Politik | Inland
23.04.2018

Georg Willi: Ein Realo als grüner Hoffnungsschimmer

Der Innsbrucker Grüne sieht sich auf den Spuren des Bundespräsidenten. Wird er Bürgermeister, wäre das eine Sensation.

Partystimmung bei einer grünen Wahlfeier gab es schon länger nicht mehr. Am Sonntagabend war die Euphorie in einem Innsbrucker Innenstadtlokal aber groß. „So sehen Sieger aus“, schallte es dem grünen Spitzenkandidaten Georg Willi zu. Der hatte für seine Partei bei den Gemeinderatswahlen 24,2 Prozent geholt und dieses Ergebnis als Bürgermeisterkandidat mit 30,9 Prozent getoppt.

Der 58-Jährige war zwei Jahrzehnte lang das Gesicht der Tiroler Grünen, ehe er sich 2013 in den Nationalrat verabschiedete. Nun schickt sich der bürgerliche Realo an, Stadtchef von Innsbruck und somit der erste grüne Bürgermeister einer Landeshauptstadt zu werden. "Der Traum kann wirklich werden", rief Willi seinen Anhängern am Wahlabend zu und appellierte an sein Team, in den verbleibenden zwei Wochen bis zur Stichwahl am 6. Mai weiter um Stimmen zu rennen. Man habe einen Grünen zum Bundespräsidenten gemacht, „nun werden wir wohl den Georg Willi zum grünen Bürgermeister machen“, sagte Willi in Anspielung auf den Erfolg vom Ex-Grünen-Chef Alexander Van der Bellen.

Stichwahl am Geburtstag

Gelingt das Wunder, wäre es für Willi auch das größte Geburtstagsgeschenk seines Lebens. Er wurde am 6. Mai 1959 in Innsbruck in ein bürgerliches Elternhaus geboren. Vater Josef war Abteilungsleiter bei der Landwirtschaftskammer - also einer klassischen ÖVP-Bastion, gilt aber auch als einer der Wegbereiter für eine biologische und nachhaltige Landwirtschaft. Es ist also gewissermaßen auch familiär bedingt, dass Georg Willi als Inbegriff des bürgerlichen Grünen gilt.

Als begeisterter Chorleiter und Sänger bewegt sich der studierte Biologe in seiner Freizeit stets auch außerhalb der grünen Blase. Er lebt im Innsbrucker Stadtteil Hötting, der sich bis heute seinen dörflichen und auch konservativen Charakter bewahrt hat. Ausgerechnet in diesem Stadtteil eroberte Norbert Hofer ( FPÖ) im ersten Durchgang der Bundespräsidentenwahl im Frühjahr 2016 vor dem späteren Sieger Alexander Van der Bellen eine relative Mehrheit. Insgesamt ging die Stadt aber schon damals an den Grünen.

Willi hätte sich für die Bürgermeister-Stichwahl in zwei Wochen durchaus den freiheitlichen Spitzenkandidaten als Gegner gewünscht. Aber der Grüne muss sich mit Christine Oppitz-Plörer messen. Die bürgerliche Amtsinhaberin der einstigen VP-Schwesterliste Für Innsbruck rettete sich mit 24,3 Prozent im ersten Durchgang knapp vor dem FPÖ-Kandidaten Rudi Federspiel (21,2 Prozent) in das Duell mit Willi. In dem sieht sich die Bürgermeisterin als Herausforderin, wie sie sagt. Ihr Kontrahent sieht vor der Entscheidung hingegen "alles wieder auf Null gestellt".

Der Sympathie-Bonus

Der groß gewachsene Grüne baut vor allem auf seine Sympathiewerte. "Ich möchte mit meiner Art überzeugen und Bürgermeister für alle sein", sagt der Polit-Profi im KURIER-Gespräch. Er sieht sich selbst als einer, der offen ist, zuhören und die Leute mitnehmen kann. "Oppitz-Plörer wird als nicht so partnerschaftlich wahrgenommen", sagt er in Richtung seiner Gegnerin und weiß gleichzeitig: "Eine amtierende Bürgermeisterin zu schlagen, wird eine Riesenheraufsforderung."

