Politik | Inland
17.06.2018

So rüstet sich Grasser für seinen D-Day

Ab Dienstag sagt Karl-Heinz Grasser endlich vor Gericht aus. Das Urteil kommt aber erst im Herbst 2019

Das Bild, das Karl-Heinz Grasser seit 40 Tagen abgibt, erinnert weniger an einen Angeklagten, sondern eher an einen emsigen Musterschüler. Stets perfekt gestylt erscheint er: Anzug, weißes oder blaues Hemd, Manschettenknöpfe, immer dabei eine prall gefüllte Aktentasche.

Jeden der 40 Verhandlungstage startet er mit dem exakt gleichen Ritual: Der 48-Jährige packt einen dicken Aktenordner aus, legt mehrere Stifte sorgfältig in einer Linie auf. Daneben stellt er ein stilles Mineralwasser und eine Dose Red Bull.

Seine Körperhaltung? KHGs Kopf ist meistens gesenkt, er zeigt keinerlei Emotionen, während sein Freund Walter Meischberger die Liechtensteiner Millionenkonten erklärt oder warum er vor den Ermittlern „taktisch aussagte“.

Der Ex-Minister betreibt intensives Aktenstudium, geht die Aussageprotokolle der Hauptverhandlung und die 600 Seiten starke Verteidigungsrede seines Anwaltes durch. Mal unterstreicht er Passagen mit Leuchtstiften in unterschiedlichen Farben, mal macht er sich akribisch Notizen. Detto in unterschiedlichen Farben. Er scheint ein Farbsystem für seine „Gedankensplitter“, wie es sein Anwalt nennt, entwickelt zu haben. Gelegentlich wird das Zusammenfügen dieser Gedankensplitter durch das Eincremen seiner Hände in den Verhandlungspausen unterbrochen.

„Buch? Noch nicht“

Selbst Richterin Marion Hohenecker ist Grassers Verhaltensmuster aufgefallen. Als sie Meischberger über sein Tagebuch (siehe beste Tagebuch-Passagen unten) im Zeugenstand ausquetscht, nutzt sie die Gelegenheit, um mal nachzufragen, was der Ex-Minister denn da so intensiv tue? Meischberger erklärt Hohenecker, dass er seinen Ärger Ausdruck verliehen habe, indem er das Tagebuch geschrieben habe.

„Und Grasser?“, fragt die Richterin. Er kenne dessen Buch nicht, kontert Meischberger.

Die Worte sorgen für Bewegung bei Grasser, er streckt die Arme in die Höhe und blickt ausnahmsweise auf. „Schreiben Sie gerade an einem Buch?“, fragt die Richterin grinsend. Grasser antwortet: „Noch nicht.“

Viel wahrscheinlicher ist, dass er sich wohl auf seine Aussage vorbereitet. Er will auf jedes Detail bei der Befragung vorbereitet sein. Keine Unsicherheiten zeigen. Keine Widersprüche liefern. Es geht um viel. De facto um sein Leben.

In 48 Stunden, am Dienstag, ist es so weit. Grasser ist zwar Hauptangeklagter, war aber bis jetzt nur Nebendarsteller im Großen Schwurgerichtssaal. „Er ist froh, nach neun Jahren Ermittlungen und 40 Verhandlungstagen seine Version der Dinge darlegen zu können“, sagt Ainedter.

Spezielle Vorbereitungen am Wochenende oder am Montag, dem Tag vor dem vorläufigen Höhepunkt des Monsterprozesses, gibt es mit Grasser Anwaltsduo Norbert Wess und Manfred Ainedter nicht mehr. „Karl-Heinz kennt die Wahrheit. Er hat sein Statement schon vorbereitet“, so Ainedter. Mehrere Stunden soll die Erklärung dauern.

Vom Gericht ins Sacher

Ab 9.30 Uhr startet die Grasser-Show. Seine Mission lautet: Zweifel säen beim Schöffensenat und die Anschuldigungen der Justiz entkräften. Der Vorwurf der Ankläger: Grasser habe Meischberger den entscheidenden Hinweis gegeben, dass man mehr als 960 Millionen Euro bieten müsse, um die BUWOG-Wohnungen zu bekommen. Für diesen Freundschaftsdienst soll Grasser 2,5 Millionen Euro auf das Liechtensteiner Konto 400.815 überwiesen bekommen haben.

Gegen 16.30 Uhr wird Richterin Hohenecker Tag eins der Grasser-Aussage beenden. Danach kehrt der Ex-Finanzminister vom Landesgericht ins Hotel Sacher zurück. Im Nobelhotel soll Grasser, der keinen Wohnsitz mehr in Wien hat, während der Prozesstage wohnen. Im Fitnesscenter des Hotels wurde der sehr sportaffine KHG mehrfach beim Training entdeckt.

Warum residiert Grasser ausgerechnet im Hotel Sacher? Das hat einen ganz simplen Grund. Sein Freund und ehemaliger Pressesprecher Matthias Winkler hat die Tochter von Elisabeth Gürtler geheiratet und leitet nun die Nobelhotelhäuser der Familie. Hier im Traditionshaus oder vis-à-vis im Do&Co Albertina kann KHG inkognito die Abende verbringen, weil ihn die Touristen nicht erkennen. In seinem Freund Matthias Winkler findet der Kärntner auch einen vertrauensvollen Gesprächspartner über den Prozess. Denn auch wenn Grasser vor Gericht im Vergleich zu seinem polternden Anwalt Ainedter fast emotionslos wirkt – so ist das eine Fassade für die Medien, berichten enge Freunde des Angeklagten. „Emotional nimmt ihn der Prozess schon mit“, so ein Freund.

Urteil erst Herbst 2019

Eines ist so gut wie fix: Grasser muss sich auf einen langen Aufenthalt im Sacher einstellen. Denn kaum einer im Gerichtssaal rechnet noch damit, dass es in diesem Jahr noch ein Urteil gibt. „Ich gehe nicht vor Herbst 2019 von einem Urteil aus“, so auch die Einschätzung von Ainedter.

Einige Indizien gibt es dafür. Nach 40 Prozesstagen haben immer noch nicht alle Angeklagten ausgesagt. Ist dieser Marathon einmal abgeschlossen, wäre da noch die Zeugenflut: Allein die Staatsanwaltschaft will 166 Personen vor Gericht befragen. Die Liste dürfte von den Angeklagten noch ausgeweitet werden.

Und Marion Hohenecker ist auch Richterin in einem weiteren Verfahren gegen Meischberger und Peter Hochegger. Die Beratungsgesellschaft Valora des Ex-Lobbyisten soll „schwarze Kassen“ gebildet und über diesen Weg Parteien beziehungsweise denen nahestehende Institutionen finanziert haben. Neun Millionen Euro sind in den 2000er-Jahren über die Lobbyisten Peter Hochegger und Walter Meischberger an ÖVP, SPÖ und FPÖ geflossen. Es geht um den Vorwurf der Untreue. Diesen Prozess will Hohenecker im Herbst verhandeln. Da gibt es dann eine Prozesspause für KHG. Ein Angeklagter scherzte unlängst: „Wir werden uns beim Altwerden zuschauen können.“