Politik | Inland
09.08.2017

Umfragen-Krieg in Wien: Wer profitiert?

Einmal ist knapp die ÖVP vorne, dann wieder deutlich die SPÖ – eine Expertin erklärt.

67 Tage vor der Wahl tobt in Wien ein Umfragekrieg. Auslöser ist eine Umfrage von research affairs, die vergangene Woche veröffentlicht wurde. Das Ergebnis versetzte die Wiener SPÖ in Aufruhr, da die ÖVP mit 28 Prozent noch vor der SPÖ mit 27 lag. Am Mittwoch konterte die Wiener SPÖ mit einer ifes-Studie, wonach die Roten bei 34 Prozent und die Schwarzen doch nur bei 22 Prozent liegen.

Zwei Umfragen mit völlig konträren Ergebnissen, wie kann das möglich sein?

Die Politikwissenschaftlerin Kathrin Stainer-Hämmerle erklärt im Gespräch mit dem KURIER: Erstens müsse man Anzahl der Befragten und die Art der Befragung vergleichen. Bei der ÖVP-Studie wurden 600 Personen in ganz Österreich online befragt; bei der SPÖ-Studie 800 Personen nur in Wien online und via Telefoninterviews.

Weiters sei wichtig, wie die genaue Fragestellung lautet.

Dann, erklärt die Expertin, müssten die Rohdaten eruiert werden: Sehr viele der Befragten würden gar keine Auskunft geben, etwa weil sie noch unentschlossen sind. Somit könnte sich zeigen, dass dem Wiener Teilergebnis nur die Aussagen von vielleicht 70 bis 80 Personen zugrunde liegen, die dann hochgerechnet werden. Das, so Stainer-Hämmerle, sei auch noch nicht per se unseriös, allerdings erhöhe sich dadurch die Schwankungsbreite massiv – auf plus/minus acht oder mehr Prozent oder mehr. Auch das müsse ausgewiesen werden.

Wenn allerdings einem Ergebnis von 28 zu 27 Prozent eine sehr große Schwankungsbreite zugrunde liegt, ist die eigentliche Aussage jedenfalls in Zweifel zu ziehen. Denn bei acht Prozent Schwankungsbreite wäre ja auch ein Ergebnis von 20 Prozent zu 35 Prozent, oder aber 36 Prozent zu 19 Prozent, möglich.

Erwähnt werden müsse auch der Zeitpunkt der Befragung. Denn Umfragen seien immer nur eine Momentaufnahme, und keine Prognose für die Zukunft, betont die Expertin. In der Zwischenzeit hab sich zum Beispiel der Ex-Grüne Peter Pilz für eine Kandidatur mit eigener Liste entschieden.

Aber wem nützen gute oder schlechte Umfragen eigentlich?

"Grundsätzlich sind knappe Umfrageergebnisse für die Parteien immer besser, weil Wähler damit besser mobilisiert werden können", sagt Stainer-Hämmerle. Wenn Sympathisanten sehen, dass ihre Partei in den Umfragen ohnehin weit vorne liege, ist die Gefahr für die Parteien groß, dass sie doch nicht zur Wahl gehen, weil ihr Kandidat ohnehin schon als Sieger feststehen würde.

Als Beispiel nennt die Expertin die Landtagswahl in Tirol anno 2008. Damals lag die ÖVP unter Herwig van Staa in allen Umfragen deutlich und mit absoluter Mehrheit vorne. Das habe viele schwarze Wähler dazu bewogen, erst gar nicht zur Wahl zu gehen. Van Staas ÖVP gewann die Wahl - allerdings mit einem satten Minus von 9,4 Prozentpunkten und dem Verlust der absoluten Mehrheit. Van Staa tobte damals und wollte das Publizieren von Umfragen vor Landtagswahlen verbieten lassen.

"Kurz braucht das, denn die ÖVP muss sich ihm derzeit unterwerfen"

Bundesweit führt die Kurz-ÖVP derzeit in allen Umfragen deutlich. Könnte das für den jungen ÖVP-Obmann zum Problem werden?

"Kurz braucht das, denn die ÖVP muss sich ihm derzeit unterwerfen, und das machen die Funktionäre nur, wenn ein fulminantes Ergebnis in Aussicht ist. Andernfalls müsste Kurz mit deutlich mehr Turbulenzen aus den eigenen Reihen rechnen. Die guten Umfrageergebnisse können aber auch dazu führen, dass potenzielle ÖVP-Wähler erst gar nicht zu Wahl gehen."