Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek, Staatssekretär Harald Mahrer: Debatte über neue Sanktionen im Schulbereich.

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KURIER-Interview
10/06/2014

Schulreform: "Haben keine magischen Bankomaten"

Gabriele Heinisch-Hosek vs. Harald Mahrer: Die rote Bildungsministerin und der schwarze Staatssekretär diskutieren ihre Reformpläne.

von Bernhard Gaul

Wie soll die Bildungsreform weitergehen? Im KURIER-Gespräch zeigen sich SPÖ-Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek und Staatssekretär Harald Mahrer, der für die ÖVP die Koordination der Bildungsstrategie übernommen hat, betont harmonisch.

KURIER: Frau Bundesministerin, Herr Staatssekretär, was soll später einmal vom Reformduo Heinisch-Hosek und Mahrer in Erinnerung bleiben?

Gabriele Heinisch-Hosek: Nachhaltige Maßnahmen. Die Quote der Kinder, die jetzt über keinen Pflichtschulabschluss verfügen, müssen wir senken. Ich möchte einen Pflichtschulabschluss für alle gewährleisten. Das muss möglich sein.

Harald Mahrer: Die beste Bildung für jedes Kind, kein Prekariat mehr. Dafür brauchen wir die besten Kindergärten, die besten Schulen. Das muss unser aller Ziel sein.

Was soll sich denn konkret ändern, was würden sie künftigen Eltern sagen?

Heinisch: Dass sie in fünf Jahren einen Rechtsanspruch für einen Kindergartenplatz ab dem ersten Lebensjahr haben. Das haben wir derzeit nicht. Aber mit den 300 Millionen Euro für die nächsten vier Jahre wird das möglich sein. Außerdem würde ich sagen: Euer Kind soll sich so wohlfühlen, dass der Übergang vom Kindergarten in die Volksschule reibungslos ist.

Mahrer: Ich würde mir eine ähnliche Idee wie die des Familien-Kind-Passes für die Bildung von Markus Hengstschläger wünschen. Damit könnten wir früh überprüfen, wie die Fertigkeiten sind. Und dann gezielt Kinder fördern, damit beim Eintritt in die Schule Chancengerechtigkeit besteht. Das heißt zum Beispiel Deutsch vor Schuleintritt.

Von Hengstschläger war die Idee, diesen Pass an die Auszahlung von Familienförderungen zu koppeln, damit Eltern mehr auf ihre Kinder schauen.

Mahrer: Es soll ein Mechanismus gefunden werden, damit niemand aus dem System rausrutscht. Ich habe noch keine Lösung parat, aber wir sollten schauen, dass möglichst viele, möglichst schnell auf einen gemeinsamen Stand kommen. Wir müssen wohl unterschiedliche Instrumente dafür anbieten, da bin ich bei der Ministerin – nur Freiwilligkeit bringt nicht immer die Ergebnisse. Wenn Kinder dem Unterricht nicht folgen können, tun wir niemandem etwas Gutes.

Heinisch: Ich bin keine Freundin von Maßnahmen, die an Bestrafungen gekoppelt sind. Ich würde lieber die Eltern begleiten, mit ihnen sprechen. Sie sollen ihre Scheu vor Bildungseinrichtungen verlieren. Jeder Österreicher hat seine eigene Geschichte mit der Schule und soll sich einbringen können.

Aber Sie, Herr Staatssekretär, können sich Sanktionen schon vorstellen?

Mahrer: Ja, und wir sollten sie auch diskutieren. Ich bin für einen evidenzbasierten Zugang: Lassen wir Fakten sprechen. Wenn es ein funktionierendes Modell ist, warum nicht. Und wenn es Menschen gibt, die nicht mitmachen wollen und damit allen schaden, dann ist es total legitim, über Maßnahmen nachzudenken.

Heinisch: Ich befürworte unser Modell, das wir bei der Regierungsklausur vereinbart haben. Mit Frühförderung und einem sanften Übergang in die Schule muss es möglich sein, Defiziten entgegenzuwirken. Aber wo wir uns einig sind: Je früher wir darauf schauen, dass Kinder das lernen, was sie nicht so gut können, desto besser. Wo Eltern nicht einschreiten, müssen das eben die Bildungseinrichtungen tun.

Die Daten, welche Schule wie gut im Vergleich abschneidet, sind nur dem Ministerium und den Schulräten bekannt. Haben die Eltern kein Recht auf diese Daten und mehr Transparenz?

Heinisch: Ich möchte nicht, dass Schule A mit Schulen B und C so verglichen wird, dass einige dann in Bedrängnis kommen. Wir haben ja Feedback-Instrumente.

