Politik | Inland
11.12.2017

"Sieben Jahre Kälte beginnen mit Sonnenschein"

Die Tage vor Hitlers Einmarsch. Ein neues Buch gibt Einblick in Politik und Alltag der Zeit, die zu Österreichs Untergang führte.

Gegensätzlicher könnten Titel und Inhalt des neuen Buches von Gerhard Jelinek nicht sein. Auf den ersten Blick weist "Es gab nie einen schöneren März" auf die Chronologie eines sonnendurchfluteten Frühlings hin. Doch hier geht es um jene 30 Tage, die zum Untergang Österreichs führten. Schön war nach Hitlers Einmarsch nur das Wetter.

Gerhard Jelinek erzählt, was sich zwischen 11. Februar und 12. März 1938 auf Haupt- und Nebenschauplätzen in aller Welt ereignete: Zwischen dem Tag des Geheimtreffens Hitlers mit dem österreichischen Bundeskanzler Schuschnigg auf dem Obersalzberg und dem Tag, an dem der "Anschluss" an Nazi-Deutschland erfolgte.

Während Schuschnigg nach Hitlers Drohung, Österreich militärisch zu überfallen, zurück nach Wien fährt, probt hier das Volksopernensemble für die Premiere "Gruß und Kuss in der Wachau". Österreichischer Alltag also, und kaum jemand ahnt, dass die Welt bald aus den Fugen gerät. Vorerst werden, um Berlin milde zu stimmen, alle politischen Gefangenen freigelassen, darunter NS-Mörder und Gewalttäter. Und die Regierung in Wien erhält zwei NS-nahe Minister.

Marcel Prawy reist abDer Musikfilm "Immer wenn ich glücklich bin" feiert in Wien Premiere. Kurz danach reist die jüdische Hauptdarstellerin Marta Eggerth mit Ehemann Jan Kiepura in die USA. In ihrer Begleitung: Privatsekretär Marcel Prawy.Die Bevölkerung erfährt wenig davon, was Hitler und Schuschnigg vereinbart haben. Der Wahrheit kommt eine Tagebucheintragung von Propagandaminister Goebbels nahe: "Führer macht mir Mitteilung vom Stand der Dinge. Er ist ziemlich rigoros mit Schuschnigg verfahren. Er will eventuell mit Gewalt vorgehen. Kanonen sprechen immer eine gute Sprache."Die Zeitungen geben frühjahrsbedingt Schlankheitstipps, Otto von Habsburg verlangt in einem Brief an Kurt von Schuschnigg "die eheste Wiedereinführung der legitimen Monarchie" und glaubt, Österreich auf diese Weise vor Hitler retten zu können.Auch wenn der junge Handelsminister (und spätere Staatsvertragskanzler) Julius Raab einen leichten Wirtschaftsaufschwung zu erkennen glaubt, kann nichts darüber hinwegtäuschen, dass Österreich ein notleidendes Land ist, während die NS-Propaganda das Deutsche Reich als Erfolgsmodell verkauft – das freilich auf Rüstung und enorme Staatsverschuldung aufgebaut ist.

Kanzler tritt zurückAm 6. März wird Lehárs Operette "Giuditta" an der Wiener Staatsoper aufgeführt – einmal noch mit Publikumsliebling Richard Tauber, der Tage später die Flucht antritt. Textautor Fritz Löhner-Beda wird 1942 in Auschwitz ermordet.

Kanzler Schuschnigg tritt am 11. März mit den Worten "Gott schütze Österreich" zurück. Um Mitternacht ist das Kanzleramt von SS- und SA-Männern besetzt und bald auch alle Schaltstellen der Republik. Viele Österreicher sind von einem Fieber der Begeisterung erfasst, andere erleben die Stunden mit Bangen. Hitler wird im Triumph empfangen, Wohnungen und Geschäfte werden "arisiert".

Unglaublich, was Gerhard Jelinek an historischen und scheinbar nebensächlichen Details zusammengetragen hat. "Sieben Jahre Kälte", schreibt er, "beginnen mit Sonnenschein". Ein schaurig-spannendes Stück Zeitgeschichte.