmeldungen. Und eigentlicher Dienstantritt ist für die ersten Bufdis erst im August.

Schon Anfang Juli hätten sie die auslaufenden Zivildiener ersetzen sollen. Weil sich aber viele Zivildiener zur Verlängerung, meist über den Sommer, verpflichtet haben, ist der Einbruch derzeit noch nicht extrem. Das dürfte er aber werden, wenn die meisten Zivis studieren gehen.

Die Sozialeinrichtungen, wie etwa die "Johanniter", haben vorgesorgt. Die kirchennahe Rettungsorganisation beschäftigt allein in Berlin und Brandenburg 1260 Angestellte und 2300 ständige Freiwillige. Von Letzteren waren zuletzt nur mehr 30 Zivis. "Wir haben uns schon früh darauf eingestellt", sagt Johanniter-Sprecherin Grit Schreck, "und deshalb schon seit Jahren die Zivi-Stellen abgebaut." Daher treffe es ihr Haus kaum, dass sich bis jetzt nicht ein einziger Bufdi gemeldet hat. Ohnehin seien diese nur eine Kurz-Variante des schon bestehenden "Freiwilligen Sozialen Jahres", wo man 12 bis 18 Monate lang mit 300 Euro monatlich und Kost und Logis entlohnt wird. Von diesen sonst überwiegend Arbeitslosen beschäftigen die Hauptstadt-Johanniter derzeit 82.

Schock

Mehr spüren es die "Malteser": Am 1. Juli hörten bundesweit 1000 Zivis offiziell auf, nur 13 Bufdis kamen. Organisationen, die traditionell eher leicht anzulernendes Pflegepersonal statt gut ausgebildete Rettungshilfen beschäftigen, sind in Schwierigkeiten. Auch der SPD-nahe Arbeiter-Samariter-Bund, der bisher von 1700 kostengünstigen Zivis profitierte, findet schwer Ersatz: Von seinen 830 Bufdis, die sich bundesweit gemeldet hatten, sind nur 50 auch gekommen: Die Pflicht dazu gibt es nicht mehr.

Und in Berlin war schon der Zivildienst unterdurchschnittlich beliebt: Die Mentalität der bis zur Wende wehrdienstfreien und -kritischen Stadt wirke bis heute nach, so die Hilfswerke.
Die Diakonie, die viele Pflegeheime betreibt, hat resigniert: "Wir erwarten auch später nicht mehr Bufdis", so ihre Sprecherin, nachdem sich weniger als ein Zehntel Bufdis auf die bisherigen Zivi-Stellen gemeldet haben. Als erstes Fazit fürchten die Betroffenen: Manche Dienste werden teurer, und viele, wie Behinderten- und Mobilitäts-Betreuung, fallen wohl bald ganz weg.

Österreich: Freiwillige sollen Zivis zum Mindestlohn ersetzen

Sollte auch in Österreich die Wehrpflicht abgeschafft werden, würden Rettungs-, Gesundheits- und Sozialdienste vor einem veritablen Problem stehen: Sie beschäftigen den Großteil der jährlich rund 13.000 Zivildiener, die jeweils neun Monate im Einsatz sind.
Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) hat zu Jahresbeginn ein Modell für ein "Freiwilliges Sozialjahr" vorgelegt, das nicht mehr kosten soll als derzeit der Zivildienst und diesen mit rund 10.000 Freiwilligen pro Jahr ersetzen soll.

Dieses Sozialjahr soll nach Hundstorfers Plänen auch Frauen offen stehen und mit mindestens 1300 Euro 14-mal pro Jahr entlohnt werden - das entspricht dem gesetzlichen Mindestlohn für Gesundheits- und Sozialberufe im Jahr 2010. Zivildiener werden derzeit je nach Trägerorganisation unterschiedlich bezahlt; im Schnitt haben sie laut Innenministerium 713 Euro pro Monat zur Verfügung.

Keine echte Alternative zum bestehenden Zivildienst ist das "freiwillige soziale Jahr" (FSJ) für 18- bis 26-Jährige, das es jetzt schon gibt. In den vergangenen Jahren haben sich jeweils weniger als 400 Helfer gemeldet. Sie sind zehn oder elf Monate in einer Einrichtung tätig, sind sozialversichert und erhalten ein "Taschengeld" von 180 bis 280 Euro, dazu 150 Euro Ersatz der Familienbeihilfe für die, denen sie zusteht.

(kurier / Reinhard Frauscher, Berlin) Erstellt am
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