Politik | Inland
10.12.2017

SOS: "Hatten noch nie so viele Kinder, die nicht lesen können"

Direktorin Andrea Walach löste im KURIER eine Debatte über die horrenden Mängel in Wiens Schulen aus. Im Gespräch mit dem ÖVP-Bildungsexperten Andreas Salcher schlägt sie neuerlich Alarm: "Wir haben heuer in der ersten Klasse Mittelschule Bilderbücher für Volksschüler angefordert.".

Sie ist seit fast zwanzig Jahren Direktorin in einer Brennpunktschule in Wien, er ist einer der Architekten der Reformpläne im Bildungsbereich: Der KURIER bat NMS-Direktorin Andrea Walach und den ÖVP-Bildungsexperten Andreas Salcher zum Streitgespräch.

KURIER: Stimmt es, dass viele Schüler die Schulpflicht beenden, ohne die Grundfertigkeiten in Lesen, Schreiben und Rechnen zu beherrschen?

Walach: Das trifft zu. Wir haben am Ende der Volksschule viele Kinder, die nicht lesen können, und in den NMS zieht sich das fort.

Haben Sie konkret Schüler aus den Volksschulen bekommen, die nicht gut Lesen können?

Walach: Dieses Jahr haben wir das so dramatisch wie noch nie erlebt: Von 68 neuen zehnjährigen Kindern können nur vier durchschnittlich sinnerfassend lesen. Einige Kinder können gar kein Deutsch. Wir haben jetzt Bilderbücher für Volksschüler angefordert.

Herr Salcher, wieweit ist dieses Problem der Politik bewusst, oder denken Sie, dass die Schule von Frau Walach ein Sonderfall ist?

Salcher: Die Schule ist leider kein Sonderfall. Ich habe vor zehn Jahren im Buch über den "Talentierten Schüler und seine Feinde" beschrieben, dass 21 Prozent der Kinder nach neun Jahren Schule nicht sinnerfassend lesen können. Dieser Prozentsatz ist bis heute festgefroren, trotz teurer Maßnahmen wie kleinere Klassen oder Team-Teaching mit zwei Lehrern pro Klasse in den NMS.

Walach:Also uns haben die zusätzlichen Ressourcen an Lehrerstunden sicher geholfen.

Salcher: Es wurde dabei ein Modell von oben aufgesetzt, das generell nicht funktioniert.

Frau Direktor, Sie haben an ihrer Schule freie Hand vom Stadtschulrat bekommen, so zu unterrichten, wie sie es für vernünftig erachten. Gibt es noch Schüler, die ihre Schule ohne ausreichende Grundkenntnisse verlassen?

Walach: Die gibt es nach wie vor. Aber wir sehen es als großen Erfolg an, dass nicht mehr ein Drittel, damals rund 20 Kinder, nach der Schule direkt zum AMS gehen, sondern im vergangenen Jahr nur mehr zwei. Weil wir homogene Kleingruppen machen. Da kann ganz anders unterrichtet werden, und auch der Spracherwerb funktioniert besser.

Salcher: Das ist doch absurd, nur weil jemand so mutig war wie die Frau Direktor, gegen das System aufzubegehren, darf sie jetzt mit einer Sondererlaubnis machen, was sie für richtig hält. Deshalb bin ich auch ein heftiger Verfechter der Autonomie, aber nicht in der aktuell abgespeckten Form, sondern mit mehr Mut und Vertrauen in die Direktoren.

Aber die Kritik, dass Schulen nicht das leisten, was sie leisten sollten, trifft zu?

Walach:Ich denke, man lässt die Schulen nicht das leisten, was sie leisten wollen. Das System schränkt uns sehr ein. Die NMS verbietet ja homogene Leistungsgruppen, wie wir das jetzt bei uns machen. Tatsächlich haben wir aber Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf und Kinder mit AHS-Reife in einer Klasse. Das kann man auch mit zwei Lehrern nicht stemmen.

Salcher: Und im Endeffekt werden dann Kinder ins Leben geworfen, die gar keine realen Lebenschancen haben, am Leben teilzunehmen. Aber wenn wir das Problem der Brennpunktschulen nicht lösen, dann werden Brennpunktbezirke daraus, das kennen wir aus den USA oder aus Deutschland. Dort geht im gesamten Schüler-Umfeld niemand mehr einer geregelten Arbeit nach, da werden Dynastien von Sozialhilfeempfängern produziert.

Wie sieht das Umfeld der Kinder aus?

Walach: Die Eltern sind zuhause und gehen meist nicht arbeiten. Sie übergeben uns ihre Kinder voller Vertrauen und hoffen, dass wir Ärzte oder Anwälte aus ihnen machen, und ziehen sich dann zurück, weil sie sich auch gar nicht mehr kümmern können, weil sie selbst kaum Deutsch können, manchmal nicht einmal Lesen und Schreiben. Das Schulsystem ist aber so konzipiert, dass etwa Hausaufgaben daheim gemacht werden müssen. Wenn sich da aber niemand darum kümmert, funktioniert das nicht. Wir haben auch in diesem Jahr Kinder, die von vielleicht dreißig Hausübungen nur drei auch gemacht haben.

Sind Strafen für Eltern der richtige Ansatz?

Walach: Wenn derzeit Kinder nicht jeden Tag pünktlich in die Schule kommen, gibt es einen unseligen Fünfstufenplan, der angewandt wird, der sich über Monate hinzieht. Die Familien merken da schnell , dass es egal ist, was der Direktor sagt.

Salcher: Die jetzige Idee lehnt sich ja an den Mutter-Kind-Pass an, wo Sozialleistungen daran geknüpft wurden, dass die Kinder regelmäßig untersucht werden. Das wollen wir ausdehnen auf die Mitverantwortung der Eltern bei der Bildung ihrer Kinder und das auch an finanzielle Konsequenzen knüpfen.

