Im März hatte Andrea Walach mit einem KURIER-Interview für Aufsehen gesorgt.

© KURIER/Gilbert Novy

Autonomie-Paket im Check
10/23/2016

Direktorin Walach: "Warten seit 15 Jahren auf Autonomie"

Autonomie-Paket: Die mutige Wiener NMS-Direktorin Andrea Walach bewertet die Schulreform durchwegs positiv.

von Ida Metzger

Schulexperte Andreas Salcher bezeichnet sie als "Heldin". Im März machte Direktorin Andrea Walach durch einen dramatischen Hilferuf den Notstand im Bildungsbereich öffentlich. Ein Drittel ihrer Schüler der Neuen Mittelschule Gassergasse in Wien-Margarethen sei am Arbeitsmarkt nicht vermittelbar, schilderte sie damals dem KURIER. Dramatische Fakten wie diese wollte das Ministerium nicht hören und verhängte über die Direktorin einen Maulkorberlass.

Mittlerweile ist die damalige Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek Geschichte. Ihre Nachfolgerin Sonja Hammerschmid hat diese Woche ein neues Schulpaket vorgestellt, das den Schulen mehr Autonomie sichert. Der KURIER hat bei der mutigen Direktorin Andrea Walach nachgefragt, welche neuen Chancen das Bildungspaket bietet.

KURIER: Frau Walach, wenn Schulen in einem Verbund – einem sogenannten Cluster – ihre Kräfte poolen können, ermöglicht das nun mehr Chancen? Indem man etwa die Infrastruktur anderer Schulen nutzen oder andere Lehrer ausborgen kann?

Andrea Walach: Die genauen Details kennen wir noch nicht. Ich kenne das Cluster-Modell aus Italien, wo ein Direktor aber nur drei Schulen managen muss und dafür sehr viel administratives Personal zur Verfügung gestellt bekommt. Das bedeutet, der Direktor in Italien ist für die pädagogischen Belange und für die Qualitätssteigerung zuständig. Das kann ich mir sehr gut vorstellen. Aber in Österreich soll ein Cluster bis zu acht Schulen umfassen. Das erscheint mir sehr hoch. Dadurch ist nicht gewährleistet, dass der Direktor ein Mal pro Woche in jeder Schule anwesend sein kann. Die Stimmung, die Umgangssprache und die Atmosphäre unter den Kinder in der jeweiligen Schule zu spüren, ist so nicht möglich.

Wie beurteilen Sie das Paket insgesamt? Hätten Sie sich mehr Reformpunkte gewünscht?

Dieses Paket ist für mich ein ganz großer Fortschritt, weil die Tür geöffnet wurde. Wir sehen jetzt, dass es die Bereitschaft für eine Zusammenarbeit gibt. Bis jetzt gab es auf der einen Seite das Ministerium und auf der anderen Seite waren die Schulen. Da existierten wenig Überschneidungen. Was jetzt beschlossen wurde, sind strukturelle Maßnahmen. Aber wir brauchen dringend und in naher Zukunft auch pädagogische Maßnahmen.

Einige Ihrer Lehrerkollegen befürchten, dass sich hinter dem Clustermodell und der Autonomie nur ein neues Sparpaket versteckt. Teilen Sie diese kritische Haltung?

Diese Gefahr existiert auf jeden Fall. Im Moment betont Unterrichtsministerin Sonja Hammerschmid bei jeder Gelegenheit, dass das Mehr an Autonomie kein verstecktes Sparpaket ist. Wenn es heißt, dass die Schülerhöchstzahl von 25 nicht eingehalten werden muss, bedeutet das für mich, dass sie auch unterschritten werden darf. Das wäre für mich dann kein Sparpaket. Man muss sich aber sehr genau anschauen, in welchen Bereichen Kinder zu größeren Einheiten zusammengefasst werden. Ich kann mir das sehr gut im AHS-Oberstufenbereich vorstellen, wo ich zu einer Thematik eine Einführungsveranstaltung mache. Anschließend arbeiten die Schüler in kleinen Gruppen weiter. Ich kann mir eine solche Veranstaltung, im Sinner einer Vorlesung, nicht an einer Neuen Mittelschule vorstellen.

