Politik | Inland
07.05.2017

Jetzt reden die Schul-Praktiker

Schulautonomie: Bekommen Direktoren mehr Freiheit oder nur mehr Verantwortung? Was sie zur Reform sagen.

Was letztendlich von der Schulreform übrig bleibt, oder ob überhaupt eine Reform beschlossen werden kann, lässt sich derzeit schwer abschätzen. Grundsätzlich plant die Regierung, den Schulen deutlich mehr Gestaltungsspielraum zu überantworten. Es wird kein zusätzliches Geld geben, doch die Schuldirektoren sollen innerhalb ihrer Schule die vorhandenen Lehrer-Ressourcen je nach Bedarf optimal einsetzen können, sie sollen aber auch am Erfolg ihrer Schule gemessen werden. Damit auch Kleinstschulen mit weniger als hundert Kindern erhalten bleiben können, sollen Schulverbände ("Schulcluster") entstehen, die innerhalb eines Clusters alle Ressourcen (Turnsäle, Laborräume, Pädagogen) bündeln sollen.

Es wird also zu einem wesentlichen Teil an den Direktoren liegen, ob ihr Schulstandort von der Reform profitieren kann.

Aber finden die Reformpläne überhaupt Zustimmung unter den Direktoren? Der KURIER hat sich in den Schuldirektionen bei Befürwortern und Gegnern umgehört.

"Gut für Schulprojekte"

Direktor Josef Reichmayrleitet die Integrative Lernwerkstatt Brigittenau. Sein Schulverband – eine öffentliche Ganztagsschule und Gemeinsame Schule für 6- bis 15-Jährige in einer gemeinsam geführten Volks- und Neuen Mittelschule – nimmt bereits viel vorweg, was mit der Reform für alle möglich sein soll. So sieht er auch die Auflösung der 50-Minuten-Einheiten („für Schulen, die einen ganzheitlichen Lern-Ansatz verfolgen, eine Unterstützung und Legalisierung der Arbeit“) positiv, als auch die Freigabe der 25-Schüler-Klassengrößen („für einen projektorientierten Lern-Ansatz mit variablen Vertiefungsgebieten und einem Wechsel von Klein- und Großgruppenarbeiten“). Zwei wesentliche Elemente vermisst er in der Reform: Statt Lehrer-Stunden zu zählen, plädiert er für eine verpflichtende Anwesenheits- und Arbeitszeit von zum Beispiel 30 Stunden pro Woche. Und er schlägt ein besseres Betreuungsverhältnis für Schüler mit nicht-deutscher Muttersprache vor.

Frust über neue Reformen

Direktorin Isabella Zins vom BORG Mistelbach ist kritisch, für sie ist die Bildungsreform „im besten Fall gut gemeint“. Die Lehrer hätten nicht, wie das Ministerin Hammerschmid glaube, bloß „Angst vor den neuen Gestaltungsmöglichkeiten“. Wer mit Lehrern spreche, erlebe „keinen wahrnehmbaren Wunsch nach Clustern, der Inklusion oder der Abschaffung der Klassenschülerhöchstzahlen oder Teilungszahlen“.
Thema unter den Lehrern sei vielmehr „die zunehmende Belastung, durch die schwieriger werdenden Bedingungen in den Klassen und den enormen Mehraufwand durch die Dauerreformen der letzten Jahre, der in der Öffentlichkeit paradoxerweise als Stillstand wahrgenommen wird. Lehrer aller Schularten empfinden zunehmend Ohnmacht gegenüber dem, was ‚von oben‘ verordnet wird, sowie Frustration und Resignation.“ Und als neu propagierte Methoden wie das kompetenzorientierte Unterrichten hätten ohnehin längst im Schulalltag Einzug gehalten.