Walach: Was leider oft vorkommt ist, dass Projektwochen von Familien verweigert werden, weil sie die 200 Euro dafür nicht zahlen können. Weil die Familienbeihilfe des Kindes für Verwandte oder den Hausbau in Serbien oder der Türkei gebraucht wird. Das sollte verhindert werden können. Die Familienbeihilfe ist ja für das Kind gedacht.

Das sind wir ja beim Problem der ganztägig geführten Schulen, die zu wenig von jenen Kindern genutzt werden, die sie eigentlich bräuchten – einfach weil das Mittagessen zu teuer ist.

Walach: In Indien darf jedes Kind gratis in der Schule essen, möchte ich nur anmerken. Es wäre im Sinne des Kindes, die notwendige Betreuung einfordern zu können. Die haben ja keine Lobby, nur uns.

Salcher: Wir haben eine der höchsten Direkt-Förderungen der Welt bei der Familienbeihilfe, auf der anderen Seite gibt es in den Kindergärten und in den Volksschulen zu wenig Geld. Vielleicht wäre es auch bei uns vernünftig, einen Teil der Kinderbeihilfe für den Zweck der besseren Betreuung der Kinder an den Schulen zu widmen. Vor allem bei jenen Kindern, die eine ganztägige Schule brauchen, hielte ich das für sehr sinnvoll.

Wo wird es überall mehr Geld brauchen?

Salcher:Bei den Kindergärten müssen wir zweifellos mehr investieren, aber nicht unbedingt ins Schulsystem. Das ist schon teuer genug. Wir haben drei tabuisierte Kostentreiber: Erstens sind von 5500 Schulen in Österreich fast 2000 Klein- und Kleinstschulen, mit teils nur 15 Kindern in einer Schule. Dann die Senkung der Klassenschülerhöchstzahl auf 25 Kinder, eine enorm teure Maßnahme, die nachweislich zu keiner Verbesserung geführt hat. Und drittens ein Lehrerdienstrecht, das verhindert, dass Schulleiter ihre Kräfte bündeln können. Da braucht es ein Jahresarbeitszeitmodell.

Der Bund weiß aber gar nicht, wie und wo die Landeslehrer eingesetzt werden.

Salcher: Das ist ein weiterer Punkt, der unglaublich ist. Die wissen das wirklich nicht. Kolportiert wird, dass von den 125.000 Lehrern fünf bis zehn Prozent nicht in einer Klasse unterrichten, sondern anderen Tätigkeiten nachgehen.

Viel Wirbel hat die Idee verursacht, Lehrer "Output-orientiert" zu bezahlen. Wie sehen Sie das?

Walach: Jeder Lehrer leistet jetzt schon einhundert Prozent und wird dafür auch bezahlt. Deswegen verstehe ich den Ansatz überhaupt nicht. Wie soll der Output definiert werden?

Salcher: Im jetzigen System spielt die individuelle Leistung des Lehrers keine Rolle, sondern nur Dienstalter, Schultyp und Unterrichtsstunden. Das muss sich ändern.

Walach: Italien hat keine guten Erfahrungen mit so einem Belohnungssystem gemacht. Da werden die Schulleiter im Lehrerzimmer ziemlich angefeindet.

Salcher: Es geht zum Beispiel darum, dass man in Mitarbeitergesprächen Ziele, auch Fortbildungsziele, definiert, und regelmäßig evaluiert und das Ergebnis der vielschichtigen Arbeit, die der Lehrer geleistet hat, beurteilt. Auch Aufstiegschancen an der Schule muss es geben.

"Kündigung" steht explizit in den Unterlagen zur Bildung, soll da künftig mehr möglich sein?

Salcher: Ziel ist, den Beruf des Lehrers ins 21. Jahrhundert zu bringen. Ein Direktor muss die Möglichkeit haben, einem Lehrer klar zu machen, dass seine Leistung nicht ausreichend ist, und die Möglichkeit bekommen, sich von ihm zu trennen. Warum das bisher ein Tabu ist, ist mir schleierhaft.

Für viel Unruhe sorgt die Ankündigung, Schulergebnisse zu veröffentlichen. Worum geht‘s es da?

Salcher:Studien wie jene der Bertelsmann-Stiftung zeigen, dass sich Schulsysteme am schnellsten verbessern, wenn mit Zahlen, Daten und Ergebnissen von Schulen transparent umgegangen wird. Eltern sollten wissen, wie vergleichbare Schulen abschneiden. Die unterschiedlichen Rahmenbedingungen müssen dabei natürlich berücksichtigt werden. Derzeit bricht immer nur alle drei Jahre ein Hysterie aus, sobald der PISA-Test veröffentlicht wird.

Walach: Sollten nur die Bildungsstandards veröffentlicht werden, wird es Schul-Rankings geben. Oder wird auch einbezogen, was für eine tolle Leistung an einer Schule eigentlich abgeliefert wird?

Salcher: Sie sagten selber, dass an ihrer Schule nicht mehr 30 Kinder direkt zum AMS gehen, sondern nur mehr zwei. Das ist doch ein objektiv sehr gutes Ergebnis.

Walach: Das könnte schwierig werden, wenn wir jetzt so viele Kinder wie noch nie in den ersten Klassen haben, die nicht lesen können.

Salcher: Das zeigt aber nur, dass wir uns alle überlegen müssen, wie wir besser werden können. Wir müssen nämlich besser werden, durch mehr Respekt und Leistungsorientierung. Und Unruhe ist manchmal für eine Veränderung notwendig.