Politik | Inland
14.06.2018

"Tschetschenischer Terrorist": FH rügt eigenen Professor

Politologe Schmidinger wirft Kollegen ausländerfeindliche Frage vor. FH geht auf Distanz: "Rassistische Fragestellung".

Islam-Experte Thomas Schmidinger ist verwundert. "Das ist eine skandalöse und bizarre Fragestellung", sagt Schmidinger zum KURIER. Es geht um eine Prüfungsfrage des Politikwissenschaftlers Michael T., der an der Fachhochschule des Wiener Bildungsförderungsinstituts (BFI Wien) unterrichtet. "Stellen Sie sich vor, Sie sind ein tschetschenischer Terrorist, und man stellt Sie vor die Wahl, einen russischen Panzer in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny oder ein Kino in Moskau in die Luft zu sprengen. Was werden Sie tun?", fragt FH-Professor T. seine Studenten.

Schmidinger veröffentlichte die Prüfungsfrage am Mittwoch auf Facebook. Davor habe Schmidinger, selbst Politikwissenschaftler, seinem Kollegen T. ein E-Mail geschickt, aber keine Antwort erhalten. Studenten hätten ihn gebeten, etwas zu machen, weil "sie sich nicht trauen, namentlich an die Öffentlichkeit zu gehen". Die FH des BFI in Wien-Leopoldstadt hat viele Studenten mit Migrationshintergrund – auch mit tschetschenischen Wurzeln.

Die Prüfungsfrage von T. nennt Schmidinger "ein absolutes Negativbeispiel" für Ressentiments, denn Terrorismus werde "einer bestimmten ethnischen Gruppe zugeschrieben". Außerdem sei es pädagogisch fragwürdig, dass Studenten sich in einen Terroristen versetzen sollen. Die Zuschreibung habe "dazu geführt, dass sich tschetschenische Studierende angegriffen gefühlt haben. Außerdem sind sie danach in der Gruppe (der FH-Studierenden, Anm.) brüskiert und lächerlich gemacht worden", sagt Schmidinger. Die FH solle die Angelegenheit offiziell untersuchen.

Auf Anfrage des KURIER gab sich Michael T. betont gelassen und verwies an die Pressestelle der FH. "Die Leitung der Fachhochschule verurteilt rassistische Fragestellungen", teilten FH-Geschäftsführerin Eva Schießl-Foggensteiner und Elisabeth Springler, Leiterin des Studiengangs, an dem T. lehrt, dem KURIER schriftlich mit. Man lege Wert auf ein weltoffenes, internationales Klima. "Diese genannte Prüfungsfrage entspricht in keiner Weise diesen Wert-Anforderungen."

Zum Kontext der Frage teilte die FH außerdem mit, dass Prof. T. Experte für Terrorismusforschung ist. Er selbst wird so zitiert: "Es lag und liegt nicht in meiner Absicht, mit dieser Fragestellung bestimmte Ethnien, Personen und Kulturen zu diskriminieren und gängige Klischees zu bedienen. Vielmehr zielte die Fragestellung auf die Symbiose Medien und Terrorismus ab. Ich erkenne heute, dass sie nicht adäquat gestellt wurde und damit Gefühle verletzt hat."

Die FH würde die betroffene Lehrveranstaltung bereits überarbeiten, hieß es weiter. Ob damit wieder Ruhe an der FH einkehrt, scheint aber nicht sicher. Schmidinger sagt, auch andere FH-Studenten mit Migrationshintergrund seien mittlerweile auf ihn zugekommen. Sie wollten ihm bald "eine ganze Liste" problematischer Äußerungen von T. zuschicken.

Am Donnerstag reagierte die FH auch darauf. Studierende, die diskriminierende Äußerungen erlebt haben, "sollten sich unbedingt an unsere Antidiskriminierungsbeauftragte" wenden, sagte FH-Geschäfsführerin Schießl-Foggensteiner. Die Informationen würden natürlich vertraulich behandelt werden.