"Nicht zu Ende gedacht"

Direktor Thomas Douschanvon der HLA Baden sieht besonders kritisch, dass ständig Neues begonnen werde, „ohne das Ganze zu Ende zu denken. Mich stört, dass man jene, die betroffen sind und operativ in den Schulen
arbeiten, weder im Vorfeld, noch in der Durchführung und auch nicht in der Evaluierung befragt. Jeder Minister und jede Ministerin, die
im Bildungsbereich tätig ist, will meines Erachtens nur
einen Akt der Selbstverwirklichung setzen, ohne wirklich zu hinterfragen, was das für den Schulalltag und die Schüler bringt.“
Konkret ärgert er sich über das Tempo der letzten Reformen, bei der Zentralmatura oder der neuen Oberstufe. „Das waren alles massive Veränderungen.“
Welche Reform würde er sofort umsetzen? „Sofort würde ich gar keine Reform haben wollen. Zuerst sollten wir alle Betroffenen fragen, wo sie Potenzial für Verbesserungen sehen – und das dann unter Einbeziehung aller Beteiligten auch Schritt für Schritt umsetzen.“

"Mehr Freiheit ist positiv"

Direktor Stefan Wenkavon der HTL Ettenreichgasse in Wien sieht vieles, was die Reform am Schulstandort ändern soll, an seiner Schule schon erprobt. „Wir haben etwa schon mehr oder minder eine personelle Autonomie, neue Pädagogen und Techniker stellen sich meist zuerst bei mir vor, und wir können dann in guter Absprache mit dem Stadtschulrat die richtigen Leute zu uns holen.“
Gut findet er auch, dass es mehr Freiheiten bei der Gestaltung und Art des Unterrichts geben soll. „An unserer HTL hatten wir in der Oberstufe jetzt schon eine gewisse Autonomie, wie wir den Alltag gestalten, ab wann wir morgens offen haben, und wann die Schüler die Schule wieder verlassen. Dieses Mehr an Freiheit für alle ist sicher positiv.“
Auch die finanzielle Autonomie habe er schon „in gewisser Weise. Wir bekommen ein Budget, können darüber verfügen und rechnen alles streng über die Bundesbuchhaltungsagentur ab. Wir können also selbst entscheiden, welche Dinge wir ankaufen.“

"Immer nur Reförmchen"

Direktor Leopold Mayer von der HLWA Hollabrunn sieht „schon seit den Reformen der Ministerin Schmied nur sehr, sehr viel Wind, doch die Inhalte waren dann doch sehr gering. Ich frage mich, warum man nicht echte, keine selbst ernannten, Experten aus allen Bereichen an einen Tisch setzt und wirklich eine Reform entwickelt, die dann in den nächsten zwanzig Jahren umgesetzt wird. Wir machen aber nur Reförmchen. So werden alle nur fortwährend verunsichert.“

Er habe schon sehr viele Freiheiten als Direktor, und das sei auch gut,
unverständlich sei für ihn, warum das Volksschul- und NMS-Direktoren erst jetzt bekommen. „Ich hätte aber gerne mehr finanzielle Autonomie, das würde sicher viel bringen.“

Nicht gut findet er auch, dass bis zu acht Schulen in einem Schulverbund (Cluster) kommen können. „Das sind viele zu viele. Und warum kann man nicht Pflichtschulen und Höhere Schulen in einen Cluster geben. Das hat pädagogisch viel mehr Sinn.“

"Reglements fallen weg"

Direktorin Andrea Walach gibt zu Bedenken, dass die Reform noch nicht beschlossen ist, also noch verändert werden könnte. „Ich begrüße und finde sehr gut, dass die Schule mehr Freiheiten haben soll, am Standort mehr zu gestalten und mit den Kinder arbeiten kann, ohne sich an besondere Gesetze oder Vorgaben halten muss, sondern pädagogisch sinnvoll gestalten kann.“
Gut sei weiter, dass man „nicht mehr lange fragen muss, ob große Schulversuche oder Kleinigkeiten erlaubt werden. Diese Reglements, die wir überall hatten und die uns in allen Dingen sehr gebremst haben, wenn die wegfallen, wäre das sicher gut für die Kinder.“
Walach teilt aber die Sorgen, die vor allem von Lehrern aus Städten artikuliert wird, nämlich dass die Auflösung der Klassenschülerhöchstzahl zu größeren Klassen führen könnte. „Das wäre nicht im Sinn der Kinder. Bei besonders heterogenen Klassen würde ich mir eher nur elf oder zwölf Kinder wünschen, um optimal unterrichten zu können.“