Politik | Inland
25.11.2017

Was sich Austro-Türken von Türkis-Blau erwarten

Während sich schlecht qualifizierte Zuwanderer fürchten, sehen andere in Kurz-Strache sogar eine Chance auf Klima-Verbesserung.

"Wir sind besorgt", titelt kürzlich die türkisch-sprachige Monatszeitung Yeni Hareket (Neue Bewegung) auf ihrem Titelblatt, als sie über das Ergebnis der Nationalratswahl in Österreich berichtete. Und weiter: Dass in Österreich 60 Prozent der Bevölkerung einen "rechtsextremen Kurs" unterstützen, würde alle Minderheiten beunruhigen – insbesondere die Muslime.

Yeni Hareket war nicht das einzige türkisch-sprachige Medium, das angesichts der neuen Mehrheiten Skepsis deponierte. Der Wien-Korrespondent des Erdoğan-nahen Senders "Ahaber" ging noch weiter: "Türken können in Europa vor lauter Angst nicht auf die Straße gehen."

Das ist Panikmache. Aber haben türkisch-stämmige Mitbürger künftig tatsächlich etwas zu befürchten?

Einer, der diese Entwicklungen vergleichsweise nüchtern betrachtet, ist Ali Gedik. Gedik ist einer der ersten Türkeistämmigen, der für eine Partei in Österreich kandidiert hat, nämlich 1990 bei der Nationalratswahl für die Grünen.

Für den kurdisch-stämmigen Aktivisten reicht die Angst viel weiter zurück, nämlich bis zum Jahresbeginn 2017: Damals waren türkische Wählerlisten aufgetaucht, die bis heute von Österreichs Behörden geprüft werden, weil der Verdacht im Raum steht, dass hier lebende Türken rechtswidrig zwei Staatsbürgerschaften haben.

In den vergangenen Monaten wurden viele Ex-Türken aufgefordert zu belegen, dass sie ihre ursprüngliche Staatsbürgerschaft zurückgelegt haben. "Seitdem herrscht regelrechte Panik in der Community", sagt Gedik. "Vor allem ungebildete Türkeistämmige haben eine unbegründete Angst vor Abschiebung. Ich höre immer wieder: ,Sie werden uns in die Türkei zurückschicken!‘"

Geschürte Angst

Das liegt zum Teil wohl auch daran, dass die Angst mitunter sogar aktiv geschürt wird – und zwar von Gruppierungen in der Community, die davon profitieren. "Durch das Angst schüren, wollen sie einen Keil zwischen Österreicher und Türkeistämmige treiben und ihre eigene Bedeutung heben", sagt der seit 41 Jahren in Österreich lebender Aktivist.

Auch Levent Cakiroglu, ein Unternehmer aus Wien-Erdberg, hört von Türkeistämmigen Mitbürgern immer wieder diesen Satz: Sie werden uns ausweisen.

"Ich denke, am meisten werden wenig qualifizierte, sozial schwache Türkeistämmige unter einer schwarz-blauen Regierung leiden", sagt der 40- Jährige.

Er selbst hat keine Bedenken. "Wer im rechtlichen Rahmen arbeitet und lebt, braucht keine Angst zu haben", sagt der Küchendesigner, der 2017 zu jenen knapp 300 in Wien lebenden Türken gehört, die die österreichische Staatsbürgerschaft beantragt haben.

"Relativ gelassen" sieht die Situation auch der Innsbrucker Rechtsanwalt Vedat Gökdemir. "In Österreich gibt es klare Regeln und Gesetze", sagt der Jurist.

Die Angst vor Türkis-Blau ist für den Rechtsanwalt völlig unbegründet. Er sieht in der neuen Regierung sogar eine Chance: "Vielleicht kann durch ein klares Vorgehen gegen das Einmischen aus dem Ausland eine neue Ära im Umgang mit den türkischstämmigen Bürgern erreicht werden."

Ein halbes Jahrhundert nur zu Gast

Ein Tusch und schepperndes Blech: Zu den ersten Dingen, die Abdullah Saymaz vor einem halben Jahrhundert hörte, als er am Wiener Südbahnhof aus dem Zug stieg, gehörte die Blasmusik. Sie spielte zu Ehren der Gastarbeiter, die aus dem Zug stiegen. Ein Willkommensgruß, eine freundliche Geste.

