Südtiroler Schul-Freiheit

Dr.in Sonja Hammerschmid, Bundesministerin für Bil…
Foto: /BMB/ © Ludwig Thalheimer Hammerschmid besuchte die Goetheschule in Bozen

In Südtirol zeigt sich, was alles möglich ist, wenn man die Schulen nur lässt.

So etwas haben die Bildungssprecher der Parteien und die Bildungsministerin auch noch nicht gesehen: Die Goethe-Grundschule in Bozen ist eine autonome Schule im Verbund mit zwei weiteren Grundschulen in der Nähe; Insgesamt rund 500 Schüler werden an den drei Standorten unterrichtet. Die Kinder können in den Ganztagsschulzweig gehen, oder nur halbtags die Schule besuchen. Rund 15 Prozent der Schüler werden alternativ unterrichtet, im reformpädagogischen Zweig.

Die Schule ist wie jede Schule in Südtirol eine Inklusionsschule, also auch Kinder mit "besonderen Bildungsbedürfnissen" sind im Regelschulbetrieb. Sonderschulen sind in ganz Italien gesetzlich in den späten 1970er-Jahren von heute auf morgen abgeschafft worden. Und natürlich ist die Grundschule als Teil des Schulsystems einer Gemeinsamen Schule, die fünf Jahre dauert, und auf die die dreijährige Mittelschule folgt (mit einer staatlichen Abschlussprüfung). Danach folgen, ähnlich wie in Österreich, je nach Wunsch und Begabung Gymnasien oder Fachoberschulen, Berufsschulen und Lehre. Ministerin Sonja Hammerschmid hat die Kollegen aus dem parlamentarischen Bildungsausschuss nach Südtirol eingeladen, um dieses System kennenzulernen. Denn der Erfolg gibt den Südtirolern Recht, zumindest beim PISA-Test. Obwohl die Schülerpopulation ähnlich ist, schnitten die Nord- und Osttiroler teils deutlich schlechter ab, als die Südtiroler. Risikoschüler gab es im Norden rund 31 Prozent, in Südtirol nur die Hälfte, 15,9 Prozent. Für Hammerschmid soll das Südtiroler Modell auch Vorbild für Österreich sein. Vor allem die Schulverbände seien ein gutes Beispiel für die nun geplante Reform, mehrere Schulen unter einer Leitung, die Mittel und Lehrkräfte werden geteilt.

Dr.in Sonja Hammerschmid, Bundesministerin für Bil… Foto: /BMB/ © Ludwig Thalheimer

Standort entscheidet

Vorbild ist aber vor allem die Autonomie der Schulen, die den Schulleitern seit einer Reform Ende der 1990er-Jahre viel Spielraum lässt, wie sie den Schulalltag gestalten wollen. So kann es eben sein, dass wie an der Goethe-Grundschule Inklusion, Halb- und Ganztagsschule und Reformpädagogik nebeneinander existieren. Bildung hat in Südtirol einen hohen Stellenwert, bestätigt auch Landesrat Philipp Achammer. "Das war schon bei meinen Vorgängern so, Bildung ist wesentlich für die Entwicklung der Region. Bei den notwendigen Personaleinsparungen in den vergangenen Jahren war der Bildungsbereich als einziger immer ausgespart", erzählt der Politiker der dominierenden Volkspartei.

Das gehe so weit, dass auch Kleinschulen mit zehn Kindern in den Bergdörfern nicht infrage gestellt werden, und auch der Transport der Kinder von den höher gelegenen Bergbauernhöfen organisiert wird. Doch die Politiker in Bozen würden unter den Ministern im fernen Rom mitunter auch leiden, die im Schnitt nur 2,5 Jahre im Amt seien und in dieser Zeit oft zuerst versuchen, die Reformen der Vorgänger rückgängig zu machen und dann eigene, oft nicht durchdachte Reformen beschließen. Auch Hammerschmid will ja die maximale Klassengröße von 25 Schülern, die von ihrer Vor-Vorgängerin Claudia Schmied beschlossen wurde, rückgängig machen, damit die Standorte ihre Mittel flexibler einsetzen können. Man wird sehen, ob sich ihr Reformvorhaben behaupten kann.

Nachgefragt bei Bilungsministerin Sonja Hammerschmid

KURIER: Die Gewerkschaft kritisiert, dass  durch Ihren Reformplan keine  Individualisierung möglich wäre, wenn in den Klassen mehr als 25 Schüler erlaubt  werden.
Sonja Hammerschmied: Das sehe ich ganz anders. Wir wollen ja Gestaltungsspielräume an den Schulen schaffen, damit sich diese pädagogisch neu aufstellen können. Da gibt es auch viele internationale aber auch österreichische Beispiele. Wenn man vom themenspezifischen Unterricht spricht, kann ich den künftig anders gestalten. Ich kann beginnen z. B. mit einer Vorlesung für viele Kinder, und dann in Kleingruppen arbeiten lassen.

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass die Stimmrechte von Lehrern, Eltern und Schülern  im Schulgemeinschaftsausschuss beschnitten werden sollen.
Die Leiter der autonomen Schulen werden für die Ergebnisse ihres Standortes verantwortlich gemacht, daher müssen sie  gewisse Entscheidungen alleine treffen können. Sonst wird das nicht funktionieren. Denn wenn die Schule nicht die Leistung erbringt, wen soll ich dann zur Verantwortung ziehen, etwa den Schulgemeinschaftsausschuss?

Sie waren jetzt in Südtirol, wo Inklusion, Ganztagsschule und die Gemeinsame Schule umgesetzt wurden. Ist das ein Vorbild für Österreich?
Die Südtiroler haben dazu noch die Autonomie an den Standorten, die gelebt wird. Daraus können wir viel lernen.  Südtirols Schulsystem ist für mich schon ein Vorbild. Die Gemeinsame Schule bleibt ein Anliegen der Sozialdemokratie, aber jetzt konzentriere ich mich einmal auf die Schulautonomie.

Vorbild auch beim Thema  Inklusion, keine Sonderschulen und alle Kinder im Regelsystem?
Ich will auch das Thema Inklusion angehen. Wir haben derzeit drei Modellregionen in Teilen Tirols, der Steiermark und Kärntens, wo es keine Sonderschulen mehr gibt, und alle Kinder im Regelschulwesen sind.  Mein Ziel ist es, mittelfristig, wie in Italien, dass Inklusion gelebt wird. Hier stellt das auch keiner mehr infrage.

(kurier) Erstellt am
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