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Politik Inland
12/30/2018

Zukunftsforscher: "Die Digitalisierung steckt in der Krise"

Zukunftsforscher Matthias Horx über die digitale Erschöpfung und überschätzte Populisten.

von Ida Metzger

KURIER: Herr Horx, Sie schreiben in Ihrem „Zukunftsreport 2019“ von einem Gegentrend-Prinzip. So orten Sie ein postdigitales Zeitalter. Viele jedoch haben das Gefühl, dass die Superdigitalisierung unserer Gesellschaft noch lange nicht beendet ist. Wie kommen Sie zu diesem Befund?

Matthias Horx: Man muss einfach die Wirklichkeit anschauen. Dann sieht man, dass die Digitalisierung in der Krise steckt, auch wenn wir uns das nicht eingestehen.

Warum?

Wenn wir uns die Wirkung der sozialen Medien anschauen, dann sehen wir, dass hier eine Katastrophe passiert ist. Facebook beispielsweise verliert massiv Nutzer in den entwickelten Nationen. Twitter etwa verzeichnete im zweiten Quartal 2018 einen Nutzerrückgang um eine Million. Der Grund dafür ist, dass die sozialen Medien zu extremen sozialen Entwicklungen führen, wenn man sich die Hasspostings oder die Polarisierung der Gesellschaft anschaut. Sie stellen letztendlich auch eine Gefährdung der Demokratie dar, wie man es in den USA beobachten kann. Das alles hat mit einem falsch geleiteten Algorithmus zu tun, der Erregung im Netz immer höher schaukelt. Dazu kommt: Viele finden ihren digitalen Lebensstil gar nicht so sexy, wie uns das durch die digitale Propaganda, die behauptet, dass die Heimassistenten oder die künstliche Intelligenz nicht mehr aufzuhalten sind, vermittelt wird. Ich kenne sehr viele Menschen, die ihren digitalen Lebensstil moderieren. Deshalb sprechen wir von einer digitalen Krise.

Wie wird der Gegentrend aussehen?

Die zentrale Frage ist ja: Kann man die soziale Frage wie das Pflegeproblem mit Digitalisierung lösen? Ich denke nicht. Kann man das Verkehrs- oder Umweltproblem mit künstlicher Intelligenz lösen? Ich denke nicht. Dazu sind immer menschliche und soziale Entscheidungen nötig. Das hat nichts damit zu tun, dass wir keine Smartphones benutzen werden. Aber es wird zu einer Zähmung der Digitalisierung kommen.

Was Sie beschreiben, sind Entwicklungen, die meinen privaten Lebensbereich betreffen. Ich kann entscheiden, wie viele Stunden ich in den sozialen Medien verbringe. Aber ich kann nicht entscheiden, ob ich die Digitalisierung des Klassenzimmers will, oder ob die Digitalisierung meinen Arbeitsplatz verändert …

Postdigitalität bedeutet: eine aktive Rolle des Menschlichen im technologischen Entwicklungsprozess. Es ist ein Mythos, dass die Pädagogik oder das Unterrichtsniveau besser wird, wenn wir iPads in das Klassenzimmer werfen. Wenn wir keine besseren Lehrer haben, die eine mündige Digitalität vermitteln, dann wird das iPad im Klassenzimmer nicht viel nützen. Die Digitalisierung der Arbeitswelt wird sicherlich kommen und ist auch sinnvoll. Das hat aber Auswirkungen auf den gesamten ökonomischen Fluss. Wo entstehen welche Überschüsse? Wo entstehen welche Produktivitäten? Deswegen haben wir zu Recht auf europäischer Ebene Debatten über eine Digitalsteuer. Es geht nicht darum, etwas zu verhindern. Wir müssen uns von der linearen Vorstellung der Digitalisierung, die teilweise selbst besoffenen von ihren Visionen ist, verabschieden, um die Digitalisierung zu einem vernünftigen Verhältnis zur menschlichen Kultur zu bringen.

Der Schriftsteller Douglas Coupland wurde durch den Bestseller „Generation X“ bekannt. Mittlerweile ist Coupland Künstler und produziert Schrifttafeln mit Parolen wie „I miss my Pre-Internet Brain“ (Ich vermisse mein Vor-Internet-Gehirn). Wie hat das Internet unser Denken verändert?

Wir werden nicht darum herum kommen, den Digitalkonsum zu reduzieren. Das fängt mit der Fähigkeit an, das Smartphone auszuschalten. Die digitalen Medien haben eine Süchtigkeit geschaffen, die vergleichbar mit dem globalen Übergewicht ist. Beziehungen werden durch Vernetzung ersetzt, sodass besonders bei den Jüngeren das Selbstwertgefühl durch Likes aufgeladen wird. Das Daumen-nach oben-Symbol ersetzt die soziale Beziehung. Wenn sich dieses Modell als Illusion herausstellt, führt das zum Zusammenbruch des eigenen Wertesystems. Viele begeben sich in Scheinidentitäten, aus denen sie nicht mehr herausfinden. Dieser massive Faktor verzerrt unsere sozialen Beziehungen und führt zu Phänomen wie Verschwörungstheorien, Blasendenken oder populistischem Hass. Das zerstört unsere Wirklichkeitswahrnehmung.

Apropos Populismus. In Ihrem Trendreport behaupten Sie, dass die Populisten den Zenit überschritten haben. Mit dieser Erkenntnis sind Sie bis jetzt aber alleine …

Schaut man sich die Bilanz des klassischen Populismus an, dann sieht man, dass er in vielen Ländern aufflackert, aber nicht weiterkommt. In zehn von 13 Ländern sinken die Wahlergebnisse von populistischen Rechtsparteien. Schauen wir in die Niederlande oder in die Schweiz und warten wir mal die nächsten österreichischen Wahlen ab. Die Frage ist: Was gibt es als Alternative? Der Populismus kann am Ende sogar zu einer bürgernäheren Demokratie führen. Es wird sich eine neue politisch-geistige Bewegung formen. Wir nennen sie die Neo-Progressiven, die weder links noch rechts sind. Sie sind Anhänger einer pragmatischen Zuversicht.

Wenn politisch gesehen keine Linke, keine Rechte und keine Mitte existiert, gibt es dann auch keine Parteien mehr ?

Weder die Linken noch die Rechten können Lösungen anbieten. Rechts steht für Nationalstaat und die Betonung von Fremdenfeindlichkeit. Das wird in einer globalen Welt nicht funktionieren. Links steht für höhere Umverteilung. Das wird auch die sozialen Fragen auf Dauer nicht lösen können. Deswegen ist die Frage, ob wir aus diesem alten System ausbrechen können. Der Wettbewerb der Ideologien wird durch einen Wettbewerb der Ideen abgelöst. Zu den neuen politischen Aktivisten gehören Politiker wie Justin Trudeau in Kanada, oder in Deutschland Robert Habeck von den Grünen. Auch Emmanuel Macron macht in Frankreich eigentlich eine neo-progressive Politik. Was er aber nicht gelöst hat, ist die Frage der Teilhabe. Er muss neue Formen der Demokratie entwickeln. Die Bürger wollen mehr mitbestimmen können.