Die jungen Türken bekamen Buchstaben an den Kragen geheftet, so sollten sie die Autobusse leichter finden. Und für Abdullah Saymaz, Gastarbeiter mit der Listennummer 326, begann am 27. März 1964 ein neues Leben in Wien.

46 Jahre lang sollte Saymaz in derselben Wohnung wohnen. Mit seinem Vermieter, einem "einheimischen Österreicher", versteht sich der Pensionist bis heute gut. Wie Saymaz kamen 1964 Tausende Türken nach Österreich – die Republik hatte ein Anwerbe-Abkommen mit der Türkei unterzeichnet.

400 Interviews

Dass Saymaz’ Geschichte erzählt werden kann, ist Hüseyin Simsek zu verdanken. 2014 packte der Autor und Journalist die Geschichten von insgesamt fast 400 Interview-Partnern mit jeder Menge Zahlen in ein Buch. "50 Jahre Migration aus der Türkei nach Österreich" ist nun übersetzt und im renommierten LIT-Verlag erschienen.

"Ich fand es bedauerlich, dass in diesen 50 Jahren über die Türkeistämmigen nur sehr wenig und auf lokaler Ebene geforscht wurde", sagt Simsek im KURIER-Gespräch.

Seine Arbeit liefert neben persönlichen Erfahrungen auch Analysen und Fakten.

Eine der Hauptaussagen: Es kann nicht von den Türken gesprochen werden. Nicht zuletzt deshalb schreibt der Autor konsequent auch von "Türkeistämmigen".

Denn aus der Türkei kamen nicht nur Türken nach Österreich, sondern auch Kurden, Zazas, Araber, Armenier und Assyrer. Und nicht alle waren Muslime, es wanderten auch Assyrer, Christen und Jesiden zu.

Dass die Muslime untereinander sehr verschieden sind und sich Schiiten und Aleviten von Sunniten deutlich unterscheiden, macht die Sache nicht einfacher.

Mitunter wurden die Hoffnungen und Erwartungen, die die Zuwanderer gehegt haben, enttäuscht.

Der aus Mardin stammende Assyrer Yusuf Hattatoglu zum Beispiel kam 1971 nach Wien. Er kam um zu studieren – als einer der wenigen. Bis heute verfügen nur drei Prozent der Türkischstämmigen über einen Universitätsabschluss. Hattatoglu zum Beispiel wollte Arzt werden. Doch da die Medizinische Universität ihn damals nicht zum Studium zuließ, wurde er Krankenpfleger – und lebt bis heute in Wien.

Wie Hattatoglu und Arbeiter Saymaz konnten oder wollten viele andere selbst nach der Pensionierung nicht wie geplant in die Heimat zurückkehren. "Die Kinder und Enkelkinder hatten sich hier längst eingelebt", erklärt Buch-Autor Simsek. "Also verlängerte die Großeltern-Generation die Urlaube. Im Schnitt verbringen sie bis heute vier bis sechs Monate pro Jahr in ihrer ehemaligen Heimat." Seine süffisante Zusammenfassung: "Die ehemals saisonalen Arbeitskräfte, machen nunmehr saisonal begrenzte Rückreisen." Aber auch die jüngeren Generationen würden regelmäßig in die Türkei fahren.

Etwas melancholischer beschreibt das der Vater des berühmten deutsch-türkischen Regisseurs Fatih Akin: "Es gibt keine Rückkehr mehr. Es war einmal. Anfangs dachten wir, drei Jahre Arbeit und dann zurück. Nun kehren höchstens unsere Leichen in Särgen zurück."

Mit ein Grund, warum die ursprünglich geplante Rückkehr so oft nicht erfolgte ist auch, dass sich die Kinder-Generation beruflich von den Eltern emanzipierte. Während die erste Generation insbesondere als Maurer, Textilarbeiter oder Zimmermann werkte, sind Türkeistämmige nun in jedem Berufszweig zu finden. Laut Simsek gibt es in Österreich 6500 Mittel- und Großbetriebe, die von Türkeistämmigen gegründet wurden.

Die Wirtschaft, das ist das eine. Hinzu kommt die Politik. "Ich stelle einen gegenseitigen Vertrauensverlust fest", sagt Autor Simsek. "Zwar wurden jetzt drei Abgeordnete mit türkischen Wurzeln ins Parlament gewählt, aber das ist zu wenig. Wir müssen uns als Türkei-stämmige mehr in die Gesellschaft einbringen."