Außerhalb von Tirol, fragen sich nach der Überraschung am Sonntag viele, wer denn dieser Georg Willi ist. In seiner Heimat ist er freilich über Jahrzehnte hinweg die prägende Figur der Öko-Partei. Die Polit-Karriere des Innsbruckers begann 1989. Damals zog er für die Vereinten Grünen in den Gemeinderat seiner Heimatstadt ein, in dem auch die Grüne Alternative vertreten war. Willi sieht sich als Motor dafür, dass die beiden Gruppierungen österreichweit zusammenfanden und schließlich als Einheit auftraten.

Nicht unumstritten

1994 ging es für Willi direkt weiter in den Landtag, dem er bis 2013 angehörte und dabei fast durchgängig den Klubobmann für seine Fraktion gab. Vor seinem Abgang in den Nationalrat brachte der gewiefte Verhandler und Netzwerker noch die erste schwarz-grüne Landesregierung in Tirol mit auf Schiene. Doch schon damals war vielen in seiner Partei klar: Wenn sich die Möglichkeit ergibt, will Willi versuchen, Bürgermeister von Innsbruck zu werden. Das wurde nicht überall in der Partei gerne gesehen. Auch dass er - kaum in Wien angekommen - sich zum Tiroler Landessprecher wählen ließ, sorgte für Unmut. Denn es war klar: Das Urgestein wollte vor allem weiter einen Fuß in der Türe haben.

Vor einem Jahr sah der bürgerliche Realo seine Chance gekommen. Die Vorzeichen hätten nicht besser seine können, als er im Februar des Vorjahres auf Facebook ankündigte, als Bürgermeister kandidieren zu wollen. Alexander Van der Bellen war gerade zum Bundespräsidenten gekürt worden. Die grüne Regierungsbeteiligung in Tirol kam laut Umfragen bei den Wählern gut an. Willi selbst wurden in einer Wählerbefragung Chancen auf den Bürgermeistersessel eingeräumt. Und in Innsbruck hatten die Grünen zuvor bei Landtags- Nationalrats- und Europawahlen stets ein Viertel der Stimmen geholt. Doch dann nahm das Unglück auf bundespolitischer Ebene seinen Lauf, das im Rauswurf aus der Partei aus dem Parlament endete.

Rückschläge auf dem Weg zum Erfolg

Und auch in Innsbruck musste Willi immer wieder Rückschläge einstecken. Er setzte sich zwar im internen Duell um die Bürgermeisterkandidatur im Mai 2017 klar gegen Vize-Bürgermeisterin Sonja Pitscheider durch. Doch der grüne Klub drängte mit Mesut Onay den einzigen Unterstützer innerhalb der mitregierenden Fraktion aus der Partei. Und der gründete eine eigene Liste für die Gemeinderatswahl. Wenige Tage vor der Innsbruck-Wahl war dann auch die Zeit für Pitscheiders Retour-Foul gekommen. Sie unterstellte ihrem Rivalen "rechten Sprachgebrauch à la FPÖ" und trat aus der Partei aus. Der Anlass: In einem Interview mit dem Standard hatte Willi erklärt, dass die Wähler „die Frage, ob ich mir das Dach überm Kopf leisten kann“, mehr interessiert als das Binnen-I oder die Ehe für alle.

Stimmen hat das den 58-Jährigen offenbar keine gekostet - vielleicht sogar im Gegenteil. Der ausgezeichnete Rhetoriker versteht es in der Regel bestens, einen Ton zu treffen, den jeder versteht. Auch das direkte Gespräch mit dem Wähler liegt ihm. Gelegenheit dazu gab es genug. Aufgrund der knappen Finanzmittel, mussten die Innsbrucker Grünen vor allem auf Straßenwahlkampf setzen. Der radelnde Willi war somit nicht nur auf Plakaten, sondern auch in den Straßen der Stadt zu sehen. Der Verkehrsexperte propagierte dabei einen Ausbau das Radwege- und Öffi-Netzes. Er weiß aber auch, dass es bei diesen und anderen Projekten gilt, die Bürger mitzunehmen. Dass die auch Antworten auf die brennenden Fragen des Alltags haben wollen, ist dem Grünen ebenfalls klar, weshalb er auch auf das Thema leistbares Wohnen setzte.

Sollte er tatsächlich das Amt des Bürgermeisters erobern, dann wäre es für den verheirateten Vater eines Sohnes, "die Krönung meiner Karriere". Für die österreichischen Grünen wäre es ein kräftiges Lebenszeichen und eine Sensation angesichts des allgemeinen Zustands der Partei. Amtsinhaberin Christine Oppitz-Plörer wird freilich alles daran setzen, das Rennen umzudrehen.