© Kurier/Gerhard Deutsch

Politik | Inland
05/15/2019

Tom Waitz: "Ich wäre als furchtbarer Realo davongejagt worden"

Der grüne EU-Kandidat Tom Waitz über chilenische Mangos, 12 Euro teure Hühner und einen ungarischen Bauchfleck

"Wahlkampf, Wahlkampf, Wahlkampf" – so beschreibt Thomas Waitz derzeit seinen Alltag. Sechs Tage pro Woche tourt er durch Österreich, um für die Grünen, für die er seit 2017 im EU-Parlament sitzt, um Stimmen zu werben. Mit dem Zug ist Waitz von Graz nach Wien gekommen, um Maturanten des BORG-Mistelbach Rede und Antwort zu stehen.

Jasmin will wissen, was der Listenvierte tut, um auf sich aufmerksam zu machen. Waitz bekommt, wie er sagt, sehr viele Zuschriften und Zuspruch, weil er viel auf „"Facebook und Instagram macht. In eineinhalb Jahren schafft man sehr vieles, aber nicht alles".

Seit eineinhalb Jahren sitzt er statt der ehemaligen Grün-Spitzenkandidatin Ulrike Lunacek im EU-Parlament und weiß, der "jetzige Wahlkampf ist auf die Nummer eins und zwei der Liste" zugeschnitten, denn: Nur Spitzenkandidat Werner Kogler und eventuell Sarah Wiener haben realistische Chancen, nach dem 26. Mai ein Mandat zu erlangen. Er ist trotz dieser Ausgangslage mehr als motiviert. Es gehe um die grüne Idee.

Gemeinsame Arbeitslosenversicherung

Europa soll eine "Friedens- und Diplomatiemacht" sein, so Waitz, der einer EU-Armee, wie von den Neos vorgeschlagen, nichts abgewinnen kann. Ob er einer gemeinsamen europäischen Fiskalpolitik etwas abgewinnen kann, will Maturant Aron wissen. "Unbedingt! Die Finanzkrise 2008/2009 ist deshalb entstanden, weil die meisten Länder der EU eine gemeinsame Währung, aber keine gemeinsame Steuer- und Wirtschaftspolitik haben. Nur so konnte gegen einzelne EU-Länder spekuliert werden. Genau hier sieht man die Schwäche unseres Systems. Dass wir in der Steuerpolitik keine Mindeststandards haben."

Das habe zur Folge, dass Firmen einzelne Länder gegeneinander ausspielen. Unternehmen, die hierzulande eine Fabrik bauen wollen, erzählt Waitz, "erfahren, dass es in Österreich eine Körperschaftssteuer von 25 Prozent gibt. Dann gehen sie weiter in die Slowakei. Dort gibt es das Sonderangebot 10 Prozent Flat Tax. Das reicht immer noch nicht. Dann fragen sie in Ungarn an. Dort kommt der Bauchfleck: Zehn Jahre Steuerbefreiung, und bitte dürfen wir euch die Straße auch noch zum Betriebsgelände hinbauen". Deshalb müsse die EU einheitliche Mindeststandards einführen, und Unternehmen ihre Steuern dort abführen, wo die Gewinne erwirtschaftet werden.

Hanna will vom Biobauern Waitz erfahren, "wie es mit den großzügigen EU-Förderungen in der Landwirtschaft weitergehen soll"?

17 Cent pro Kilo Erdäpfel

80 Prozent der Förderungen gehen, so Waitz, "zu Großbetrieben und in die Agrarindustrie: Dort müssen wir auf jeden Fall runterkürzen. Österreichs Bauern können von ihrem Produkt nicht mehr leben, sondern nur mehr von den Förderungen". Diese müssten aber an die Erwartungen, die die Gesellschaft an sie hat, "gebunden werden"- wie Wasser, gesunde Luft, gesunde Lebensmittel.

Man müsse insbesondere "die Biodiversität und den Klimawandel berücksichtigen". Was er damit meint, führt der Grüne sogleich aus. "Heute ist die Landwirtschaft Teil des Problems mit Kunstdünger, Pestiziden, Monokulturen. Dabei könnte die Landwirtschaft Teil der Lösung sein, würde man Kunstdünger durch Gründünger ersetzen, würden Pflanzen CO2 aus der Luft sammeln und wieder in den Boden bringen".

Waitz selbst ist als Biobauer von dem Förderungsproblem nicht betroffen, da er eine Forstwirtschaft und Imkerei betreibt, alles direkt vermarktet. Ganz anders die Situation der Erdäpfelbauern, die jüngst auf die Straße gingen, wie Waitz weiß. "Sie bekommen 17 Cent pro Kilo Erdäpfel. Wenn bei der Produktion etwas schiefgeht, dann verdienen sie gar nichts mehr daran. Wenn den Bauern ein fairer Preis bezahlt wird, dann brauchen sie auch keine Förderungen mehr."

"Wenn ein ganzes Huhn im Supermarkt 10 bis 12 Euro, ein Bio-Huhn auf 14 oder 15 Euro kostet, dann ist das in Ordnung. Ich war letztens in der Ukraine, um mir die Produktion dort anzusehen. Für die Gastronomie kauft man in Österreich Hühnerbrüste um 7 oder 8 Euro ein, die ukrainischen werden um 2 Euro 99 angeboten." Man müsse sich fragen, ob die Welt noch in Ordnung sei, "wenn ein Kilo Huhn weniger koste als ein Kilo Gemüse."

"Kritischen Blick nicht an der Garderobe abgeben"

Ob Veganismus als Waffe gegen den Klimawandel ein probates Mittel ist, will Linda von Waitz wissen. "Es macht Sinn, sich die Frage zu stellen, wie gebe ich mein Geld aus und wie trage ich selbst durch meinen Konsum zum Klimawandel bei. Ich plädiere - nur, weil man sich entscheidet vegan zu sein - den kritischen Blick nicht an der Garderobe abzugeben. Es hilft mir nicht viel, wenn ich mich erst biologisch ernährt habe, dann auf vegan umsteige und dann im Supermarkt lauter Fertigprodukte kaufe, die voll mit Konservierungs- und Geschmacksstoffen und möglicherweise Palmöl sind, das wiederum auf Flächen angebaut wird, wo vorher Urwald abgeholzt wurde."

Wenn nur auf Wiesen und mit Heu tierische Lebensmittel produziert werden sollen, dann hieße das, dass die Bevölkerung jedenfalls zwei Drittel weniger davon konsumieren wird können. "Deshalb hilft jeder, der sich vegetarisch oder vegan ernährt," so Waitz. Mit einer Einschränkung allerdings: dem ökologischen Fußabdruck. "Bevor ich mir eine chilenische Bio-Mango kaufe, kaufe ich mir lieber einen steirischen Apfel. Der ist ökologischer, obwohl er vielleicht nicht biologisch erzeugt wurde."

Niki will zu guter Letzt wissen, wie Waitz zum grünen Hippie-Image steht. Der Gefragte zieht eine Parallele zur Gegenwart. Die Hippiebewegung habe in den 1970ern Strukturen aufgebrochen, langfristig die richtigen Fragen gestellt und sich gefragt, "wie man mit der Natur in Einklang leben kann".

Genau vor diesem Problem stehe man heute, in Zeiten des Klimawandels, wieder, so Waitz, der mit einem Schmunzeln sich selbst attestiert: "Ich wäre in den 70er Jahren als furchtbarer Realo davon gejagt worden."