Warum nicht?

Weil ich auf das einzelne Kind nicht eingehen kann. Wir haben in einer Klasse Kinder, die auf Sonderschulniveau sind, aber auch einige wenige Schüler, die AHS-Niveau haben. Fast alle unserer Schüler sprechen nicht gut Deutsch. Sie verständigen sich hauptsächlich in simplen Zwei-Wort-Sätzen wie: "Gemma Hof" oder "Gib Heft". Daher brauchen wir den Unterricht in Kleinstgruppen. Bei einer Art Vorlesung bekomme ich kein Feedback, ob die Kinder nun den Stoff verstanden haben. Wir haben nur Lerngruppen mit maximal 12 Kindern. Dadurch kann man als Lehrerin ständig diagnostizieren, ob die Kinder den Stoff verstanden haben oder ob sie nur deswegen ruhig sind, damit sie nicht aus der Reserve gelockt werden.

Die Umsetzung der Autonomie soll mithilfe von "Leuchtturmschulen" bis zehn Jahre dauern. Braucht es wirklich so lange?

Diesen langen Zeitraum verstehe ich auch nicht. Wir warten seit 15 Jahren auf diese Reform, die Umsetzung darf nicht weitere zehn Jahre dauern. Die Direktoren haben die Pläne schon lange im Kopf. Aufgrund meines Hilferufs im Frühjahr hat mein Schulstandort vom Stadtschulrat Wien eine sehr große Autonomie bekommen. Das Konzept haben wir innerhalb weniger Monate umgesetzt. Schon nach zwei Monaten registrieren wir die ersten großen Fortschritte.

Widerstand kam sofort vonseiten der Elternvereine und den Schulsprechern, weil es für diese beiden Gruppen künftig weniger Mitspracherecht geben soll. Ärgert es Sie, dass als erster Reflex gleich die Blockadehaltung kommt?

Im Prinzip muss jede Änderung mit dem Schulgemeinschaftsausschuss abgestimmt werden. Das heißt, das Direktorium braucht einen Beschluss von der Elternschaft und von den Lehrern. Deswegen glaube ich nicht, dass es hier zu einer neuen Machtposition des Direktors kommen wird. Die Befürchtungen sind übertrieben.

Sie dürfen sich künftig die Lehrer für Ihre Schulstandort auswählen, können aber nach wie vor keinen Lehrer kündigen. Wäre das nicht schon ein längst überfälliger Schritt?

Ich wäre froh, wenn ich mir das Lehrpersonal aussuchen könnte. Im Moment bin ich glücklich, wenn ich überhaupt genügend Lehrerinnen für die Neue Mittelschule bekomme.

Selbst die Lehrergewerkschaft gibt zu, dass fünf Prozent der Lehrer für den Beruf ungeeignet sind. Aber es gibt kein Modell, was mit dieser doch sehr großen Anzahl an Lehrer passieren soll.

Eine Lehrerin, die angestellt wird, bekommt einen befristeten Vertrag. Werden in den ersten vier Jahren besonders großes pädagogisches Ungeschick oder gravierende Fehlleistungen festgestellt, dann kann ich als Schulleiterin sofort eingreifen und mich gegen die Verlängerung des Vertrages aussprechen. Danach habe ich keine Handhabe mehr.

Die Regierung hat ein 750-Millionen-Paket für den Ausbau der Ganztagsschulen verabschiedet. Die ÖVP beharrte auf der Wahlfreiheit zwischen Nachmittagsbetreuung und Ganztagsschule. Was favorisieren Sie?

Ich bin ganz klar für die Wahlfreiheit. Auch die Vorgabe, dass wir alle 20 Kilometer eine Ganztagsschule brauchen, halte ich nicht für optimal. Im ländlichen Bereich ist der Bedarf nicht so groß, in der Stadt ist er dafür umso größer. Daher soll man die Ganztagsschulen bedarfsgerecht einführen. Außerdem würde eine verpflichtende Ganztagsschule die individuelle Begabungsförderung für die Kinder sehr minimieren.

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