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Presseschau
05/24/2016

Wahl-Reaktionen: "Österreich ist kein Land voller Nazis"

Erleichterung und Sorge im Ausland: Von Pyrrhus-Sieg, kaltem Bürgerkrieg und Hofer-Effekt ist die Rede – vor allem in Deutschland.

von Evelyn Peternel

Geht es nach der Auslandspresse, so scheint die "Versuchsstation des Weltuntergangs", wie Karl Kraus Österreich einst nannte, durch die Wahl Alexander Van der Bellens noch nicht ganz verloren. Beschädigt sei das Land aber durchaus, ist fast überall zu lesen: Österreich sei "um Haaresbreite an einem politischen Desaster vorbeigeschrammt", schreibt etwa der deutsche Tagesspiegel – sollte Kanzler Kern das "Patt zwischen beiden Lagern" nicht auflösen, läge der "Druck eines kalten Bürgerkrieges" auf dem Land. Die Befürchtung, dass Van der Bellen nur einen Pyrrhus-Sieg errungen hat, hegen auch andere Kommentatoren. Für die FAZ konnte er nur gewinnen, weil seine Wähler eines einte: "Hofer zu verhindern." Diese "Hypothek", so schreiben die Stuttgarter Nachrichten, werde er "mit in die Hofburg nehmen".

"Deutschland zuerst!"

Die Bild-Zeitung erinnerte daran, dass der Hofer-Effekt auch Deutschland drohe, zumal die beiden Länder ja eine dunkle Geschichte eint. Um dies zu sehen, müsse man nur den FPÖ-Wahlspruch einem deutschen Kandidaten in den Mund legen: Der Satz "Deutschland zuerst!" würde dazu führen, das im Land der "Teufel los" sei – und das zu Recht, schreibt das Blatt. Deutlich polemischer geht die kleine Schwester der Bild, die BZ, mit Norbert Hofer um – sie zeigte ihn am Titel mit ausgestrecktem Arm und den Worten "Er ist wieder weg"; eine platte und vielfach kritisierte Anspielung auf den Hitler-Film "Er ist wieder da".

Ohnehin sind deutsche Medien, was die Verortung der FPÖ betrifft, radikal. Vielfach ist von der "rechtsextremen FPÖ" zu lesen; die Süddeutsche nennt Hofer einen "Faschisten österreichischer Prägung". Gleichzeitig wird aber davor gewarnt, das auf seine Wähler zu übertragen: "Österreich ist verunsichert, aber keineswegs so rechts, nicht einmal so konservativ, wie man es sich in Deutschland gern einredet. Schon gar nicht ist es ein Land voller Nazis", so die Berliner Zeitung.

"Paradoxes Ergebnis "

Auch die italienische La Stampa weist darauf hin, dass die Verhältnisse in Österreich komplexer sind, als man glauben mag. "Es ist ein paradoxes Wahlergebnis. Ein Mann außerhalb des Systems rettet das System, indem er die Stimmen der beiden Traditionsparteien (...) erobert." Dass SPÖ und ÖVP nun mit Van der Bellen für eine neue Politik sorgen müssen, ist für alle Kommentatoren klar. Der Guardian sieht für die europäische Politik sonst eine "schwarze Zukunft" heraufdräuen, ebenso wie die NZZ. "Wer das ewig gleiche Programm abspielt, droht, nicht nur das Wahlresultat, sondern auch die Botschaft der Wahlberechtigten zu verschlafen." Symbolhaft dafür, so die Schweizer Zeitung, sei die ORF-Berichterstattung gewesen. "Irgendwie passte das. Als die Zuschauer an ihren Fingernägeln knabberten und auf die Verkündung des Wahlresultates warteten, zeigte der ORF ungerührt die bayrische Alpenserie ,Weissblaue Geschichten‘."

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