Politik | Inland
08.10.2018

Vorbild London: Aktionsplan für Brennpunktschulen

Bund, Länder, Pädagogische Hochschulen und Schulaufsicht wollen mit einem Projekt 501 Schulen helfen.

Bildungsminister Heinz Faßmann hat in ganz Österreich 501 Schulen identifiziert (siehe Grafik unten), denen mit einer Art Nachhilfeprojekt geholfen werden soll. Diese Schulen bleiben bei den Bildungs-Vergleichstests nicht nur regelmäßig unter dem Österreich-Schnitt, sie schneiden sogar noch schlechter ab, als aufgrund ihrer bildungsfernen Schülerschaft ohnehin zu erwarten wäre. Das Projekt für diese „Brennpunktschulen“ lehnt sich eng an ein erfolgreiches Modell aus dem Vereinigten Königreich an.

London Challenge

Denn die europäischen Städte haben alle ein ähnliches Problem: Die starren Schulsysteme waren auf den gesellschaftlichen Wandel durch die globalisierte Migration nicht vorbereitet. Besonders arg war es in London Ende der 1990er-Jahre: Praktisch alle Schulen waren im Leistungsvergleich unterdurchschnittlich, der Londoner Schulsprengel war der schlechteste in ganz Großbritannien.

2003 wurde die Londoner Schulreform – die „London Challenge“ – gestartet. Nach nur fünf Jahren zeigten sich erhebliche Fortschritte – und das nachhaltig bis heute, Jahre nach Projektende.

Großbritannien hat ein grundlegend anderes Bildungssystem“, erklärt die Bildungsexpertin Heidi Schrodt, die das Londoner System intensiv studiert hat. „Die Schule beginnt mit vier Jahren, es gibt eine gemeinsame Schule bis 16 und dann einen standardisierten Test zur Mittleren Reife, der von unabhängigen Prüfern durchgeführt wird. Damit sind die Ergebnisse im ganzen Land transparent und vergleichbar.“

Damals hatte der britische Labour-Premier Tony Blair den Startschuss für die Reform gegeben. „Es begann mit einem großen Organisationsentwicklungsprozess und einem Bündel an Maßnahmen. Zuerst wurden die Lehrer auf den aktuellen pädagogischen Stand gebracht, um die Unterrichtsqualität zu verbessern. Dann hat jede Schule einen wissenschaftlichen Prozessbegleiter bekommen, der für jeden einzelnen Standort einen spezifischen Entwicklungsplan ausgearbeitet hat. Schließlich wurden jeweils zwei Schulen zusammengebracht, die ähnliche Schülerpopulationen, aber ganz unterschiedliche Ergebnisse hatten. Die haben einander dann gegenseitig geholfen und unterstützt.“

Wesentlich war ein Fokus auf den einzelnen Schüler. Über Lernstands-Diagnosen wurde versucht, jedes einzelne Kind so weit wie möglich zu bringen – immer mit höchsten Erwartungen: „Jedes Kind sollte für den Sprung an eine Uni vorbereitet werden, auch wenn das letztlich nicht möglich war – den Briten war wichtig, von jedem Kind Höchstleistungen zu erwarten.“

In Österreich startete das Projekt „Grundkompetenzen absichern“ noch unter der damaligen Bildungsministerin Sonja Hammerschmid: Die Daten zeigten, dass ein Anteil von 15 bis 25 Prozent aller Schüler bei den Überprüfungen teils große Mängel bei den einfachsten Kulturtechniken – den Grundkompetenzen Lesen, Schreiben, Mathematik, Englisch – haben.

Nachhilfe für Schulen

Nach Runden Tischen in allen neun Bundesländern mit Experten der Schulaufsicht und der Pädagogischen Hochschulen wurden die Ziele für jedes Bundesland und jede Schule, die am Projekt teilnimmt, definiert – und das Projekt gestartet: Wie in London werden Expertenteams in die betroffenen Schulen geschickt, sowie Fachleute für Schulentwicklung und Fachdidaktik (wie man lernt und lehrt) aus den Pädagogischen Hochschulen und Schulpsychologen. Diese Teams sind ständig angehalten, die Nachhilfe-Pläne für jeden einzelnen Standort weiterzuentwickeln. Darüber hinaus gibt es einen Beirat aus internationalen Wissenschaftern.

Was sich vom Londoner Modell unterscheidet, ist die Transparenz – in England sind Ergebnisse aller Schulen jederzeit einsehbar. Diese Kultur gibt es in Österreich nicht. Hier werden Bildungsdaten bestenfalls pro Bundesland veröffentlicht.

Ein weiterer Unterschied: Die Briten waren beinhart – wenn ein Schulstandort keine Verbesserungen zeigt, wurden auch Lehrer entlassen, Schulschließung angedroht – und notfalls Standorte geschlossen.

Ergebnisse kann Bildungsminister Faßmann noch keine vorlegen, zu jung ist das Projekt. Es sollten sich aber bald Verbesserungen bei den jährlich stattfindenden „Bildungsstandard“-Tests bemerkbar machen. Das sind jährlich stattfindende Überprüfungen aller Schüler der vierten bzw. achten Schulstufe (rund 80.000 Schüler). Getestet wird jeweils in Deutsch, Englisch und Mathematik. Gemeinsam mit anderen Vergleichstests – inklusive dem alle drei Jahre stattfindenden PISA-Test der OECD – ergibt sich so ein tiefer Einblick ins Schulsystem.

Schwachstellen finden

Für Faßmann ist klar, dass sich nur mit „mehr von allem“ – mehr Ressourcen, mehr Sozialarbeitern, mehr Teamteaching – die Schwachstellen im System nicht lösen werden: „Wir müssen die Strukturen an den jeweiligen Schulen und deren Schwachstellen genau anschauen, sonst werden wir weiterhin nur die Symptome lindern, aber nie die ursächlichen Probleme angehen.“

Die von Faßmann vor einer Woche vorgelegte Pädagogik-Reform soll das Projekt ebenfalls unterstützen – durch die Rückkehr der Leistungsgruppen, klare Notengebung, aber auch dadurch, dass Lehrer nun Schüler zur Gratis-Nachhilfe am Nachmittag verpflichten dürfen.