Mahrer: Ein Schul-Bashing darf keinesfalls die Konsequenz sein.

Was wird Ihr nächster Reformschritt?

Heinisch: Da gibt es vieles. Wir wollen die Schnittstelle der Schule der 14-/15-Jährigen angehen, die berufsbildenden Schulen aufwerten, denn diese sind teils besser als ihr Ruf. Und wir wollen versuchen, dass wir Jugendliche nicht mehr auf ihrem Bildungsweg verlieren.

Mahrer: Oder die duale Ausbildung attraktiver machen, die Industrie zeigt uns, dass das nötig wäre.

Ist das langsame Ende der 50-Minuten Einheiten schon alles, oder kommt in Sachen Schulautonomie noch mehr?

Heinisch: Wir haben drei Punkte am Tisch, die noch verhandelt werden müssen: Zeitautonomie, Pädagogische Autonomie und Personalautonomie. Bei der Personalautonomie sollen Schulen mehr Mitsprache bekommen, wie das konkret aussieht, ist noch zu verhandeln. Und bei der Zeitautonomie planen wir Änderungen, das ist noch eine legistische Herausforderung, weil wir ja derzeit Lehrer nach den 50-Minuten-Einheiten bezahlen.

Mahrer: Für mich heißt Autonomie Gestaltungsmöglichkeiten und Freiräume. Die Schulleitungen wissen am besten, wie sie Lehrer-, Eltern-, und Schüler-nah gestalten. Das muss das Ziel sein.

Heinisch: Eine Idee soll nicht sieben Schreibtische passieren müssen, bevor sie dort landet, wo sie hingehört.

Mahrer: Autonomie ist schön, aber es braucht auch die finanziellen Mittel. Es gibt ja keine magischen Bankomaten in diesem Land ...

Das nicht, aber glauben Sie nicht, dass bei der Länder-Schulverwaltung eingespart werden kann?

Heinisch: Ja, es fehlt ein ordentliches Controlling und Einblick. Das wird im Zuge der Finanzausgleichsverhandlungen mit den Ländern zu diskutieren sein, keine Frage.

Mahrer: Ich bin skeptisch bei den Zahlen, was die Verwaltung nicht angeblich kosten soll. Aber bessere Fakten und Daten würden uns sicher helfen.

Heinisch: Und es gibt ja längst eine achtköpfige Bund-Länder-Expertengruppe, die tabulos dazu arbeitet. Ergebnis soll es Anfang 2015 geben.

Sie hören sich so harmonisch an, gibt es gar keine Reibungspunkte?

Heinisch: Dafür gibt es uns wohl in dieser Konstellation noch nicht lange genug (beide lachen).

Mahrer: Wir wollen ja das Beste für jedes Kind.

Zwei Expertengruppen zur Bildungsreform

Vor zehn Tagen wurde bei der Regierungsklausur in Schladming ein Sechs-Punkte-Bildungsprogramm beschlossen. Die Maßnahmen betreffen unter anderem den "Schulstart neu" , der die Übergangsphase vom Kindergarten in die Volksschule verbessern soll. Gestärkt werden soll die Schulautonomie, was den Einrichtungen dann ein eigenes Profil, und mehr personelle und zeitliche Autonomie ermöglichen soll.

Zudem wurde erklärt, dass eine Bildungsreformkommission der Regierung rasch ihre Arbeit aufnehmen und strategische Bildungsziele erarbeiten soll. Je vier Vertreter des Bundes und der Bundesländer werden vertreten sein. Wer der Kommission angehören wird, wollen Kanzler und Vizekanzler demnächst bekannt geben.

Diese Gruppe soll laut Bildungsministerin Heinisch-Hosek "tabulos" auch die Schulverwaltung durchforsten und Reformvorschläge erarbeiten. Besonders Doppelgleisigkeiten im System sollen beseitigt werden, in der Hoffnung effizienter und damit auch billiger arbeiten zu können. Derzeit herrscht teilweise ein Kompetenz-Wildwuchs zwischen Bund, Ländern und Gemeinden.

Aber auch in der ÖVP hat Parteichef Reinhold Mitterlehner ein eigenes Kompetenzteam ins Leben gerufen. Unter anderem werden der ehemalige KURIER-Schüleranwalt Andreas Salcher und Lehrer-Gewerkschaftschef Paul Kimberger versuchen, Reformideen zuerst innerhalb der Partei zu entwickeln, um sie danach in der Koalition diskutieren zu können.

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